Frage: Herr Arenz, als Pfarrer der St.-Andreas-Kirche in Glehn haben Sie der Gemeindeverwaltung verboten, nachts Ihre Kirche anzustrahlen in der Adventszeit. Warum?

Heinz Josef Arenz: Gerade in der Adventszeit muss man die Dunkelheit außen und innen wahrnehmen. Man muss sich ihr stellen. Erst dann können wir das Licht, das Weihnachten in die Welt bringt, wirklich spüren und verstehen. Eine weithin strahlende Kirche ist hier das falsche Signal.

Frage: Viele der Schafe, die Sie als Hirte betreuen, sehen das anders. Die Empörung der Menschen in Glehn hat es sogar in die Bild-Zeitung geschafft. Einige haben heimlich den Strom der Straßenbeleuchtung angezapft und damit die Kirche angestrahlt.

Arenz: Das habe ich sofort untersagt. Ich habe hier das Hausrecht.

Frage: Ärgert Sie der Ärger der Dorfbewohner?

Arenz: Nein. Die machen das nicht aus Trotz oder böser Absicht. Sie halten die Dunkelheit nicht aus. Sie brauchen das Licht. Dahinter verbirgt sich eine unbewusste Sehnsucht nach einer hellen wie heilen Welt. Menschlich kann ich es natürlich verstehen, wenn man sich der Dunkelheit nicht stellen will. Es ist nicht einfach, die Dunkelheit zu ertragen. Das Dunkel wirkt bedrohlich auf uns. Es erinnert uns an die vielen Härten des Lebens, an seine Unwägbarkeiten. Wer nur die guten, lichten und schönen Momente des Lebens sehen will, schadet sich langfristig selbst.

Frage: Welche Härten des Lebens verdunkelten Ihren Advent?

Arenz: Gerade heute habe ich drei Schwerkranke im Krankenhaus besucht. Die Angehörigen sind völlig unvorbereitet und ohnmächtig. Da helfen auch keine netten Worte mehr. In einer solchen Situation kann ich als Priester nur noch danebenstehen. Da bin ich physisch anwesend und erreiche nichts und niemanden mehr. Das ist sehr bitter.

Frage: Für Sie steht das Dunkel also für die menschliche Hilflosigkeit angesichts des Todes?

Arenz: Unter anderem. Deshalb ist es gut, wenn man sich mit der Dunkelheit rechtzeitig auseinandersetzt. Dann ist man etwas besser vorbereitet, wenn man im Leben auf einmal mit Krankheit und Tod eines geliebten Menschen konfrontiert ist.

Frage: Ist es nicht Ihre Aufgabe, Licht und Hoffnung in die Dunkelheit zu bringen? Gehört nicht gerade deshalb die Kirche angestrahlt?

Arenz: Künstliches Licht produziert künstliche Hoffnung. Ich will ja, dass sich Menschen mit dem Dunkeln auseinandersetzen, das sie umgibt. Sie sollen es nicht vor lauter Glanz und Strahlen einfach übersehen.

Frage: Wie gehen Sie selbst mit der Dunkelheit um?

Arenz: Es wäre überheblich, zu sagen, ich hätte sie immer im Griff. Wenn ich sie in der Nacht in mir spüre, setzt mir das zu. Es geht ans Eingemachte. Hin und wieder fliehe ich vor ihr. Dann wieder versuche ich, sie mir vertraut zu machen, sie schätzen zu lernen.

Frage: Was mögen Sie an der Dunkelheit?

Arenz: Sie birgt. Sie ist ein Schutz, wenn ich nicht gesehen werden will – auch im übertragenen Sinne. Das hat schon etwas für sich.

Frage: Und was machen Sie, damit die Dunkelheit nicht überhandnimmt?

Arenz: Ich beichte bei einem älteren Mitbruder, lese das Stundengebet und feiere jeden Tag die Eucharistie. Das ist meine Auszeit. Das Telefon klingelt nicht, da kommt niemand durch die Tür, da gibt es keine Tagesordnung. Das trägt mich und lässt mich nicht in alten Gewohnheiten und Denkmustern verharren.

Frage: Das sind sehr alte Strategien.

Arenz: Sie werden immer weniger praktiziert. An ihre Stelle ist das getreten, was ich etwas verächtlich die "neuen bürgerlichen Formen" nenne. Es ist heute fast unmöglich, drei Erwachsene terminlich unter einen Hut zu bringen, ständig sind sie irgendwo eingebunden. Die steigern sich da in etwas hinein.

Frage: Die Gesellschaft hat sich nun mal verändert.