Was gültig bleibt – Seite 1

Wer sich bei Facebook anmeldet, kann leicht das Gefühl bekommen, vor einem gewaltigen Supermarktregal zu stehen. Überwältigend ist die Auswahl an Geschlechtskategorien, die ihm präsentiert wird – androgyn, bigender, Frau zu Mann (FzM), gender variabel, genderqueer, intersexuell, Mann zu Frau (MzF), transmaskulin, weiblich-transsexuell und so fort. Wo man früher auf zwei Geschlechter verteilt wurde, hat man heute zwischen sechzig zu wählen!

Überall sind nach diesem Muster die Optionen ins Unermessliche gewachsen. Das ist eine schöne Sache. Aber auch höchst herausfordernd: Nie war es schwerer, sich zu entscheiden. Und selbst wenn wir eine Entscheidung treffen, ist sie meist nur vorläufig, weil der rasende Wandel der Welt es erfordern kann, sie zu revidieren oder neuen Gegebenheiten anzupassen. Unter dieser Bedingung lautet der gesellschaftliche Imperativ für jeden, der vorankommen will: Maximiere deine Anschlussoptionen! Sei so unverbindlich wie der Sonnenschein im April!

Das Problem ist nur: Dieser Wandel, auf den sich der Mensch einstellen müsste, ist kaum vorhersehbar. Durch globale Verflechtungen haben die ökonomischen, technischen, politischen und sozialen Systeme in den letzten Jahren stark an Komplexität gewonnen – bis zum Punkt totaler Undurchschaubarkeit. So entsteht immer öfter die präzise, von Kafka vorweggenommene Empfindung, die Welt werde von anonymen, in Hinterzimmern ausgehandelten Verfahren regiert, schlimmer noch, von Prozessen bestimmt, die einer Steuerung gar nicht mehr zugänglich sind.

Dem Menschen, der sich inmitten dieser Funktionszusammenhänge als ohnmächtig empfindet, hat es nicht weitergeholfen, dass ihm der Neoliberalismus die Verantwortung zuschob für alles, was ihm zustößt. Der Neoliberalismus ist ein System, das allein dem Markt vertraut. Der braucht nicht reguliert zu werden, der Mensch hingegen schon. Er wurde zum Objekt einer ausgereiften Misstrauenskultur, eines Dauer-Testbetriebs: Auf allen Ebenen wird im Neoliberalismus evaluiert, auf jeder Stufe ein neues Rating hervorgezaubert, das Leben muss sich Tag für Tag neu bewähren, wird Schritt für Schritt bemessen.

Wer sich gegen dieses Misstrauen nicht behaupten konnte, sollte unsanft fallen. Der Rechtsanspruch des Bürgers gegenüber dem Staat wurde etwa beim Arbeitslosengeld zu einem Schuldverhältnis umgemodelt. Und was man dem Staat alles schuldet: Bewerbungen schreiben, Fortbildungen besuchen, zu Motivations- und Beratungsgesprächen erscheinen, jederzeit abrufbar sein. Auch diese Maßnahmen sind aus dem Misstrauen geboren, aus der Idee, einer könne sich unrechtmäßig etwas erschleichen oder vergessen, was er schuldig ist. Ja, ein Arbeitsloser könne sich unschuldig fühlen, in einer Hängematte liegen, das Leben genießen, sich in Sicherheit wiegen!

Wen wundert es, dass nun überall die Überforderten und Verunsicherten murren. Sie strömen zum Front National, zu Ukip und der AfD. Und zwar nicht primär, so erklärt es der französische Soziologe Alain Mergier, weil diese Parteien fremdenfeindlich, rassistisch und antisemitisch auftreten, sondern weil ihr kruder Diskurs ein Spiegel ist, in dem die Überforderten "ihre eigenen sozialen Erlebnisse wiedererkennen: das Brüchigwerden der sozialen Verbindungen, deren wachsende Verwundbarkeit, die Nichtvorhersehbarkeit des nächsten Tages".

