Am Ende, nach fast zwei Stunden Gespräch, kommt Stuart Lewis kurz ins Grübeln. Hätte er, der Risikovorstand der Deutschen Bank, eher reden sollen? Würde das Geldhaus dann heute weniger als Gefahr für die Finanzwelt gelten? "Fast alle Risikomanager sind ihrer Natur nach introvertiert und vermeiden die Öffentlichkeit. Ich gehöre dazu", sagt der Brite beim Treffen in der Vorstandsetage hoch über Frankfurt. Aber: "Ich weiß nicht, ob es einen großen Unterschied gemacht hätte."

Es war ein hartes Jahr für die Deutsche Bank. Im Februar zweifelten Anleger ihre Finanzkraft an, und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sah sich genötigt, dem Haus das Vertrauen auszusprechen. Dann erschien eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF), die Medien so interpretierten, als sei das Institut "die gefährlichste Bank der Welt". Und im September wurde bekannt, dass die USA von den Frankfurtern 14 Milliarden Dollar fordern. Plötzlich schien ein Kippen möglich, eine Rettung durch den Staat denkbar. Der Aktienkurs stürzte ab, viele sprachen vom "nächsten Lehman", als werde die Bank die Finanzwelt an den Abgrund bringen wie die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers 2008. Seither kämpft Stuart Lewis um den Ruf seines Hauses.

Es ist ein mühsamer Kampf, in dem es immer wieder um eine Zahl geht: 46 Billionen Euro. So groß war Ende Juni das Volumen aller Derivate in den Büchern des Instituts. Es ist eine riesige Summe, 15-mal so groß wie die Wirtschaftskraft Deutschlands. Und weil kaum einer versteht, was Derivate sind und welche Gefahren sie bergen, ist die Angst groß, dass die Frankfurter damit unkalkulierbare Risiken eingegangen sind. Diese Angst kann selbst zur Gefahr werden. Verliert die Bank das Vertrauen ihrer Kunden und Geschäftspartner, ziehen diese ihr Geld ab, dann droht das Aus.

Die Deutsche Bank hat das Raunen, das ihre Derivate umgibt, einst selbst heraufbeschworen. Wenn sie heute mit ihren Kritikern ringt, dann ringt sie auch mit ihrer eigenen Geschichte.

Alles begann in den neunziger Jahren, als die Finanzwelt Derivate neu für sich entdeckte. Sie dienen Unternehmen und Investoren dazu, sich gegen Veränderungen von Preisen abzusichern, vor allem bei Zinsen, aber auch bei Wechselkursen, Rohstoffen oder Aktien. Häufig sind sie individuell gestaltet und werden direkt zwischen Banken gehandelt, nicht transparent an der Börse. Aufgelegt werden Derivate von Investmentbanken. 1995 betrug das Volumen dieser Papiere bei der Deutschen Bank 1,2 Billionen Euro. Die Investmentbanker Edson Mitchell und Anshu Jain kamen. Die Zahl fing an zu wachsen.

Die Bank wurde 2011 zum weltweit größten Derivatehaus – das provozierte viele Fragen

1999 ließ die Übernahme des amerikanischen Investmenthauses Bankers Trust den Bestand auf 11,1 Billionen Euro springen. Das war an sich schon viel, doch danach explodierte das Geschäft. Banken weltweit begannen, Derivate zunehmend nicht nur zur Absicherung zu nutzen, sondern auch damit zu spekulieren. Auch die Deutsche Bank. Spricht man mit Kennern der Bank, wird klar, dass ihre Manager damals auch deshalb wie wild Derivate bauten, weil sie ihnen Bares einbrachten. Die Gebühren der Kunden fielen bei Abschluss der Verträge an, erhöhten die Gewinne – und damit die Boni. Lief ein Derivat schlechter als erwartet, machte sich das hingegen häufig erst Jahre später bemerkbar.

2011 erreichte der Bestand sein Maximum – 59,2 Billionen Euro. Die Deutsche Bank war nun das größte Derivatehaus der Welt.

"Das Geschäft mit Derivaten wurde in den Jahren nach der Jahrtausendwende aufgebaut, als wir erheblich gewachsen sind", sagt Stuart Lewis. Geht es also vor allem auf die Ära zurück, in der Vorstandschef Josef Ackermann und Investmentbanker Anshu Jain – später Ackermanns Nachfolger – zusammenarbeiteten? "Ich denke, das ist eine zulässige Aussage", nickt Lewis, der selbst seit 20 Jahren bei der Deutschen Bank ist.

Als die Welt erkannte, wer da neuer Rekordhalter war, kamen Fragen: Warum ist das Geschäft so riesig? Was machen die da? 2013 griff das Finanzportal Zerohedge das Thema auf, 2014 wieder, und 2015 stellte es die Frage: "Ist die Deutsche Bank das nächste Lehman?" Viele Blogger mehrten die Zweifel. Es war dieses Raunen, das der öffentlichen Debatte dieses Jahres den Boden bereitete.