Weihnacht 1944 ist in Wien ein karges Fest. Der letzte Kriegswinter ist bitterkalt. Es herrscht Mangel an allem und jedem. Dennoch, es ist fast ein Fest des Friedens. "Glücklicherweise gab es keinen Luftangriff um Mitternacht, wie die Leute erwartet hatten", schreibt die Engländerin Alice Frith in ihr Tagebuch. Seit über 30 Jahren lebt die pensionierte Gouvernante bereits an der Donau, als Ausländerin darf sie die Stadt nicht verlassen. Sie notiert penibel, wie Wien in das Chaos aus Niederlage und Befreiung schlittert. Die nun als Buch erschienenen Aufzeichnungen sind ein intimes Alltagsdokument aus der Götterdämmerung der Nazi-Ära.

Alice Frith, Jahrgang 1880, war 1910 als Gouvernante und Hauslehrerin der Familie Gutmann aus Südengland nach Österreich gekommen. Bei ihren Arbeitgebern wurde sie wie ein Familienmitglied aufgenommen und wohnte im Ringstraßenpalais der prominenten jüdischen Bankiers- und Industriellenfamilie. Nach der Flucht ihres Arbeitgebers, der als Jude vom Regime verfolgt wurde, verblieb sie mit dessen Tochter und deren Kindern in Österreich. Ab 1940 lebte sie im Zentrum Grinzings, in der Langackergasse 24.

Das Heurigenparadies war nach langer Zeit erst Anfang April 1945 wieder weinselig und das, obwohl der Wein aufgrund der vorangegangenen Trockenheit angeblich gar kein guter Jahrgang war. Während die meisten Güter des täglichen Gebrauchs rar geworden waren, gab es in den letzten Tagen des nationalsozialistischen Wien plötzlich in großen Mengen Alkohol. Unmittelbar vor der Eroberung der Stadt sollte der Wein an die Bevölkerung ausgegeben werden, um die vollen Fässer nicht den Rotarmisten zu überlassen. Alice Frith notiert in ihrem Tagebuch, wie sie beim Heurigenwirt Maly in der Sandgasse sechs Flaschen Wein ergattern konnte. Milch und Butter ließen sich damals nicht so leicht auftreiben. "Alkohol scheint den Schrecken der Furcht abzustumpfen und einen gleichgültiger zu machen."

Im Spätsommer 1944, als der Bombenkrieg schließlich auch Wien erreicht, weil die Stadt nach Eroberung italienischer Flughäfen nun in Reichweite der US Air Force liegt, beginnt Frith mit ihren Tagebuchaufzeichnungen. Sie beschreibt ihren Alltag und erwähnt dabei eine wunderschöne Böschung voller "Schlüsselblumen" gegenüber der Bombenruine eines Wohnhauses: "Die Amseln singen, ohne sich um den infernalischen Irrsinn der Menschen zu kümmern." Wien erscheint ihr wie ein "staubiges Pompeji"zu sein : "Die Straßen Döblings sind durch Bomben und Granateinschläge sowie durch Ruinenschutt zum Teil unpassierbar. Überall stehen zerstörte Panzer und Kraftfahrzeuge, an den Straßenrändern liegt weggeworfene Munition und zurückgelassenes Ausrüstungsmaterial. Die Gas- und Stromzuleitungen sind unterbrochen, Trinkwasser ist nur bei einzelnen Hausbrunnen verfügbar. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind größtenteils zerstört. Das Telefon ist das Einzige, das noch teilweise funktioniert."

Der Schock über die plötzlich sicht- und spürbare Kriegseinwirkung fließt direkt in ihre täglichen Notizen. Sie selbst sympathisiert nicht mit dem Regime. Frith ist emotional eng mit ihrer ehemaligen Arbeitgeberfamilie verbunden, und sie ist britische Staatsbürgerin – also eine Ausländerin, die im Feindesland unter spezieller Beobachtung steht. Wie prekär ihre Situation ist, ist ihr bewusst. Anfang Dezember 1944 befürchtet sie: "Ich nehme an, dass sie uns Ausländer in ein Konzentrationslager schicken werden." Mit den Zuständen in den Lagern ist sie anscheinend jedoch nicht vertraut, schreibt sie doch, dass sie für ihre Deportation ihre "wärmsten Sachen zusammensammeln und Insektenpulver kaufen" werde.

Auch wenn sie weitgehend unbehelligt bleibt, schätzt sie ihre Überlebenschancen als alleinstehende Frau im Wien der letzten Kriegsmonate gering ein: "Es ist seltsam, auf den Tod zu warten." Gleichzeitig lehnt sie es aber ab, Teil eines von der Gestapo organisierten Austauschprogramms zu werden, bei dem die ausländischen Staatsbürger, die im Deutschen Reich und in Großbritannien leben, repatriiert werden sollen – lieber will sie in Grinzing sterben als irgendwo unterwegs, wie sie befürchtet.

Über die langen Jahre ihrer Anwesenheit war sie zu einer begeisterten Wienerin geworden. Sie bangt um das Schicksal der Bevölkerung, aber auch um jenes der deutschen Soldaten. Im April 1945 sieht sie das letzte Aufgebot der Wehrmacht durch Grinzing ziehen: "Die armen jungen Männer. Es muss herzzerreißend sein, weiter und weiter kämpfen zu müssen, wenn ihre Seite bereits verloren hat", klagt sie. "Die Wiener sind freundliche Leute, ihre Wut auf die Alliierten wird groß sein", befürchtet sie in einer Notiz nach einem Bombenangriff angesichts der brennenden Gemeindebauten.