Teilweise ist Hamburg kaum wiederzuerkennen in den fotografischen Stadtansichten, die jetzt in der Flo Peters Gallery im Chilehaus gezeigt werden. Die bisher größtenteils unveröffentlichten Bilder sind eine Entdeckung aus dem Nachlass von Herbert List. Es ist eine von drei neuen Ausstellungen, die gerade Fotos des 20. Jahrhunderts zeigen.

Herbert List, geboren 1903, arbeitete als Kaffeeimporteur, als er Anfang der dreißiger Jahre zu fotografieren begann. Es entstanden Kleinformate, kaum größer als Bierdeckel. Die Ortsbezeichnungen unter diesen Bildern klingen vertraut – "Dom", "Bahnhof" –, die Bildmotive sind es nicht. Sie wirken fremd und archaisch. Etwa der Blick des Fotografen in die Hamburger Börse, wo ausschließlich Männer stehen, alle in Schlips und Kragen: ein Motiv wie aus einem Charles-Dickens-Roman. Oder die Straßenansicht aus dem Gängeviertel mit seinen schiefen Fachwerkhäusern und den gebeugten Menschen davor: eine fast mittelalterliche Szene. Lists frühe Fotos sind Dokumente einer Stadt, die heute nicht mehr existiert.

Mitte der dreißiger Jahre floh Herbert List ins Ausland, wo er erstmals ausstellte, für Zeitschriften arbeitete, vollends vom Kaufmann zum Fotografen wurde. Ab den Fünfzigern fotografierte er – nach Krieg, Zerstörung und Befreiung – wieder in seiner Heimatstadt. Hinter den bröckelnden Mauern des Gängeviertels erheben sich in seinen Fotos nun kühn und kühl die makellosen Glasfassaden der Neubauten. Die Fußgängerbrücke, die von den Landungsbrücken zur S-Bahn führt, schwebt mit moderner Eleganz auf zarten Stelen über der Hafenkulisse. Die Abzüge sind größer, die Fotos schärfer und die Menschen auf den Bildern nicht mehr Tagelöhner, die im Hafen das Stückgut verfrachten, sondern Büromenschen im Anzug. Das heutige Hamburg wird erkennbar.

Kurz vor seiner Flucht aus Hamburg nahm Herbert List 1935 dieses Foto auf. © Herbert List

Etwa zu dieser Zeit beginnt auch Leonore Mau zu fotografieren, der die Sonderausstellung Von Hamburg in die Welt im Jenisch-Haus gewidmet ist. Wo Herbert List eine Stadt im Aufbruch zeigt, zieht es Leonore Mau mit ihrer Kamera an die Ränder der Wirtschaftswundergesellschaft. Ihre ersten Aufnahmen zeigen etwa Ruinen in Altona und Kellerkneipen in der Neustadt (auch jene, über die Maus Freund, der Autor Hubert Fichte, sein bekanntestes Buch schrieb: Die Palette). Die architektonische Moderne hält Einzug in Form von sozialem Wohnungsbau in Hummelsbüttel und Bergedorf. Porträts zeigen kontroverse Künstler wie Hans Henny Jahnn oder eben Fichte.

Diese frühen Arbeiten aus Hamburg sind in Schwarz-Weiß gehalten, den weit größeren Teil der Ausstellung nehmen jedoch Maus Farbfotos ein, die auf ausgedehnten Reisen ab den siebziger Jahren entstanden. Mau fotografierte Armenviertel in Frankreich, Voodoo-Priester in Haiti und Zaubermärkte in Togo. In afrikanischen Staaten, die gerade die Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialmächten erstritten hatten, dokumentierte Mau, wie sich traditionelle und westliche Ansätze vermischen. Etwa in der Behandlung von psychisch Kranken im Senegal und in Burkina Faso, bei der Wunderheiler auf Elektroschocktherapien und Psychopharmaka treffen.

Hamburg ist in diesen Fotos auf den ersten Blick abwesend. Aber es ist wohl kein Zufall, dass es eine Stadt mit kolonialer Vergangenheit war, aus der Leonore Mau zu ihren Reisen aufbrach. Ihre Fotos veröffentlichte sie anschließend in Zeitungen und Zeitschriften wie stern, Spiegel und ZEIT.

Während man in Herbert Lists Fotos die Zäsur des Zweiten Weltkriegs sehen kann und bei Leonore Mau die Zeit der Dekolonisierung, nimmt die Ausstellung Hundert Jahre Klar fast das ganze 20. Jahrhundert in den Blick. Sie wird in der Galerie Osterwalder’s Art Office in der Isestraße gezeigt und präsentiert drei Generationen einer Familie von Pressefotografen: Willi Klar (geboren 1907), Dieter Klar (1937) und Reto Klar (1967). Alle drei nahmen Porträts von Prominenten ihrer Zeit auf, der Großvater etwa von Josephine Baker, der Enkel von Karl Lagerfeld. Das ist die Konstante. Interessant ist, wie die Generationen sich unterscheiden und wie der wandelnde Zeitgeist sich nicht nur in den Motiven, sondern auch in der Ästhetik zeigt.

Eine Momentaufnahme aus Blankenese, 1956 aufgenommen von Leonore Mau © Nachlass Leonore Mau, S. Fischer Stiftung

Beim Großvater Willi herrscht noch eine einheitliche formale Strenge, die an Stummfilme oder an die Fotos von Henri Cartier-Bresson erinnert. Bei seinem Sohn Dieter kommen Schnappschüsse von nackten Hippies und Castor-Gegnern hinzu und Bilder in greller Farbigkeit. Seine Fotos streben nicht mehr nach klassischer Schönheit, ihre Ästhetik entsteht aus der Situation. Und Willi Klars Enkel Reto experimentiert mit Farbe und Schwarz-Weiß, mit Polaroid- und Lochkameras: Anything goes.

Als "Überraschungscoup" bezeichnet Dieter Klar das Motiv, das die meisten Käufer anzieht – Galeristin Angelika Osterwalder verkauft die Fotos für 100 Euro pro Abzug und ohne strenge Limitierung. Auf diesem Motiv posiert ein etwas abgerissener Udo Lindenberg Mitte der achtziger Jahre vor einem strammstehenden DDR-Soldaten. Ein Foto, aufgenommen ohne Genehmigung, in dem der ideologische Ost-West-Konflikt anschaulich wird: sozialistische Disziplinargesellschaft gegen hedonistischen Individualismus. Auf dem nächsten Bild ist die Berliner Mauer bereits eine Ruine. Und das 20. Jahrhundert bald Geschichte.

Herbert List in der Flo Peters Gallery, Pumpen 8 (Altstadt), läuft noch bis 28. Januar. "Hundert Jahre Klar" in Osterwalder’s Art Office, Isestraße 37 (Harvestehude), bis 24. Februar. Leonore Mau im Jenisch-Haus (Othmarschen), bis 23. April