Am Abend des 8. März 2016 steht Amani al-Mekhlef, 29, am Strand von Izmir und schaut auf das Schlauchboot, das sie in ein neues Leben bringen soll. In ein neues Leben – oder in den Tod. Sie betrachtet ihre sechs Kinder, die weinen, die wegwollen, nur nicht in dieses Boot. Wenn doch Firas hier wäre, denkt Amani. Aber ihr Mann ist weit weg, in Deutschland. Sie hat Angst, doch sie darf sie nicht zeigen. "Kommt", sagt sie und steigt in das Boot, in dem sich schon viel zu viele Menschen drängen, 40 Personen, die meisten davon Frauen und Kinder. Amani drückt Mariam, ihre Kleinste, an die Brust, Abdullah, der Zweitjüngste, presst sich in ihren Schoß. Die anderen vier legen sich um ihre Beine herum auf den Boden des Schlauchboots, als sie in die Nacht hinausfahren.

Sieben Kinder hat Amani al-Mekhlef geboren, sechs lebend und eines tot. Keines war bei der Geburt schwerer als Mariam, vier Kilo wog sie. Jetzt ist Mariam ein Jahr und acht Monate alt, kräftig die Oberschenkel, rund der Bauch, hell das Haar. Manchmal schaut sie die Welt aus großen Augen grimmig an, was ihrem Zauber keinen Abbruch tut. "Vielleicht", sagt Amani, "ist sie so groß, weil die Umstände ihrer Geburt im April 2015 so schwierig waren."

Denn Amani und ihre Kinder sind seit vier Jahren unterwegs, geflohen vor dem syrischen Bürgerkrieg. Mariam wurde auf der Flucht geboren, in einem Krankenhaus in der Nähe ihres Camps in der Türkei, genau wie ihr dreijähriger Bruder Abdullah. Er hat ein feines Gesicht und neugierige Augen. Er macht gerne Faxen, doch er spricht fast nie. Zwei von Tausenden Kindern, die fern von der Heimat zur Welt kamen, unterwegs, in Flüchtlingslagern, unter freiem Himmel. Was bedeutet das für diese Jungen und Mädchen, die bislang nichts anderes kennen, als auf der Flucht zu sein?

Seit sie vor nun neun Monaten aus dem Schlauchboot stiegen, leben Amani und ihre sechs Kinder, nach Station in mehreren Zwischenlagern, in der Unterkunft LM Village in Myrsini, einem kleinen Ort auf dem Peloponnes. Ihr Zuhause: Das ist das bisschen Normalität, das Amani unter widrigsten Umständen zu schaffen versucht. Wärme, Liebe, Alltag. Frühstück, Mittagessen, Abendessen.

Die Kinder gehen ganz unterschiedlich mit diesem rastlosen Leben um. Nour, die Älteste, musste ihrer Mutter so viel helfen, so viel Verantwortung tragen, dass sie mit ihren zwölf Jahren oft wirkt wie eine Erwachsene. Zeinab, zehn, saugt überall Neues auf, sie spricht ein wenig Englisch, Griechisch und Deutsch. Hassan ist sechs, lange Zeit sprach er kein Wort, nachdem ihm ein Bombeneinschlag im Nachbarhaus in Syrien für zwei Jahre die Sprache verschlagen hatte. Er ist noch heute der Schüchternste. Die Jüngeren sind nie auf eine richtige Schule gegangen, die Älteren haben seit Jahren keine mehr besucht. Das hält sie nicht davon ab, Träume zu haben: Die drei Älteren wollen Arzt werden, "weil wir dann Menschen helfen können".

Wenn Mariam und Abdullah größer sind, wird ihre Mutter ihnen von einem Land erzählen, das sie nie kennengelernt haben. Von einem Dorf namens Al-Muhassan in der Nähe der Stadt Deir al-Sur im östlichen Syrien. Der Euphrat floss nicht weit von ihrem Haus, manchmal schwammen Amani und ihr Mann von einem Ufer zum anderen. "Denn im Frieden waren wir glücklich." Inzwischen regiert der IS in Deir al-Sur, die Stadt ist zerstört. Sie haben die Hoffnung aufgegeben, zurückkehren zu können.

Amani wurde früh verheiratet. Als sie 13 war, nahmen Mutter und Großmutter sie beiseite, um sie in die Regeln des Ehelebens einzuführen: Mach, was er sagt. Kümmer dich gut um euer Haus. Zehn Tage später wurde sie mit einem Cousin verlobt, den sie da zum ersten Mal sah. Einen Monat später war sie verheiratet mit Firas, einem Feuerwehrmann, der zwölf Jahre älter ist als sie. "Anfangs war ich nervös", sagt sie, "dann lernte ich, ihn zu lieben." Sie habe sich in sein Aussehen verliebt, in seine guten Manieren. Das heißt: wenn Firas nicht gerade wütend war. Doch Firas war oft wütend. Anfangs stritt Amani zurück, bis die Kinder kamen. Da habe sie gelernt, über seine Wutausbrüche hinwegzusehen. "Weil ich ihn liebe und er nun mal so ist." Denn als Mutter und Ehefrau, sagt Amani, brauche man vor allem zwei Eigenschaften: Ruhe und Geduld.