Am 31. März 1976 schreibt Helmut Schmidt an seinen Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Es geht um die Währungsreserven der Bundesbank, die der Bundeskanzler einsetzen will, um den Amerikanern die Finanzierung ihres Staatshaushalts zu erleichtern. Ziel der Operation: die Besatzungsmacht umgarnen, damit sie den deutschen Führungsanspruch in Europa akzeptiert. Oder wie es Schmidt formuliert: "Tatsächlich liegt im Bereich der finanziellen Hilfe das eigentliche Instrument, mit dem wir unsere Stärke, nämlich wirtschaftliche und finanzielle Stärke, auch außenpolitisch zum Tragen bringen können."

Den Brief hat eine unabhängige Historikerkommission zutage gefördert, die fünf Jahre lang Akten und Vermerke ausgewertet hat, um die Geschichte des Bundeswirtschaftsministeriums und seiner Vorgängerinstitutionen zwischen 1917 und 1990 nachzuzeichnen. Der Abschlussbericht umfasst vier Bände mit insgesamt 2.800 Seiten und wurde in der vergangenen Woche an Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel übergeben. Er bietet faszinierende, teils erschütternde Einblicke in das Innenleben eines Hauses, das nach 1933 "mit hoher Professionalität" den Nationalsozialisten diente und nach dem Krieg die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft entwickelte.

Besonders aufschlussreich aber sind – vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten – jene Kapitel, die rekonstruieren, wie Deutschland nach 1945 zur europäischen Führungsmacht aufstieg.

Nach gängiger Auffassung sind die Deutschen eher zufällig in diese Situation geraten: Das "Nachkriegstrauma", so hieß es, habe über Jahrzehnte hinweg jeden nationalen Machtanspruch schon im Ansatz verhindert, erklärt der Bielefelder Historiker Werner Abelshauser, einer der wissenschaftlichen Leiter des Projekts. Die alte Bundesrepublik habe sich daher ohne größere Widerstände in die europäische Ordnung eingefügt, was in der Formel, Deutschland sei wirtschaftlich ein Riese, politisch aber ein Zwerg, seinen Ausdruck gefunden habe.

Just diese Formel ziehen Abelshauser und seine Kollegen nun in Zweifel. Schon wenige Jahre nach dem Krieg habe die Bundesrepublik mit der D-Mark, einer krisenfesten Wirtschaft und einem hohen Grad an sozialer Stabilität über "beachtliche politische Ressourcen" verfügt, die nicht lange brachliegen sollten. Erste Anzeichen dafür sieht Abelshauser bereits in den fünfziger Jahren. Damals hat, wie der Historikerbericht zeigt, Wirtschaftsminister Ludwig Erhard die aufstrebenden Wachstumsmärkte in Asien und Lateinamerika systematisch ins Visier genommen, um Absatzchancen für die deutsche Industrie zu erschließen.

Nach ersten Vorstößen unter Helmut Schmidt in den Siebzigern entwickelte schließlich die Regierung Kohl ein strategisches Konzept, um ihre machtpolitischen Ambitionen in die Tat umzusetzen. Wie die USA in der Nato sollte Deutschland in der Europäischen Gemeinschaft eine führende Rolle einnehmen, ohne formal aus der Reihe gleichberechtigter Mitglieder hervorzutreten. Deutschland wollte auf diese Weise Einfluss nehmen auf die institutionelle Ausgestaltung der Weltwirtschaft, auf Handelsverträge, Zollabkommen oder Wechselkursvereinbarungen – nicht zuletzt um sicherzustellen, dass diese die Interessen deutscher Unternehmen berücksichtigen.

Dabei schreckte man auch vor Konflikten mit seinen engsten Verbündeten nicht zurück. Falls die Grenzen der deutschen Kompromissbereitschaft erreicht seien, müsse "Frankreich im europäischen Interesse in die Isolation gedrängt werden", heißt es etwa in einem Aktenvermerk von 1983 zu einem Gespräch, das Georg Grimm, Abteilungsleiter im Kanzleramt, mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie geführt hatte.

Der Fall der Mauer hat diese Strategie dann durchkreuzt: Durch die Einführung des Euro – als Gegenleistung für die Zustimmung Frankreichs zur Wiedervereinigung – verlor die Bundesbank ihre europäische Vormachtstellung. Die Frage nach der deutschen Führung lag erst einmal auf Eis. Jetzt ist sie zurück.