Es gibt diesen chinesischen Fluch: Mögest du in interessanten Zeiten leben. Der Fluch wirkt: Krieg in Syrien, Brexit, Trump. Erdoğan, Putin, Frauke Petry. Panama Papers, VW-Skandal, Beate Zschäpe. Und dann sterben hintereinander auch noch Bowie, Prince und Leonard Cohen, als ob der Weltgeist beschlossen hätte, auch die kulturelle Sphäre auf keinen Fall davonkommen zu lassen.

Die globale Aufregung spiegelt sich im Alltag. Alle sind instruiert, reflektiert, motiviert. Jeder weiß immer und überall Bescheid. Nicht umsonst werden die Nachrichtenströme von Twitter Feeds genannt: Man wird mit News gestopft wie eine Gans mit Weihnachtsäpfeln.

Heutzutage hat das durchschnittliche Kantinengespräch die Informationsdichte eines Briefings im Kanzleramt. Es gehört zum guten Ton, die neueste Volte des Ausnahmezustands zu kennen. Und als ob man nicht schon genug agitiert wäre, gibt es nach Feierabend Netflix auf dem Sofa. Noch mehr Pathologie und Drama, der Standardheld neuerer Fernsehserien ist an Kaputtheit kaum zu überbieten.

Seit einiger Zeit setzt sich dieser Trend auch im deutschen Fernsehen durch. Im Tatort ermitteln nur noch trinkende, vereinsamte und vor sich hin murmelnde Soziopathen, der Kommissar als moralisches Zentrum des Geschehens hat ausgespielt. Man geht entsprechend Sonntagabend schon mit einem Grad an innerer Verstörtheit zu Bett, die sich früher erst Mitte der Woche eingestellt hätte.

Am Tatort lässt sich gut ermitteln, was fehlt: Es fehlt die Langeweile. Ein offenes Bekenntnis zum Ödsein. Langeweile ist das notwendige Heilmittel fürs katastrophengepeitschte Bewusstsein, die Komplementärempfindung zur Hysterie. Gebt uns Kommissar Bienzle zurück, den gemütlichen Ermittler aus Stuttgart, einen Typen, den man im richtigen Leben schon vergessen würde, während man ihm die Hand schüttelt. Tagsüber artig "Grüß Gott!" zu den Nachbarn, abends kochen mit der Frau. Das kleine Glück der Ereignislosigkeit. Dreht mehr Filme mit Tom Hanks, Gwyneth Paltrow und Meg Ryan, diesen wunderbaren Langweilern des Hollywoodfilms. Zeigt mehr ungeschnittene Aufnahmen der schönsten Bahnstrecken Deutschlands (120 Minuten Leipzig–Saalfeld, solche Sachen), zeigt Kaminfeuer in Full HD rund um die Uhr, nicht nur nach Sendeschluss.

Im Sinne der wohltuenden Ermüdung, hört bitte auch auf mit Kommissar Wallander und dem ganzen Folter- und Psychoquatsch in der Unterhaltungsliteratur. Veröffentlicht mehr historische Krimis mit seitenlangen Beschreibungen von Isoliertechniken im frühmittelalterlichen Hüttenbau. Holt das französische Autorenkino zurück, Werke von Eric Rohmer mit dem Charme von Dichterlesung und autogenem Training.

Übertragt die Reden von Bürgermeister Michael Müller (Berlin) und Bürgermeister Olaf Scholz (Hamburg); diese rhetorischen Mahlströme, in denen Zeit und Semantik verschwinden. Vergesst die Exzentriker, die Verhaltensauffälligen, die Lautsprecher – der Langweiler ist die Figur der Stunde.

Die Leute machen Ayurveda in Fernost, lernen Mandarin, adoptieren 20 Flüchtlinge und schreiben nebenbei an einem Roman für Suhrkamp. Der Langweiler sagt: Also, wir fahrn im Sommer wieder nach Berchtesgaden. Und den Rest der Ferienwoche mach ich mein Puzzle fertig, Elbphilharmonie, 20.000 Teile.

Der Langweiler erhöht nicht den Druck, er sorgt für Entlastung und sozialen Ausgleich. Butterbrotdose, Fahrradhelm – alles an ihm beruhigt, weil es uns signalisiert: Nichts wird passieren, du bist sicher.

Wir sollten ihn uns zum Vorbild nehmen. Denn Langeweile wirkt therapeutisch. Im Grunde wissen wir das. Achtsamkeit, ist das nicht ein anderes Wort für spirituell veredelten Ennui?

Langeweile, das ist die Revolte gegen den allgegenwärtigen Schrecken. Man kann ja klein anfangen. Lavalampen bei eBay schon ab 15 Euro.