Die gegenwärtige Situation setzt sich also aus drei Krisen zusammen, die sich teils gegenseitig bedingen, verstärken und überschneiden: aus einer Krise des Vertrauens, einer Krise der Komplexität und einer Krise der Wahlfreiheit angesichts multipler Optionen. Auf all diese drei Krisen, scheint mir, gibt es eine schlichte Antwort. Sie lautet: Mehr Verbindlichkeit! Mehr Verbindlichkeit im zwischenmenschlichen Alltag und mehr Verbindlichkeit auf gesellschaftspolitischer Ebene. Verbindlichkeit schafft Vertrauen, reduziert Komplexität und verstetigt einmal getroffene Entscheidungen.

Nur: Welcher Art und aus welchem Geiste soll diese Verbindlichkeit sein? Es wäre ein Leichtes, Verbindlichkeit einzufordern und als Begründung die Verunsicherung ins Feld zu führen, die mit der modernen Technologie einhergeht. Die permanente technologische Revolutionierung unserer Lebenswelten ist es schließlich, die uns der Unverbindlichkeit entgegenführt – und zwar seit Langem. Der alte Stechlin stöhnt in Theodor Fontanes Roman aus dem späten 19. Jahrhundert über die Unverbindlichkeit von Telegrammen auf die gleiche Weise, wie wir es heute über die unverbindliche Kommunikation in den sozialen Netzwerken tun, wo eine Zusage auf eine Einladung mitnichten heißt, man werde kommen, sondern eben nur, dass man die Einladung zur Kenntnis genommen hat, um erst im letzten Augenblick zu entscheiden, ob man ihr folgt, weil sich immer noch eine andere Abendveranstaltung ergeben könnte, die vielleicht interessanter, spannender und exklusiver ist.

Eine reaktionäre Verlockung

Ist die geschlossene Welt der Vormoderne unser aller Fluchtpunkt?

Ein Leichtes also, die Verbindlichkeit als einen Wert zu formulieren, von dem man hoffen würde, er wäre Sand im Getriebe der alles zur Auflösung treibenden technologischen Maschinerie. Die gute alte Ehe! So könnte man seufzen. Die gute alte Festanstellung! Und die gute alte Weltanschauung erst, die man heute, sofern es sie noch gibt, so wenig zur Schau trägt wie Unterwäsche, aber ebenso oft wechselt. Kurz: Es bietet sich an, die Verbindlichkeit als einen vormodernen Wert aufzufassen, zu dem wir, erschöpft von den Exzessen der Moderne, diesem großen Durcheinander, zurückkehren – mit der biedermeierlichen Freude, all das zu finden, was sich schon einmal bewährte, was einmal feststand.

Wollen wir das, wenn wir von Verbindlichkeit träumen? Ist die Welt der Vormoderne der oft uneingestandene Fluchtpunkt unserer Überlegungen? Das wäre heikel. Man kann auf diesem Weg schnell einer reaktionären Verlockung verfallen, in Richtung AfD und anderer Fundamentalismen abgleiten. Andererseits könnte hier auch ein halbwegs akzeptabler Konservatismus Wurzeln schlagen; ein Konservatismus, wie ihn der Soziologe Ralf Dahrendorf formulierte, als er 1983 mit gemischten Gefühlen auf das Meer der Möglichkeiten schaute, das uns die Moderne beschert hat: "Optionen sind leere Wahlchancen, wenn die Koordinaten fehlen, die ihnen Sinn geben", schrieb er und fuhr fort: "Diese Koordinaten aber bestehen aus tiefen Bindungen, die ich Ligaturen nenne." Gut zehn Jahre später griff er den Begriff der Ligaturen erneut auf. Nun hieß es: "Vielleicht kann man von einer Tiefenkultur sprechen, die Menschen hält und leitet. Alle Erwägungen dieser Art führen zurück zu 'Bindungen', die eine gewisse 'Verbindlichkeit' haben: Religion, Obligation, die lateinische Vokabel ligare kehrt wieder, weshalb ich vorgeschlagen habe, hier von Ligaturen zu sprechen. Ligaturen sind also tiefe kulturelle Bindungen, die Menschen in die Lage versetzen, ihren Weg durch die Welt der Optionen zu finden."

