Die Deutsche Bank bemüht sich zu beruhigen. Schon die Zahl 46 Billionen Euro führe in die Irre, sagt Stuart Lewis. Sie spiegele nur das Volumen der Geschäfte wider, auf die sich die Derivate bezögen, nicht das Verlustrisiko der Bank. "Transportiert ein Hersteller Autos von Deutschland nach Japan, ist unser Risiko nicht der Verlust der Autos – das ist Sache der Versicherungen. Unser Risiko ist eine Veränderung des Wechselkurses von Euro und Yen in dem Zeitraum, in dem die Autos unterwegs sind." Zudem werde die Zahl durch Mehrfachzählungen aufgeblasen, etwa weil ein Derivat im Volumen von 100, für das kein Bedarf mehr bestehe, oft durch ein Gegengeschäft, ein Derivat in gleicher Höhe, neutralisiert werde. "Die zwei Geschäfte heben sich auf, mein Risiko ist null – auf dem Papier habe ich aber ein Volumen von 200."

Das Volumen ist nur ein Indiz für das Ausmaß der Geschäfte. Tatsächlich betragen die Forderungen der Bank, die auf Derivate zurückgehen und deren Ausfall sie fürchten muss, 542 Milliarden Euro. Das ist dann "nur" noch etwa ein Sechstel der Wirtschaftskraft Deutschlands – und nur ein theoretischer Maximalbetrag. Die Bank geht Geschäfte in alle Richtungen ein und kann im Notfall viele eigene Zahlungsverpflichtungen gegenrechnen, was ihr Ausfallrisiko deutlich reduziert. Zudem stellen etliche Kunden Sicherheiten, diese lassen das Risiko weiter sinken. Am Ende, so die Bank, bleiben 36 Milliarden Euro, die sie wirklich verlieren kann.

Ist am Vergleich mit Lehman Brothers etwas dran? Nein, nichts, sagt der Risikovorstand

Erstmals erklärt Stuart Lewis, was hinter dieser Zahl steckt. "Von dieser Summe machen die 200 größten Gegenparteien rund die Hälfte aus", erklärt er. Insgesamt habe die Bank mehr als 2.500 Gegenparteien. Ist diese Konzentration nicht gefährlich? "Nein, die Konzentration ist gut. Die staatlichen Behörden wollen, dass wir es mit wirklich professionellen Geschäftspartnern zu tun haben." Und dem Haus helfe sie, die Risiken zu verstehen und alles aktiv zu steuern. "Wir kennen diese 200 Gegenparteien bis ins Detail", sagt der studierte Jurist, sollten diese anfangen, in Schwierigkeiten zu geraten, "haben wir eine Strategie, wie wir damit umgehen". Die Bewertung der Derivate sei täglich Checks unterworfen, durch die Interaktion mit Börsen, Aufsichtsbehörden oder anderen Banken.

Der Schotte spricht leise, seinem Englisch ist die Heimat anzuhören. Sein Problem ist allerdings eher, dass Außenstehende seine Versicherungen kaum nachvollziehen können. Sie müssen ihm glauben. Und so signalisiert er deutlich wie nie, dass die Bank die Sorgen vieler Beobachter ernst nimmt.

"Das Derivatebuch ist ohne Zweifel zu groß. Wir wollen es tendenziell verkleinern", sagt er. "Wir werden in den nächsten Jahren einige Geschäfte aufgeben und mehr Transaktionen zusammenlegen." Zudem: "In den Büchern stehen noch Transaktionen, die wir heute nicht mehr tätigen würden", erklärt Lewis, etwa weil die Bank dafür heute viel Kapital als Sicherheit zurücklegen müsste. Doch der Bestand werde über die Jahre abschmelzen.

Global verläuft die Entwicklung ähnlich. So versiebenfachte sich das Volumen aller unter Banken gehandelten Derivate – der beste Näherungswert für den Gesamtmarkt – zwischen 2001 und 2008 auf fast 700 Billionen Dollar. Auf dem Niveau blieb es dann jahrelang, bevor die Zahl zu fallen begann, bis auf 493 Billionen Dollar Ende 2015.

Damals kam die Bank auf geschätzt acht Prozent Marktanteil. Sie ist ein zentraler Akteur: So betrug ihr Bestand Ende Juni umgerechnet 51,1 Billionen Dollar. JP Morgan kam auf 53,5 Billionen Dollar, Goldman Sachs auf 52,2 Billionen Dollar, Citi auf 50,4 Billionen Dollar. Dahinter lagen Barclays, die Bank of America und Credit Suisse. Der Markt ist konzentriert. In den USA machen die fünf größten Akteure 90 Prozent des Geschäfts.

Warum wird just die Deutsche Bank so beäugt? "Einige dieser Banken verfügen eindeutig über mehr Kapital als wir", räumt Stuart Lewis ein. "Daher erwarten die Märkte, dass diese Banken Verluste besser absorbieren können als wir."

Ist am Vergleich mit Lehman also doch etwas dran? Nein, nichts, sagt der 51-Jährige: "Schauen Sie sich die Qualität unserer Vermögenswerte an, schauen Sie sich unsere Refinanzierung an – das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht."

Bleibt die Sorge, was geschehen würde, sollte die Deutsche Bank doch einmal kippen. Zwar werden Derivate heute häufiger über Börsen gehandelt, zudem gibt es zwischen den Beteiligten mehr Puffer. Doch es hängt auch mit der enormen Vernetzung der Bank über die Derivate zusammen, dass der IWF befand, dass ihr Ausfall die größten Auswirkungen auf das Weltfinanzsystem hätte. In Frankfurt waren sie not amused, weder über die Methodik noch über die Medien, die das umständlich formulierte Ergebnis drastisch verkürzten. "Der IWF hat nicht behauptet, dass wir ein Risiko darstellen würden, weil wir über wenig Kapital, eine schwache Refinanzierung oder fragwürdige Vermögenswerte verfügen würden", stellt Stuart Lewis klar.

Trotzdem, der Risikochef weiß: "Wir müssen kleiner und einfacher werden." Die Bank wolle ihren Kapitalpuffer für Krisenzeiten deutlich steigern, und um dieses Ziel zu erreichen, müsse "vor allem die Bilanzsumme schrumpfen". Soll heißen: Das Haus muss Geschäft abbauen, um das Verbliebene besser abzusichern. Verschiedene Angaben der Bank erlauben den Schluss, dass die relevante Bilanzsumme von 1.354 Milliarden Euro in gut drei Jahren bei 1.100 Milliarden Euro liegen soll. Kurz: Die Deutsche Bank will um fast 20 Prozent schrumpfen. Die Zeit der Rekorde ist für sie vorbei.