"Reflektorisches Lichtspiel" von Kurt Schwerdtfeger, 1922 – 1923 © Foto: Fotoatelier Hüttich & Oemler, Weimar. Bauhaus-Universität Weimar, Archiv der Moderne/Kunstverein Hannover

Häuser aus weißen Kuben, darin nichts als Stahlrohrmöbel. Das ist die erste Assoziation, die beim Schlagwort Bauhaus aufpoppt. Aber gab es Häuser aus weißen Kuben nicht schon Jahrhunderte vor dem Bauhaus, etwa im Maghreb? Und die Textilien, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Bauhaus entstanden: Waren die nicht stark von volkstümlichen Mustern beeinflusst, wie man sie seit Jahrtausenden in Mittelamerika kennt?

Eine der aufwendigsten und aufregendsten Ausstellungen zum Bauhaus-Jubiläum wird den bisherigen Blick auf die deutsche Kunstschule grundlegend hinterfragen. Mit Migrant Bauhaus – so der Arbeitstitel des Projekts – will man endlich den unbekannten Vorläufern und Nachfolgern des Bauhauses auf die Spur kommen, und das weltweit.

Die Kuratoren Marion von Osten aus Berlin und Grant Watson aus London haben für ihre Arbeit schon einige Reisen unternommen und werden noch zu vielen weiteren aufbrechen. Zusammen mit dem Goethe-Institut und lokalen Mitstreitern entwickeln sie drei mittelgroße Ausstellungen, sogenannte Kapseln, die 2018 in Kunsthallen und an Hochschulen in Delhi, Tokio, Hangzhou, Moskau, São Paulo und New York gezeigt werden sollen. Und im Jubiläumsjahr 2019 reisen diese drei dann allesamt nach Berlin, vereint zu einer großen Schau im Haus der Kulturen der Welt.

Wie das am Ende aussehen wird, wissen auch die Macher noch nicht zu sagen – und das ist schon Teil des Programms. Hier soll nicht noch einmal das etablierte Wissen über das Bauhaus wiederaufbereitet werden, die Ausstellungen sollen vielmehr Fragen nach einer anderen Geschichte der Avantgarde stellen. Im Oktober reisten sie nach Japan und erforschten die Geschichte des dort 1931 von Renshichirō Kawakita gegründeten Institute of Lifestyle Research. Der japanische Architekt konnte Deutsch lesen und interessierte sich für das Bauhaus. Er lud japanische Bauhaus-Schüler ein, mit ihm an der Schule zu lehren. Sie forschten und arbeiteten an synästhetischen Phänomenen, an Tönen, die Farben evozieren, und Ähnlichem mehr. Es ging diesem japanischen Institut aber nicht nur um das Design, sondern auch um die kollektive Gestaltung des Lebens. Um einen lebensreformerischen Ansatz also, wie er auch im deutschen Bauhaus zu finden war. Doch wie wurde damals in diesen Schulen konkret versucht, die Moderne in einen Lehrplan zu fassen?

Für jede ihrer Kapselausstellungen haben sich die Kuratoren einen Gegenstand als Ausgangspunkt ausgesucht. Einmal ist es das Bauhaus-Manifest von Walter Gropius, einmal eine Zeichnung von Paul Klee aus dem Jahr 1927, auf der ein Teppich, ein nordafrikanischer Berber-Kelim, zu sehen ist. Er steht für die Neugier auf außereuropäische Kulturen und für die handwerklichen Techniken, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Bauhauses ziehen. Die Weberei war, obwohl das breite Publikum heute davon nichts mehr weiß, eine der erfolgreichsten Werkstätten des Bauhauses in Dessau und Weimar. Später, im amerikanischen Exil, studierten Anni und Josef Albers die modern anmutenden Muster der indigenen Webkulturen und lehrten sie am Black Mountain College in North Carolina. Amerikanische Bauhaus-Schüler wiederum prägten die sich entwickelnde Fiber-Art mit, eine eigene, weitgehend in Vergessenheit geratene Kunstrichtung. Und so knüpfen die Ausstellungsmacher nun aus ganz verschiedenen Traditionen eine neue, hybride Geschichte der Gestaltung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Das Vermächtnis des Bauhauses wollen von Osten und Watson mit dem heute weitgehend unbekannten Reflektorischen Lichtspiel illustrieren, das Kurt Schwerdtfeger 1922 für ein Geburtstagsfest von Wassily Kandinsky baute. Es war eine kinetische Skulptur, die nicht nur Licht und Schatten warf, sondern auch mit Klang arbeitete. Dieses Lichtspiel sei ein Vorläufer der heutigen Lichtshows in Clubs, sagen die Kuratoren, es dient ihnen als Exempel für den großen Einfluss des Bauhauses auf die Popkultur seit dem Zweiten Weltkrieg. Nicht nur die Post-Punk-Band mit dem Namen Bauhaus hat sich schließlich bei der Tradition bedient, die vor knapp 100 Jahren ihren Ausgang nahm, auch die Musiker von Kraftwerk schöpften aus dem Reservoir dieser Avantgarde. Und so gleicht das Bauhaus selbst einem Lichtspiel, das sich verschiedener Leuchtquellen bediente und seine Strahlen in ganz unterschiedlichen Farben bis in die Gegenwart wirft.