Dass der übel beleumdete Grinch das Christfest geklaut hat, wissen amerikanische Kids seit 1966; seitdem wird der Trickfilm jedes Jahr zu Weihnachten ausgestrahlt. Deutsche Kinder kriegen alljährlich den Realfilm zu sehen. Ganz kurz: Der Grinch, dessen Herz "mindestens zwei Nummern zu klein ist", hasst Weihnachten; er verkleidet sich als Santa Claus und stiehlt den Kindern alle Geschenke. Doch am Weihnachtsmorgen hört der Schurke nicht etwa lautes Wehklagen, sondern frohe Lieder. Da dämmert es ihm, dass Weihnachten "eben mehr bedeutet", als zu schlemmen und zu schenken. Sein Herz wächst aufs Dreifache, und er retourniert die ganze Beute.

Nun hat der Grinch in Istanbul zugeschlagen, an der elitären Lisesi-Schule, die mit deutschen Euro-Millionen gefördert wird. Er zeigte sein sauertöpfisches Gesicht in einer Mail, welche die Deutsch-Abteilung (35 Lehrer) an das "liebe Kollegium" geschickt hatte: Die türkische Schulleitung habe befohlen, "dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird".

So weit wäre nicht einmal der Ur-Grinch gegangen, der ja bloß die Bescherung killen wollte. Hier stand das ganze Fest auf der Kippe; Eltern beklagten gar ein "Weihnachtsverbot". Ein deutscher Lehrer: "Wir sind ja auch Kulturvermittler hier", und wenn eines wahrlich deutsch ist, dann O du fröhliche und der Tannenbaum, der mittlerweile rund um die Welt seine Nadeln fallen lässt.

Auch dieser Grinch hatte ein Einsehen, zumal nachdem die Wogen der Empörung das Kanzleramt erreicht hatten. Nein, es gebe kein Weihnachtsverbot, ließ die deutsche Abteilung des Lisesi auf einmal wissen. Berlin und Ankara wollten offensichtlich einen weiteren Krach vermeiden; EU-Beitritt und Flüchtlinge sind genug. Dass aber die erdoğanisierte Schulleitung ausgerechnet dem Weihnachtsmann das Geschäft zu verderben versuchte, zeugt von historischer Ignoranz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Santa Claus (Nikolaos auf Griechisch, Sinter Klaas in Holland, Nikolaus auf Deutsch) ist nämlich ein echter Türke, der im 3. Jahrhundert in Myra am Mittelmeer geboren wurde und es bis zum Bischof und Heiligen geschafft hat. In Myra steht die Nikolaus-Kirche; eine Weihnachtsmannstraße gibt’s auch. Verehrer kommen aus aller Welt. Der Mann der Legende war ein ganz Großer, ein Helfer der Armen und Kranken, der sein Erbe verschenkte, so wie Santa heute die Kids beglückt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde er voll globalisiert. Im nordschwedischen Gällivare (jenseits des Polarkreises) halten sie sogar die internationalen "Santa Winter Games" ab. In der Nähe werkeln Elfen und Trolle an den Geschenken, die per Rentier-Schlitten zu den Kindern gebracht werden.

Kein anderer Türke hat derlei Weltruhm erlangt, jedenfalls nicht vor Erdoğan. Nikolaus ist Weltkulturerbe made in Turkey. Und den wollten die Islamisten zur Unperson machen? Die Türken haben der Welt Kaffee, Kebab und Lokum geschenkt, ganz zu schweigen von den Bauwerken, die Suleiman der Prächtige hinterlassen hat. Dass Erdoğan diese gloriose Geschichte nicht kennt, sei ihm verziehen. Denn Autokraten hassen Konkurrenz, und sei es auch nur der Weihnachtsmann. Umso mehr ist die türkische Schulleitung des Lisesi zu preisen. Wie der Grinch hatte sie doch ein Herz. Und die Kinder wissen: Santa hat es erweicht.