Ist die geschlossene Welt der Vormoderne unser aller Fluchtpunkt?

Ein Leichtes also, die Verbindlichkeit als einen Wert zu formulieren, von dem man hoffen würde, er wäre Sand im Getriebe der alles zur Auflösung treibenden technologischen Maschinerie. Die gute alte Ehe! So könnte man seufzen. Die gute alte Festanstellung! Und die gute alte Weltanschauung erst, die man heute, sofern es sie noch gibt, so wenig zur Schau trägt wie Unterwäsche, aber ebenso oft wechselt. Kurz: Es bietet sich an, die Verbindlichkeit als einen vormodernen Wert aufzufassen, zu dem wir, erschöpft von den Exzessen der Moderne, diesem großen Durcheinander, zurückkehren – mit der biedermeierlichen Freude, all das zu finden, was sich schon einmal bewährte, was einmal feststand.

Wollen wir das, wenn wir von Verbindlichkeit träumen? Ist die Welt der Vormoderne der oft uneingestandene Fluchtpunkt unserer Überlegungen? Das wäre heikel. Man kann auf diesem Weg schnell einer reaktionären Verlockung verfallen, in Richtung AfD und anderer Fundamentalismen abgleiten. Andererseits könnte hier auch ein halbwegs akzeptabler Konservatismus Wurzeln schlagen; ein Konservatismus, wie ihn der Soziologe Ralf Dahrendorf formulierte, als er 1983 mit gemischten Gefühlen auf das Meer der Möglichkeiten schaute, das uns die Moderne beschert hat: "Optionen sind leere Wahlchancen, wenn die Koordinaten fehlen, die ihnen Sinn geben", schrieb er und fuhr fort: "Diese Koordinaten aber bestehen aus tiefen Bindungen, die ich Ligaturen nenne." Gut zehn Jahre später griff er den Begriff der Ligaturen erneut auf. Nun hieß es: "Vielleicht kann man von einer Tiefenkultur sprechen, die Menschen hält und leitet. Alle Erwägungen dieser Art führen zurück zu 'Bindungen', die eine gewisse 'Verbindlichkeit' haben: Religion, Obligation, die lateinische Vokabel ligare kehrt wieder, weshalb ich vorgeschlagen habe, hier von Ligaturen zu sprechen. Ligaturen sind also tiefe kulturelle Bindungen, die Menschen in die Lage versetzen, ihren Weg durch die Welt der Optionen zu finden."

Das klingt überzeugend, eine Tiefenkultur als Kompass, um im Offenen der Moderne navigieren zu können. Allerdings wird nicht recht deutlich, was man sich unter dieser Tiefenkultur vorzustellen hat. Eine Art Leitkultur? Dahrendorf geht leider selbst nicht in die Tiefe. Er spricht lediglich von "Zugehörigkeiten zu Familie und Gemeinde, Traditionsgruppe und Kirche". Trotz dieser spärlichen Angaben lassen sich zwei Dinge festhalten: Die Bindungen und ihre Verbindlichkeit erwachsen laut Dahrendorf schicksalhaft aus einer geteilten Vergangenheit, sie sind nicht frei wählbar. Und sie sind von partikularer Reichweite. Einige kommen in ihren Genuss, andere nicht.

Mein Gegenvorschlag lautet, die Verbindlichkeit aus einer gemeinsamen Zukunftsvision abzuleiten, sie universal zu fundieren und als etwas zu begreifen, das nicht kollektiv vorgegeben ist, sondern vom souveränen Individuum selbst entschieden wird.

Erst mal gewinnt für mich die Verbindlichkeit überhaupt erst aus der technologischen Verfassung unserer Welt ihren Wert. Die Technik und der Kapitalismus – von dem es schon im Kommunistischen Manifest heißt, dass er "alles Ständische und Stehende verdampft" – haben uns herausgerissen aus den traditionellen Bindungen und dem Offenen überantwortet. Erst jetzt können wir uns aus eigener Kraft verbindlich zeigen. War in der Vormoderne Verbindlichkeit eine Zwangsveranstaltung, ein Erbe der Zeit, das man nicht ausschlagen konnte, ohne gewaltige gesellschaftliche Nachteile auf sich zu nehmen, und war früher die Unverbindlichkeit ein Ausweis geistiger Fortschrittlichkeit, um verkrustete Verhältnisse aufzubrechen, so ist es heute gerade umgekehrt: Jetzt kann Verbindlichkeit eine Errungenschaft sein, der Zeit abgerungen, die sie zu verhindern sucht. In diesem Sinne ist Verbindlichkeit ein Weg, sich selbst zu programmieren. Das ist umso wichtiger, weil man die Programmierung sonst anderen und den wechselnden Umständen überließe.

Programmierung: Für Konservative ist diese Vokabel ein rotes Tuch. Sie wittern dahinter einen technikverfallenen Machbarkeitswahn, den Versuch, ebendas auszuschalten, was das menschliche Dasein im Innersten beseele, die Spontaneität, das Unverfügbare, Unkontrollierbare, Unberechenbare. Das ist hier mit Programmierung nicht gemeint. Ein Sachverhalt, der klarer wird, wenn der Begriff aus dem Griechischen ins Deutsche übertragen wird. Gramma bedeutet das Geschriebene, der Buchstabe, programma das Vorgeschriebene, die Vorschrift.

Nun gibt es große Mengen von Vorschriften. Viele kann man getrost in die Tonne treten. Nicht aber das Prinzip der Vorschrift. Denn nur dadurch kann sich etwas ereignen, das der Vorschrift widerspricht – das sich als unkontrollierbar erweist und denjenigen, der Vorschriften folgt, vor jene Herausforderung stellt, zu der er im Nachhinein lediglich sagen kann: C’est la vie – so spielt das Leben! Wer hingegen keiner Vorschrift folgt, der rechnet mit allem, selbst noch mit dem Unberechenbaren, das damit seine Funktion verliert.

Verbindlich sein bedeutet, buchstabengetreu zu dem zu stehen, was man sich vorschreibt, und auch die unabsehbaren Folgen zu tragen, die dieses Programm notwendig haben wird. Darum ist die Verbindlichkeit ein Abenteuer, vielleicht das größte Abenteuer schlechthin, das wie alle großen Abenteuer beseelt ist von der Passivität: Hat man seinen Einsatz getätigt, kann man die Dinge ihrem Lauf überlassen. All jene, die beispielsweise bei Facebook als Geschlecht "bigender" wählen, sollten dabei bleiben. Sie sollten es sich zum Schicksal machen, "bigender" zu sein, und nicht bei nächster Gelegenheit auf das Geschlecht der "Nicht-Binären" umsatteln.