Mit Thomas Mann habe ich nie besonders viel anfangen können, von Günter Grass ganz zu schweigen. Überhaupt geht es mir oft so, dass ich Romane nach 100 Seiten zur Seite lege, weil sie mir uninspiriert vorkommen, träge oder überdreht. Das liegt wahrscheinlich an mir, aber ganz sicher liegt es auch an Franz Kafka. Er hat mich mit seiner Literatur so sehr berührt und beeindruckt, dass ich alle anderen Schriftsteller an ihm messe. Das kann für die anderen nicht gut ausgehen. Nach wie vor kenne ich keinen Autor, der es geschafft hat, an ihn heranzureichen. Kafkas Vorsprung ergibt sich aus einem komplizierten Gefühl, für das ich gern ein treffendes Wort finden würde, aber das ist schwierig. Tiefe ist eines der Wörter, die umschreiben, was ich meine. Ein anderes hängt damit zusammen, es lautet Endlosigkeit.

Wenn ich etwas von Kafka lese, komme ich mir vor wie bei einem Tauchgang weit draußen auf einem Ozean. Auf dem Weg in die Tiefe wird es aufregend mysteriös, im Licht einer Lampe verschwinden exotisch gezeichnete Fische, in jeder neuen Wasserschicht zeigen sich neue Welten, manche ähneln sich. Aber kurioserweise stößt man nie zum Meeresgrund vor. Das ist die eigentliche Überraschung. Es muss ihn geben, den Grund des Meeres, aber es gibt ihn nicht.

In der Wohnung, in der ich als Student lebte, blickte mich morgens Franz Kafka an, wenn ich aufwachte. Er lächelte mir skeptisch von einem vergilbten Poster zu, und wenn ich seinem Blick standhielt, glaubte ich jene unergründliche Tiefe wiederzuerkennen, der ich in seinem literarischen Werk begegnet war, in den Briefen, Parabeln, Erzählungen und Fragmenten seiner Romane, von denen die meisten erst nach Kafkas Tod und gegen seinen Willen veröffentlicht wurden. Einige seiner Werke konnte man nie lesen, weil er sie vernichtete. Kafka fand, dass sich die Nachwelt damit nicht beschäftigen sollte. Auch dieser Rigorismus ist mir sympathisch.

Die Erzählung Das Urteil, die erhalten geblieben ist, schrieb er in einer einzigen Nacht. Tagsüber arbeitete Kafka in einer Unfallversicherung in Prag, um Geld zu verdienen. Dort verfasste er zum Beispiel Gebrauchsanweisungen. Er heiratete nie, hatte keine Kinder, schickte der einen oder anderen Freundin Hunderte leidenschaftliche Briefe, aber sobald die Beziehung enger wurde, entzog er sich ihr. Nach menschlicher Nähe sehnte er sich, aber auf Dauer hielt er sie nicht gut aus.

Ich würde keinesfalls so weit gehen, mich einen Kafka-Experten zu nennen, nur weil ich jede Zeile, die von ihm veröffentlicht wurde, mindestens einmal gelesen habe. Im Gegenteil, ich möchte mich ihm niemals wie ein Sachverständiger nähern – oder wie ein Fan. Ich habe in Prag nie nach seinem Grab gesucht, wollte auch nie in einer Versicherungsanstalt anfangen. Ich will gar nicht alles erfahren, was man über ihn in Erfahrung bringen könnte. Das Recht auf partielle Unverständlichkeit räume ich ihm fraglos ein, weil ich mich weigere, ihn verstehen zu wollen. Ich will nur, dass er durch seine Bücher zu mir spricht.

Welche Assoziationskraft bereits wenige von Kafkas Sätzen entwickeln können, lässt sich in der kleinen Parabel Die Bäume nachlesen: "Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar."

Der letzte Satz hat Generationen von Oberstufenschülern und Literaturstudenten verzweifeln lassen. Was meint er nur? Mir persönlich wäre es lieb gewesen, wenn die Branche der literarischen Interpreten Franz Kafka ignoriert hätte, so wie sie es über viele Jahre getan hatte – zunächst, weil er Jude war, dann, weil er seinen professionellen Lesern zu rätselhaft erschien. So hätte es bleiben können, aber wenn es so geblieben wäre, wäre er vergessen worden, und es hätte kein Kafka-Poster gegeben, das ich in mein Zimmer hätte hängen können.

Es wird oft die Schönheit von Landschaften gefeiert, von Berggipfeln oder Wasserfällen, die Schönheit von Menschen, besonders von Frauen. Aber es gibt auch eine Schönheit, über die zu selten gesprochen wird, Kafkas Schönheit, die Schönheit einer Sprache, die zurückhaltend ist, präzise und kühl.

Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.