Ich bin kein Fan von Comics, bitte glauben Sie mir das. Ich finde, was Comics betrifft, eine Egal-Haltung völlig in Ordnung: Man kann ja nicht für alles Experte sein. Das ist furchtbar ignorant, ich weiß, aber der Höhepunkt der Comic-Kunst war für mich lange die Fondue-Szene in Asterix bei den Schweizern, diese Orgie beim römischen Statthalter Feistus Raclettus, wo jeder in den See geworfen wird, der dreimal sein Brot im Käse verliert. Asterix habe ich als Kind gelesen. Ich bin aber kein Kind mehr.

Das muss ich vorausschicken, wenn ich von dem Comic erzähle, der mir Anfang der nuller Jahre in die Hände fiel. Damit Sie nicht glauben, hier halte Ihnen einer von den Eingeweihten eine Predigt.

Ich war damals ungefähr 25 Jahre alt und zum ersten Mal in den USA. Mit amerikanischen Freunden stromerte ich in New York durch einen Buchladen, der sehr groß und sehr berühmt war. Da sah ich das Hakenkreuz. Es war auf einem Cover, genau in der Mitte, darüber ein deutsches Wort: MAUS. Als ganz normaler Deutscher mit einem Nazi-Knacks fand ich dieses Buch auf gruselige Weise interessant. "Kennst du nicht?", sagten meine Freunde. "Musst du kennen."

Am nächsten Abend flog ich heim. Ich schaute schnell zu meinem Sitznachbarn herüber, er schlief, also packte ich das Buch mit dem Hakenkreuz aus. Und begann ihn zu lesen, meinen ersten Comic seit vielen Jahren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Ich schlief in jener Nacht nicht. Ich vergaß sogar, dass ich unter Flugangst litt. Ich las und las, denn Maus ist zwar ein Comic, aber auch ziemlich lang, wie ein Roman. Als das Flugzeug landete, waren meine Augen rot vom Weinen.

Allein die erste Seite: genial. Da sind sechs Bilder, eher skizzenhaft, in Schwarz und Weiß. Sechs Bilder mit Sprechblasen wie bei Asterix und mit Text drum herum. Der Leser lernt einen Ich-Erzähler kennen, einen Mann namens Art Spiegelman, der seinen Vater besucht, einen unleidlichen, garstigen, rundum neurotischen Menschen. Genauer gesagt eine Maus, denn in diesem Comic reden die Figuren miteinander und fahren Auto und handeln so hässlich, wie nur Menschen es können; aber sie sehen aus wie Tiere.

Man erfährt aus diesen sechs Bildern auch, dass der Vater ein Überlebender des Holocausts ist, der unter Überlebenden des Holocausts lebt, mehrere Jahrzehnte danach, im satten Amerika, und dass seine Frau, Art Spiegelmans Mutter, sich umgebracht hat. Es wird sofort klar, hier hat jemand seine eigene Familiengeschichte (auf)gezeichnet. Hier macht sich einer nackt. Der Ich-Erzähler sieht aus wie eine Maus, ansonsten ist er identisch mit dem echten Menschen Art Spiegelman.

Dieses Buch ist so vieles in einem. Es ist die Erzählung eines konfusen Sohns, der mit seinem konfusen Vater ringt: In den Achtzigern, als Maus erschien, setzte sich unter Psychologen die Erkenntnis durch, dass Überlebende ihr Trauma auf die Nachkommen übertragen können wie ein Virus. Es ist vor allem der Bericht des Vaters von dessen erstem Leben, damals in Polen: Heirat, Krieg, Ghetto, Auschwitz. Und es ist eine Künstlergeschichte: Wer Maus liest, erlebt die Entstehung von Maus mit. Immer wieder redet Art Spiegelman mit seinem Vater darüber, was ins Buch kommt und was nicht, er zeigt ihm seine Entwürfe, und in einer der berührendsten Szenen des Comics sieht man Spiegelman an seinem Zeichentisch sitzen, er seufzt und sagt, dass seine Frau ein Baby erwartet, und sein Tisch steht auf einem Berg von Mäuseleichen, all den Toten. Wie weiterleben, wie davon sprechen, wie daran erinnern? Im Ernst mit einer Bildchengeschichte? "Comic" – bedeutet das Wort nicht witzig, drollig, ulkig?

Ich könnte nun darüber schreiben, dass Maus für den Comic das war, was die Sopranos für die Fernsehserie gewesen sind oder Shakespeares Stücke fürs Theater. Dass Art Spiegelman den Pulitzerpreis bekommen hat und so weiter. Aber das ist nicht wichtig. Sondern dies: Maus gehört zu den ganz, ganz wenigen Kunstwerken, die absolut wahrhaftig vom Holocaust erzählen.

Es gibt den Film Shoah von Claude Lanzmann, in dem uns echte Täter und echte Opfer anblicken, ungeschützt und direkt; es gibt das Buch Ist das ein Mensch? von Primo Levi, in dem alles noch roh ist und frisch, weil es gleich nach der Befreiung verfasst wurde; und es gibt Maus. Die Nummern auf den Armen, die Öfen, der Menschenrauch – die Horrorbilder, die Sie im Kopf haben, wenn Sie an Auschwitz denken, diese Bilder werden Sie auch hier finden. Aber eben in einem Comic. Einem Comic mit Tieren. Maus zerbricht die Bilder und setzt sie neu zusammen, und das hat mich umgehauen und tut es heute noch.

Also bitte, lesen Sie dieses Buch. Falls Sie Comics blöd finden: egal. Lassen Sie sich davon nicht abhalten. Nur ein paar Stunden müssen Sie sich nehmen, wie für jede große Erzählung. Dies ist das richtige Buch für eine Zeit, in der die Täter und Opfer sterben, die Kinder der Täter und Opfer alt werden und Wörter wie "völkisch" zurückkehren wie Zombies.

Die Juden sind in diesem Buch alle Mäuse. Alle Deutschen sind Katzen.

Malte Henk schreibt als Reporter und Redakteur für das Dossier