Im ersten Stock des backsteinernen Pfarrhauses auf St. Pauli in Hamburg, ein pastellgrün gestrichenes Wohnzimmer, Parkettfußboden, der Blick geht zum Hafen. Pfarrer Sieghard Wilm, der Hausherr, wohnt hier mit seinem Lebenspartner. Jetzt rennt er hin und her, stellt Käse, geräucherten Lachs und Brot auf den Tisch. Leider fehle die Butter, sagt er: "Ich habe keine Haushälterin." Drei Pfarrer, eine Pfarrerin, auf dem Stövchen dampft Earl Grey. Charles Cervigne ist aus Aldenhoven im Rheinland gekommen, Anne Salzbrenner aus Lichtenfels in Franken. Olivier Ndjimbi-Tshiende ist mit dem Renault Twingo aus Bayern angereist. Er traue sich nicht mehr in öffentliche Verkehrsmittel, sagt der einzige Katholik in der Runde.

Alle vier Pfarrer wurden im vergangenen Jahr Opfer von Anfeindungen und Gewalt. Beschimpfungen gegen Geistliche haben massiv zugenommen, sagen die Kirchen. Anne Salzbrenner und Sieghard Wilm erhielten Drohbriefe, Charles Cervigne wurde nachts in seinem Haus zusammengeschlagen. Olivier Ndjimbi-Tshiende hat seine Pfarrei im bayerischen Zorneding nach einem Mordaufruf verlassen.

DIE ZEIT: "Fürchtet euch nicht!" lautet die zentrale Botschaft des Weihnachtsevangeliums nach Lukas. Können Sie das noch mit Überzeugung predigen?

Sieghard Wilm: Gegenfrage: Wer braucht einen Pfarrer, der Angst hat? Das geht doch nicht, dass ich die Tür nur noch einen Spalt weit aufmache, weil da draußen einer stehen könnte, der mir an den Kragen will. Dann hätten doch die Leute, die mir diese furchtbaren Briefe schreiben, gewonnen.

Charles Cervigne: Und diese Drohungen will man natürlich auch nicht alle wörtlich nehmen. Ich hatte seit Längerem Hakenkreuz-Schmierereien auf dem Pfarrhaus, mir wurden mehrmals die Autoreifen zerstochen. Auf Facebook fiel der Satz: Man müsste mal bei dir zu Hause vorbeikommen. Trotzdem war mein erster Gedanke, als an diesem Samstag um 23 Uhr die Türglocke läutete: Mein ältester Sohn war mal wieder ohne Schlüssel unterwegs. Als ich die Tür aufmachte, hatte ich nicht einmal das Licht angemacht. Dann saust ein Stock auf meinen Kopf, Blut spritzt, Pfefferspray blockiert die Lungen.

Olivier Ndjimbi-Tshiende zieht einen Zettel aus seiner Klemmmappe: die Kopie einer Zeitungsmeldung, dass ein Pfarrer im rheinischen Aldenhoven von Rechtsradikalen krankenhausreif geschlagen worden sei. Daneben die Drohung: "Es ist besser, Du verschwindest jetzt aus Zorneding. [...] Du stehst auf der Liste."

Olivier Ndjimbi-Tshiende: Ein Liebesbrief.

ZEIT: Sie haben Ihre Gemeinde im oberbayerischen Zorneding im März verlassen. War das der Anlass?

Mir drohte einer, dass ich nach der nächsten Messe nicht mehr existiere

Ndjimbi-Tshiende: Ich habe über Monate Postkarten bekommen, auf denen ich als dreckiger Neger beschimpft wurde, den man vergasen sollte. Ich habe lange gedacht, das geht vorbei. Doch als mir dann einer drohte, dass ich nach der nächsten Sonntagsmesse nicht mehr existieren würde, wusste ich, das hat jetzt eine andere Qualität. Von der Polizei erfuhr ich, dass dieser Mann auch im Rathaus damit geprahlt hatte, er werde mich während der Heiligen Messe umbringen. Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Wenn ich diesen Sonntag überlebe, bin ich weg.

ZEIT: Sie alle wurden zur Zielscheibe, weil Sie in der Flüchtlingsfrage das gemacht haben, was man von einer Pfarrerin oder einem Pfarrer erwartet: Sie haben Barmherzigkeit gezeigt. Warum hassen einige Menschen Sie so?

Wilm: 2013 haben mein Kollege und ich spontan beschlossen, einer Gruppe von 80 Lampedusa-Flüchtlingen Kirchenasyl zu gewähren, danach ist die Situation völlig eskaliert. Es gab Naziaufmärsche, linke Solidaritätsbekundungen, 200 Polizisten mussten das Gebiet abriegeln. Wir sind eine bunte, aufgeschlossene Gemeinde, und ich habe mich hier als schwuler Pfarrer immer sehr gut aufgehoben gefühlt. Das war plötzlich vorbei.

Cervigne: Kamen die Angriffe bei Ihnen denn aus der eigenen Gemeinde?

Bei mir hieß es: "Du schwules Schwein, ich stech dich ab!"

Wilm: Ich würde jetzt gerne sagen, die Pöbler seien alte, weiße Männer, die die Welt nicht mehr verstehen. Und die gibt es ja auch. Aber es gibt auch die syrischen Christen, die finden, dass ich nicht auch noch für Muslime einstehen darf. Und die Kids aus dem Kiez, die selbst diskriminiert worden sind und sich freuen, dass sie jetzt auf die Afrikaner einschlagen können. Die größten Probleme habe ich mit einem jungen Rom, den ich von Kindesbeinen an kenne. Er hat mir ins Gesicht gesagt: Du schwules Schwein, ich stech dich ab!

Anne Salzbrenner: In meiner Gemeinde gehen die Deutschrussen auf die Barrikaden, von denen höre ich nur: Diese Afrikaner, die überrollen uns, die dürfen nicht bleiben. Ich hatte diese Leute vor 15 Jahren im Konfirmandenunterricht, ich weiß noch gut, welche Probleme die damals mit den Nazis hatten. Einem haben die Glatzen in der Hauptschule das Pausenbrot auf den Boden gelegt, mit den Springerstiefeln draufgetreten und ihn gezwungen, das zu essen. Und genau dieser Mann sitzt jetzt bei mir im Büro und schimpft darüber, dass ich für diese Scheißkanaken einmal im Monat ein Begrüßungscafé organisiere. Da bleibt mir echt die Spucke weg.

Cervigne: Man muss sich fragen, woher das kommt. Die Leute haben in den vergangenen 15 Jahren einen Sozialabbau sondergleichen erlebt. Und machen wir uns nichts vor, diesen Unmut, der sich jetzt völkische Verbündete sucht, gibt es doch schon lange. Er ist nur noch nicht so aufgefallen, solange die Protestwähler ihre Stimme der Linken oder den Piraten gaben.