Neues Hirn für alle

Sie wollen einem Menschen mit postfaktisch gefährdeter Ratio zeigen, wie Wissenschaft funktioniert? Dann verschenken Sie Gerd Kempermanns Revolution im Kopf. Der Hirnforscher aus Dresden erzählt lesbar, beispielhaft und ungemein spannend, wie ein Dogma kippt: in diesem Fall die Behauptung, Nervenzellen im Gehirn könnten sich nicht erneuern. Psychokrimi, historische Analyse, Lehrbuch – Kempermann zeigt, wie sich die inspirierende Macht des wissenschaftlichen Zweifels erst langsam, dann immer schneller entfaltet. Und er tut das kenntnisreich. Kein Wunder: Kempermann selbst war am Sturz des Dogmas beteiligt.

Ihre Ratio ist bestens geschützt und die Ihrer Freunde auch? Dann lesen Sie dieses Buch, weil es eine wunderbare Einführung in Wissenschaftstheorie und Wissenschaftssoziologie ist. Und weil Sie nebenbei noch Entscheidendes über Ihr Gehirn lernen. Andreas Sentker

Gerd Kempermann: Die Revolution im Kopf. Droemer Verlag, München; 302 S., 22,99 €

Naturkunde als Kunstwerk

Meeresquallen mit aberwitzig vielen Tentakeln, kunstvoll nachkoloriert in Blau, Gelb, Rot. Oder winzige Strahlentierchen, deren geometrische Strukturen an außerirdische Wesen erinnern, kontrastreich in Schwarz-Weiß. Meisterhaft illustrierte der deutsche Freidenker Ernst Haeckel vor mehr als hundert Jahren seine "Kunstformen der Natur " – und machte hierzulande die Evolutionslehre bekannt.

Das Natural History Museum in London besitzt viele Erstausgaben naturhistorischer Kunststücke. Der Essayband Meisterwerke der Naturgeschichte stellt sie vor. Dazu gibt es 36 Nachdrucke: Pythons aus Albertus Sebas Locupletissimi Rerum Naturalium Thesauri, den Kubaflamingo aus John James Audubons The Birds of America oder eine Königin der Nacht und eine Paradiesvogelblume von Robert John Thornton. Urs Willmann

Judith Magee (Hrsg.): Meisterwerke der Naturgeschichte – Schätze aus der Bibliothek des Natural History Museum, London. Haupt Verlag, Bern; 224 S., dazu 36 Nachdrucke, 59,– €

Knopfauge, sei wachsam

Es ist die vielleicht freundlichste Form, die Technik annehmen kann. Zowi heißt der türkisfarbene Roboter. Ein Klotzkopf mit zwei schwarzen Knopfaugen (in Wirklichkeit sind es Ultraschallsensoren), ein Mund aus einer Reihe Leuchtdioden, zwei Beinchen dran – fertig ist das Spielzeug. Zowi kann umherspazieren, dabei kleine Pirouetten einlegen und allerlei Grimassen schneiden.

Das ist aber nur der Anfang, denn im Inneren des Klotzkopfes steckt ein programmierbarer Mikrocontroller. Mit einem Computer verbunden, kann man Zowi neue Tricks beibringen. Registrieren zum Beispiel die eingebauten Mikrofone ein lautes Geräusch, dann lächelt das Kerlchen und dreht sich einmal im Kreis. Selbst die Programmierung bleibt sympathisch. Hier werden keine kryptischen Codezeilen am Bildschirm aneinandergereiht, sondern Handlungsanweisungen in farbigen Blöcken zusammengeschoben. Harro Albrecht

Zowi: BQ, www.bq.com, 129,90 €

Physik-Labor für die Hosentasche

Smartphones sind unsere treuesten Begleiter, sie retten uns aus misslichen Lagen, unterhalten uns Tag und Nacht, erledigen kniffligste Aufgaben – und bekommen an Weihnachten meist etwas Hässliches anzuziehen, wenn überhaupt. Deswegen ist dies ein Geschenk für unsere geliebten Telefone: eine App, die sie endlich mal herausfordert, die ihrem Leben einen Sinn gibt. Sie heißt phyphox und lastet all die Sensoren aus, die in unseren Smartphones stecken: Gyroskop und Drucksensor, Magnetometer oder Beschleunigungssensor. Selbst das Mikrofon ist eigentlich ein Messfühler. Die RWTH Aachen hat die App programmiert, mit ihr kann man die Zentrifugalbeschleunigung in einer Salatschleuder messen oder die Geschwindigkeit in einem Aufzug; sie macht das Handy aber auch zum Sonar oder zum Magnet-Lineal. Deswegen ist phyphox nicht nur ein Geschenk für Ihr Smartphone, sondern für alle, die Spaß an Physik und an Experimenten haben. Jan Schweitzer

phyphox, gratis für iOS und Android

Der Blick auf das Ganze

Bestseller in den USA und hierzulande, Auszeichnungen und hymnische Rezensionen – es war fast unmöglich, Andrea Wulfs Erfindung der Natur zu verpassen. Dieses Meisterwerk der Erzähl- und Recherchekunst berichtet von einem der inspirierendsten Forscher der jüngeren Geschichte: Alexander von Humboldt. Schon zu Lebzeiten überlebensgroß, mit enormem Einfluss auf Zeitgenossen. Charles Darwin schleppte "seinen Humboldt" mit auf die Beagle, Thomas Jefferson schrieb seinem "lieben Freund und Baron" jahrelang Briefe. Humboldt sah keine Widersprüche zwischen Innerlichkeit und Außenwelt, zwischen Fühlen und Messen. Das war damals revolutionär und ist es heute wieder. Es lohnt sich, seine Sicht auf die Welt zu verstehen: Der Ausblick von Humboldts Schultern hilft, die Vergangenheit und die Gegenwart zu begreifen – und einen Blick in die Zukunft zu werfen. Fritz Habekuss

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. C. Bertelsmann Verlag, München; 560 S., 24,99 €