Das klingt überzeugend, eine Tiefenkultur als Kompass, um im Offenen der Moderne navigieren zu können. Allerdings wird nicht recht deutlich, was man sich unter dieser Tiefenkultur vorzustellen hat. Eine Art Leitkultur? Dahrendorf geht leider selbst nicht in die Tiefe. Er spricht lediglich von "Zugehörigkeiten zu Familie und Gemeinde, Traditionsgruppe und Kirche". Trotz dieser spärlichen Angaben lassen sich zwei Dinge festhalten: Die Bindungen und ihre Verbindlichkeit erwachsen laut Dahrendorf schicksalhaft aus einer geteilten Vergangenheit, sie sind nicht frei wählbar. Und sie sind von partikularer Reichweite. Einige kommen in ihren Genuss, andere nicht.

Mein Gegenvorschlag lautet, die Verbindlichkeit aus einer gemeinsamen Zukunftsvision abzuleiten, sie universal zu fundieren und als etwas zu begreifen, das nicht kollektiv vorgegeben ist, sondern vom souveränen Individuum selbst entschieden wird.

Erst mal gewinnt für mich die Verbindlichkeit überhaupt erst aus der technologischen Verfassung unserer Welt ihren Wert. Die Technik und der Kapitalismus – von dem es schon im Kommunistischen Manifest heißt, dass er "alles Ständische und Stehende verdampft" – haben uns herausgerissen aus den traditionellen Bindungen und dem Offenen überantwortet. Erst jetzt können wir uns aus eigener Kraft verbindlich zeigen. War in der Vormoderne Verbindlichkeit eine Zwangsveranstaltung, ein Erbe der Zeit, das man nicht ausschlagen konnte, ohne gewaltige gesellschaftliche Nachteile auf sich zu nehmen, und war früher die Unverbindlichkeit ein Ausweis geistiger Fortschrittlichkeit, um verkrustete Verhältnisse aufzubrechen, so ist es heute gerade umgekehrt: Jetzt kann Verbindlichkeit eine Errungenschaft sein, der Zeit abgerungen, die sie zu verhindern sucht. In diesem Sinne ist Verbindlichkeit ein Weg, sich selbst zu programmieren. Das ist umso wichtiger, weil man die Programmierung sonst anderen und den wechselnden Umständen überließe.

Programmierung: Für Konservative ist diese Vokabel ein rotes Tuch. Sie wittern dahinter einen technikverfallenen Machbarkeitswahn, den Versuch, ebendas auszuschalten, was das menschliche Dasein im Innersten beseele, die Spontaneität, das Unverfügbare, Unkontrollierbare, Unberechenbare. Das ist hier mit Programmierung nicht gemeint. Ein Sachverhalt, der klarer wird, wenn der Begriff aus dem Griechischen ins Deutsche übertragen wird. Gramma bedeutet das Geschriebene, der Buchstabe, programma das Vorgeschriebene, die Vorschrift.

Nun gibt es große Mengen von Vorschriften. Viele kann man getrost in die Tonne treten. Nicht aber das Prinzip der Vorschrift. Denn nur dadurch kann sich etwas ereignen, das der Vorschrift widerspricht – das sich als unkontrollierbar erweist und denjenigen, der Vorschriften folgt, vor jene Herausforderung stellt, zu der er im Nachhinein lediglich sagen kann: C’est la vie – so spielt das Leben! Wer hingegen keiner Vorschrift folgt, der rechnet mit allem, selbst noch mit dem Unberechenbaren, das damit seine Funktion verliert.

Verbindlich sein bedeutet, buchstabengetreu zu dem zu stehen, was man sich vorschreibt, und auch die unabsehbaren Folgen zu tragen, die dieses Programm notwendig haben wird. Darum ist die Verbindlichkeit ein Abenteuer, vielleicht das größte Abenteuer schlechthin, das wie alle großen Abenteuer beseelt ist von der Passivität: Hat man seinen Einsatz getätigt, kann man die Dinge ihrem Lauf überlassen. All jene, die beispielsweise bei Facebook als Geschlecht "bigender" wählen, sollten dabei bleiben. Sie sollten es sich zum Schicksal machen, "bigender" zu sein, und nicht bei nächster Gelegenheit auf das Geschlecht der "Nicht-Binären" umsatteln.

