Als junge Erwachsene habe ich Kunst nicht verstanden. Es waren die neunziger Jahre, ich war als Landei in der Stadt aufgeschlagen, unter Menschen, die in Ausstellungen gingen und danach Sätze sagten wie: "Die Ausstellung war langweilig, aber die Hängung war echt toll ..."

Hängung? Wie bitte? Ich hatte schon keine Meinung zur Ausstellung, aber dass man sich auch noch über die Art und Weise, wie die Bilder aufgehängt waren, Gedanken machen konnte, machte mich fertig. Überhaupt verstand ich andauernd nur Bahnhof. Der Seerosenteich von Monet in der Pinakothek: Schön, aber was daran war jetzt so besonders, dass man davor andächtig stehen bleiben musste? Theaterstücke von Botho Strauß in den Kammerspielen: qualvolle Abende. Einmal saß ich in einem kleinen Programmkino, in dem der neueste Film von Godard vorgeführt wurde, ich erinnere mich nur an das feste Vorhaben, dass ich eines Tages gebildet genug sein würde, das alles zu verstehen. Bücher: kaum besser. Bei Sachbüchern in jener Zeit war es so, als sei man bei einem Essen neben einem älteren Herrn mit Mundgeruch gelandet, der sich immer mehr in Rage redete. Zeitgenössische Romane: same thing. Die Welt war aufgeteilt in schlechte Romane wie Salz auf meiner Haut von Benoîte Groult (der mir zu allem Übel auch noch gefiel) und suhrkampartige Werke mit spärlichen Titeln, die ich eifrig kaufte mit dem Vorsatz, jeden Abend zehn Seiten zu lesen. Einschlafprobleme hatte ich damals jedenfalls nicht.

Ich suchte die Schuld bei mir. Während andere schon früh ihren Geschmack verfeinert hatten, war ich dumm geblieben. Irgendwann, so nahm ich mir vor, würde ich ein ganzes Jahr freinehmen und mich fortbilden. Bis dahin, Asche auf mein Haupt, Salz auf meine Haut, gab ich mich mit Kompromissen zufrieden: hier eine Ausstellung von Edward Hopper, da ein Gassenhauer von Shakespeare oder etwas magischer Realismus von Márquez – Kultur, die selbst mich emotional erreichte und die trotzdem als "gut" galt. Frisch herausgekommene Kunsterzeugnisse mied ich.

Bis David Foster Wallace kam. Ich weiß noch, wie ich ihn das erste Mal las. Es war in einer U-Bahn quer durch Manhattan, ich hatte ein Magazin auf den Knien, darin eine Reportage über eine Kreuzfahrt. A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again hieß sie, und sie erschien mir wie eine Erlösung: Da schrieb jemand, was er dachte, schrieb hochkomplizierte und hochneurotische Gedanken nieder, und das alles in einer Sprache, die auch ich verstand. Wenn ich von der Geschichte aufblickte, sah ich die Welt durch die Augen des Autors, nahm all die Feinheiten wahr. Es war, als hätte jemand eine Wunderkerze in meinem Kopf entzündet. Und ich begriff: Man konnte gleichzeitig superkomplex und ultraverständlich sein. Und man konnte aufschreiben, was man wirklich dachte, all die gedanklichen Abwege. Sie waren nicht nur interessant, sie waren das Interessanteste.

Foster Wallace hat meine Art, die Welt zu betrachten, verändert. Seither denke ich, wenn ich eine Geschichte schreibe, immer: Schreibst du das jetzt, weil es dem entspricht, wie man die Welt üblicherweise wahrnimmt, oder siehst du es wirklich so? Ich glaube inzwischen, dass diese Genauigkeit der Wahrnehmung das ist, was eine geschriebene Geschichte einer verfilmten voraushat – "die Essenz dessen, was wir wissen, aus dem Halbschatten hervorzuziehen" (Karl Ove Knausgård).

Auf andere hatte Foster Wallace offenbar einen ähnlichen Effekt: Bald war er der Großschriftsteller einer Generation. Verständlichkeit und Komplexität schlossen sich nicht mehr aus, seit DFW (so meine Beobachtung) konnte nicht mehr jedes Halbtalent undurchdringlichen Quatsch produzieren, der dann im Deutschlandradio zu "verstörenden Textflächen" erklärt wurde. Salz auf meiner Haut habe ich übrigens neulich noch mal gelesen und finde, es ist besser als sein Ruf.

Heike Faller ist Redakteurin des ZEITmagazins