Wladimir Putin muss der mächtigste Mann der Welt sein. Wie sonst sollte er in der Lage sein, in Syrien brutale Fakten zu schaffen, in Amerika den Präsidenten zu installieren, in Deutschland der AfD bei der Bundestagswahl 2017 zu helfen und in Frankreich – abwarten! – Marine Le Pen an die Staatsspitze zu bringen?

Noch sind es lediglich Indizien, die darauf hindeuten, dass Russland hinter den Hacker-Angriffen in den USA stecken könnte. Warten wir also die Beweise ab und fragen derweil, wie Russland, vorgestern noch eine "Regionalmacht" (Obama), so mächtig werden konnte. In Syrien ist Putins Macht real, und er setzt sie unmenschlich ein. In Amerika und Europa aber machen ihn die Ängste des Westens mächtiger, als er ist.

Während Europa die Auflösung der EU fürchtet, ist Putin seiner repressiven Politik treu geblieben, nach innen wie außen – von Hacks, Handelsboykotten und Energieengpässen können nicht nur die Balten viel erzählen, sondern die meisten Völker, die in der angeblichen "Einflusssphäre" Russlands leben. Was hybrider Krieg bedeutet, erfahren die Ukrainer noch immer schmerzlich. Wenn also die deutschen Geheimdienste nun vor russischer Einmischung warnen, dann erinnert das vor allem daran, auf welchen Illusionen die politische Partnerschaft mit Russland lange fußte.

Man kann auch sagen: Wladimir Putin ist sich treu geblieben, der Westen aber erlebt eine Zeit tiefster Unsicherheit.

Putin ist nicht der Verursacher der Krise der liberalen Demokratie. Er ist ihr Nutznießer

Die Zukunft der Europäer steht auf dem Spiel, die Nationalisten sind auf dem Vormarsch. In Amerika gefährdet die Wahl Trumps die transatlantischen Beziehungen, wie wir sie kennen. Etwas geht zu Ende, aber das Neue hat noch nicht begonnen. Das macht anfällig. Aus dieser Schwäche erwächst Putins Stärke. Er ist nicht der Verursacher der Krise der liberalen Demokratie. Er ist ihr Nutznießer.

Aleppo wurde zerstört, weil sich der Westen zu keiner Strategie durchringen konnte. Die dem Kreml hochwillkommenen rechten Parteien in Europa, von der ungarischen Jobbik bis zum französischen Front National, sind nicht dank russischer Hilfe stark (auch wenn Le Pen Kredit von einer russischen Bank bekam), sondern dank frustrierter Wähler. Trumps Wahlsieg spiegelt zuallererst den Zustand der amerikanischen Gesellschaft wider. Nun riskiert der neu gewählte Präsident, der unverhohlen seine Geschäftsinteressen über das Gemeinwohl stellt, über die Russlandfrage den Bruch mit der eigenen Partei. Mit den Geheimdiensten überwirft er sich, noch bevor er sein Amt angetreten hat.

Trumps Berufung von Männern, die sich durch private Geschäftsinteressen zu Russland auszeichnen, fällt in eine Zeit, in der zumindest ein Teil der europäischen Eliten sich von Illusionen über das russische Machtsystem verabschiedet. Deutsche Politiker nehmen die Gefahren ernst, die von der Desinformationskampagne russischer Staatsmedien über Flüchtlinge ausgehen, und die deutschen Nachrichtendienste sind alarmiert. Hoffentlich werden daraus die richtigen Schlüsse gezogen. Das kleine Estland ist nach den russischen Cyber-Attacken führend bei Cyber-Sicherheit geworden. Aber deutsche Szenarien über den hybriden Krieg lassen Putin so mächtig erscheinen, als könnte er glatt zum Kanzlermacher werden.

Nun lässt sich sagen, dass es nicht weiter schlimm ist, Putin zu überschätzen. Dann werden die westlichen Geheimdienste eben vorsichtiger, die Politiker wachsamer. Holen nach, was sie zuvor versäumt haben. Damit aber tun sie, erstens, dem Kreml einen enormen Gefallen. Und zweitens sollte man sich hüten, bei der Verteidigung der liberalen Demokratie Sprache und Denkweise des Kremls zu übernehmen. Wer vom Informationskrieg spricht, in den man ziehen müsse, wiederholt fast wörtlich Putins Doktrin über Informationssicherheit. Wer russische Staatsmedien zu "ausländischen Agenten" erklären will, greift auf die Instrumente des Kremls zurück. Und wenn immerzu Putin hinter allem steckt, dann ist die eigene Verantwortung keine Kategorie mehr.

Doch die Deutschen sind dafür verantwortlich, ob die AfD 20 Prozent bekommen wird, nicht der Kreml. Die Franzosen sind dafür verantwortlich, wenn Le Pen Präsidentin wird. Und die Österreicher sind dafür verantwortlich, gerade einen Rechten als Präsidenten verhindert zu haben. Allen voran die jungen, gut ausgebildeten Frauen haben offenbar eine immunisierende Waffe gegen den Info-Krieg und die Macht der Populisten gefunden: den kühlen Verstand.

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