Hildegard Merkle, 56, ist Sprengmeisterin und besitzt eine Firma im baden-württembergischen Uttenweiler

"Die Stille vor der Detonation. Sie ist kostbar. Ein Genuss. Kein einziges Geräusch ist zu hören, während ich vor der Zündmaschine stehe. Und zugleich liegt so eine Anspannung in der Luft.

Dieser Moment ist ganz anders als der Rest meines Tages, der schon laut und hektisch auf der Baustelle anfängt. Da sind die lärmenden Bagger, die ratternden Förderbänder, die herumfahrenden Lastwagen. Und ich mittendrin. Ich arbeite in Steinbrüchen. Dort sprenge ich festes Gestein zu einem losen Haufwerk, das später industriell weiterverarbeitet wird. Ich werde auch gerufen, wenn sich ein Felsen im Hang gelöst hat und ich ihn kontrolliert sprengen darf, bevor er auf Straßen herabstürzt und zur Gefahr wird.

Drei bis vier Stunden dauert es im Normalfall, so eine Sprengung vorzubereiten. Mein Maschinist bohrt die Löcher in den Stein, ich fülle sie mit den Zündern und verkabele sie anschließend.

Ein Durcheinander unterschiedlicher Geräusche ist das. Bis zu dem Moment, wenn die Baustellenmaschinen und das Bohrgerät das Gelände verlassen und ich für die nächsten Minuten ganz alleine bin. Nachdem ich kontrolliert habe, dass sich niemand mehr im Gefahrengebiet befindet, verziehe ich mich in mein Schutzhäusle – 100 Meter von der Sprengstelle entfernt. Ich gebe drei Sprengsignale und blicke kurz in den Himmel, um zu überprüfen, ob die Vögel davonfliegen. Sie sollen sich ja nicht erschrecken. Meist hören sie auch auf zu zwitschern. So als wüssten sie, dass gleich etwas passiert. Wenn dann also nicht mal mehr die Vogelstimmen zu hören sind, setzt eine wunderschöne Stille ein.

Das alles dauert nur wenige Minuten. Aber die Stille sorgt dafür, dass es sich viel länger anfühlt. Und dann entscheide ich: Jetzt geht’s los! Ich drücke den Knopf, der Strom fließt durch den Zündkreis. Eine Sekunde vergeht. Dann knallt’s. In die Stille hinein. Da muss alles stimmig sein: Der Knall, die Art, wie sich das Gestein von der Felswand wegschiebt und wie die Steine durch die Luft wirbeln. Bei so einer Sprengung darf nichts schiefgehen. Die Erschütterungen müssen gering bleiben, der Steinflug darf nicht über die Gefahrenzone hinausgehen.

Hinterher atme ich durch. "Puh, alles gut gegangen!" Eine innere Ruhe kehrt ein. Stille eben.

Ein Mal ist es vorgekommen, da habe ich die Stille ganz anders wahrgenommen. Nicht so wunderschön, sondern beängstigend. Ein Felsüberhang wackelte sehr stark, er drohte auf die darunterliegende Straße und die ersten Häuser eines Dorfes zu stürzen. Der Abhang war sehr steil, und der rollende Felsen wäre nicht zu stoppen gewesen. Schon bei den ersten Bohrungen hatten mein Team und ich Sorge, dass der Fels sich vorzeitig löst.

Wir hatten alle Angst. Und die Stille vor der Sprengung, die war der Horror. Ich hatte Schweißperlen im Nacken. Ich habe dann den Knopf gedrückt – und der Felsen ist zu Geröll zersprungen. Alles richtig gemacht! Wir sind uns auf der Baustelle in den Armen gelegen, und ich habe fast geweint – vor Freude und Erleichterung."

Josefa Nereus, 30, ist seit drei Jahren Prostituierte in Hamburg

"Intimität und Stille gehören für mich zusammen. Angenehm und wohlig sollte die Stille sich anfühlen. Kommt ein Mann zu mir, führen wir anfangs nur ein bisschen Small Talk. Wie war dein Tag? Wo kommst du her? Meine Kunden haben total unterschiedliche Hintergründe und Biografien. Handwerker und Lokführer sind darunter, aber auch Berufspolitiker oder Akademiker.

Zwischen zwei fremden Menschen gibt es immer so eine Barriere, die es zu durchbrechen gilt. Deshalb versuche ich herauszufinden, in welcher Stimmung mein Gast ist. Ich schaffe eine schöne Raumatmosphäre. Ich dunkle das Zimmer ab, mache Kerzen an, stelle Blumen auf. Auf dem Bett liegen ganz viele Kissen. Nichts Klischeehaftes. Kein Plüsch oder Leopardenmuster. Im Hintergrund läuft Musik, aber mehr so Fahrstuhlmusik. Ich finde, sie unterstreicht die Ruhe im Raum.

Sobald wir uns ausziehen, nackt gegenüberstehen und uns berühren, herrscht eine intime Stille. Die empfinde ich als sehr schön und entspannend. Man muss nicht mit Worten kommunizieren. Der Körper gibt genügend Feedback.

Ich achte darauf, wie der Gast auf Berührungen reagiert, wie er stöhnt. Die Stille muss sich gut anfühlen. Wenn nicht, dann passt es menschlich nicht. Es ist schon vorgekommen, dass mir jemand einfach unsympathisch war, dass wir nicht zueinandergefunden haben. Dann breche ich ab. Sonst ist es für beide Zeitverschwendung.

Nach dem Sex erlebe ich einerseits Männer, die sehr wortkarg sind, ins Bad verschwinden, sich schnell wieder anziehen. Die verabschieden sich meist nur noch kurz oder fragen, ob sie wiederkommen dürfen.

Andere Männer – und das ist eher die Regel – bleiben noch ein bisschen im Bett liegen. Und dann führen wir tatsächlich manchmal sehr tiefgründige Gespräche. Die haben das Bedürfnis zu reden. Sie erzählen mir, warum sie beruflich gestresst sind, was sie zu Hause sexuell vermissen, warum sie sich nicht mehr geborgen fühlen. Ich bin ein guter Zuhörer.

Nach etwa einer Stunde verlässt der Gast meine Wohnung. Zwischen einer halben und einer Stunde brauche ich dann für mich alleine. Da mag ich es gerne sehr still. Ich schalte die Musik aus und reflektiere das Erlebte: Was habe ich über den Körper erfahren, was über Vorlieben von Menschen? Und wie ging es mir selbst damit? Kann ich mir vorstellen, diesen Mann wiederzusehen?

Dann erst bereite ich mich auf den nächsten Gast vor, schaue mir meine Notizen aus dem Vorgespräch an, putze meine Zähne, wasche mich. Manchmal ziehe ich auch schon bestimmte Kleidung an, die sich der Gast gewünscht hat. Oder ich bereite die Fesseln vor."