Menschenrechte werden mit Füßen getreten

Das Problem unserer Zeit ist also nicht ein Exzess der Bindungslosigkeit, sondern ein Mangel an selbstgesetzter Verbindlichkeit.

Dennoch sollte auch diese freie Verbindlichkeit eingebunden bleiben in einen kollektiven Rahmen, sonst würde ich nur eine weitere Privatisierung der Verantwortung im Stil des Neoliberalismus propagieren. Was also kann kollektiv Verbindlichkeit stiften, wenn eine geteilte Geschichte dafür nicht infrage kommt? Nur eine gemeinsame Zukunft.

In der Theorie werden die Menschenrechte unterschätzt, in der Praxis mit Füßen getreten

Über diese Zukunft herrschte bei der Gründung der Vereinten Nationen bereits Einigkeit: Friede auf Erden ist das oberste Ziel. Der Weg dorthin verläuft über die universellen Menschenrechte. In der Praxis werden diese Rechte meist missachtet, in der Theorie unterschätzt. Aber das ändert nichts daran, dass ihre Deklarierung 1948 und ihre Erweiterung um kulturelle und soziale Belange 1966 einen Meilenstein der Menschheitsgeschichte darstellen.

Die Menschenrechte beruhen nicht auf einem Vertragsdenken, sind nicht an Pflichten gekoppelt, sondern fordern aus sich selbst heraus eine absolute Gültigkeit. Sie haben zudem eine affektive, soziale Seite. Sie sind Ausdruck eines tiefen Gefühls von Zusammengehörigkeit, des Gefühls, einer Familie zu entstammen. In diesem Sinne sind die Menschenrechte natürlich eine Utopie geblieben. Recht auf Arbeit und angemessene Bezahlung, Recht auf Wohnen, Recht auf Bildung, Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben, Recht auf den besten erreichbaren Gesundheitszustand: Nicht mal in Deutschland sind diese Menschenrechte ausreichend gewährleistet.

Doch eine universelle Verbindlichkeit kann nicht bei den Menschenrechten haltmachen: Sie muss auf kommende Generationen und deren Existenzbedingungen bezogen sein, auf die Ökologie. Ja, sie muss noch über den Menschen selbst hinausreichen, um ihn, neben nichtmenschlichem Leben, als Teil der Existenzbedingung der Welt im Ganzen zu umfassen. Ob uns notorisch selbstverliebten Menschen das gelingt? Danach sieht es zurzeit nicht aus. Aber es könnte nicht schaden, würden wir die Verbindlichkeit gegenüber der Natur überhaupt einmal anerkennen und ihr Gegenteil, das unverbindliche Tun und Lassen im eingeschliffenen Gefühl der Folgenlosigkeit, als eine der großen mörderischen Ideologien unserer Zeit demaskieren.

Jedenfalls sind die Bindungen, vor die uns der Universalismus stellt, allesamt projektiv: Sie können über ihre Ziele gesellschaftlich integrierend wirken. Das lässt sich auch auf die Kultur übertragen, die als allgemein zugänglicher Bestand definiert werden sollte, nicht als ausschließender Besitz. Entscheidend ist, dass dieser partikulare Bestand vom Universellen her erschlossen wird: nicht als eine Tiefenkultur mit Bindungskraft, sondern als Stil und Spiel – was dann von dem einen oder anderen, Schriftstellern und Künstlern zum Beispiel, durchaus mit "heiligem Ernst" betrieben werden mag.

Die Verbindlichkeit verkoppelt das Private mit dem Politischen. Sie ist die Basis eines gelingenden Identitätsentwurfs jenseits von Charakterlosigkeit, verspielter Belanglosigkeit oder selbstverleugnender Marktanpassung. Und sie ist, universell gewendet, das einzige widerspruchsfrei formulierbare gemeinschaftliche Projekt, das posttraditionale Gesellschaften zusammenhalten kann.

Dieser Text basiert auf dem Buch "Verbindlichkeit. Plädoyer für eine unzeitgemäße Tugend", das am 16. Dezember bei Rowohlt erscheint (256 S., 19,95 €)