Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika einen kleinen Jungen zum Vorbild erhebt, kann man das als wahre Größe und als Geste der Demut deuten – oder als Zeichen von Verzweiflung und Ohnmacht.

Als im August das Foto des fünfjährigen Omran aus Aleppo, der nach einem Bombenangriff in Staub gehüllt in einem Krankenwagen saß, um die Welt ging, berührte das nicht nur Erwachsene. Auch der sechsjährige Alex aus dem Staat New York sah das Foto. Er starrte aber nicht bloß fassungslos auf das Bild, Alex tat etwas: Er setzte sich hin und schrieb einen zweieinhalb Seiten langen Brief an seinen Präsidenten. Obama solle den Jungen aus Syrien herausholen, forderte Alex. Er, seine Eltern und seine kleine Schwester würden ihm eine Familie sein. Omran müsse sich auch keine Sorgen machen, dass er kein eigenes Spielzeug mitbringen könne, Alex und seine Schwester würden ihres teilen. Organisatorische Fragen hatte der Sechsjährige auch bedacht: Parken solle Obama einfach in der Einfahrt.

Ein sechsjähriger Junge, der versucht, etwas gegen ein großes Leid in der Welt zu tun, in dem kindlichen Allmachtsglauben, dass der Präsident ihm dabei schon helfen werde – das hat wohl auch Obama tief bewegt. Jedenfalls las er im September beim Weltflüchtlingsgipfel in New York aus Alex’ Brief vor und sagte den versammelten Vertretern der Staatengemeinschaft, sie alle, auch er selbst, könnten eine Menge von Alex lernen.

Das mag anrührend sein, es ist aber auch ziemlich beunruhigend. Wer, wenn nicht der Inhaber des mächtigsten Amtes der Welt, sollte in der Lage sein, bei Konflikten wie dem syrischen zu intervenieren und Antworten auf aktuelle Flüchtlingsfragen zu finden! Oder hilft, wenn nichts mehr hilft, tatsächlich nur noch das Kind? Wenn die Konflikte in der Welt zu komplex werden, wenn die Diplomatie versagt und die Erwachsenen keinen Rat mehr wissen?

Mag sein, dass Kinder ein besonderes Talent haben, simple Wahrheiten auszusprechen. Dass sie direkter reagieren, weil ihre Welt noch nicht so groß ist. Doch Kinder sind nicht in der Lage, Probleme zu lösen, die uns Erwachsene überfordern. Es ist auch nicht ihre Aufgabe.

Wenn mit Kindern Politik gemacht wird, und sei es im Dienste einer guten Sache, geht es selten um sie und ihr Wohl. Statt sich um das Schicksal des kleinen Omran und der vielen anderen Kinder in Aleppo zu kümmern, rückte ein Kamerateam des Weißen Hauses an, um einen kitschigen Film über Alex und seinen Brief zu drehen. Der Junge wurde zum Star, sogar die Fernsehnachrichten berichteten. Was für ein Kind! Was für eine Geschichte! Nur, was folgt aus ihr? Welches ist die Lehre, die Obama selbst gefordert hatte?

Natürlich fällt es leichter, im Internet rührende Kindervideos zu teilen, als sich gegen das Unrecht in der Welt aufzulehnen. So hat auch die siebenjährige Bana aus Aleppo in den sozialen Netzwerken Karriere gemacht. Seit September twitterte das Mädchen aus dem belagerten Teil der syrischen Stadt, genauer gesagt, ihre Mutter berichtete. Sie stellte kurze Zitate der Tochter online, postete Fotos und filmte das Mädchen, wie es zwischen Trümmern umherging. Wer ihr auf Twitter folgte, konnte lesen, dass Bana glücklich war, zwei weitere Milchzähne verloren zu haben. Man konnte sehen, wie sie selbst gemalte Plakate in die Kamera hielt, auf denen sie ein Ende der Belagerung forderte. Man war sogar dabei, wenn Bana in einer Zimmerecke kauerte und zusammenzuckte, als draußen Bomben fielen.

Knapp tausend Menschen "gefiel das", mehr als 300.000 folgten Bana auf Twitter, darunter Stars wie die Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling.

Mit Bana glaubte man einen wahren Eindruck vom Leben der Zivilisten in Aleppo zu bekommen. Kindermund tut schließlich Wahrheit kund – und wenn ein Kind dazu noch im Video zu sehen ist, dem Medium, das wie kein zweites Realität vorgaukelt, ist dies quasi authentisch hoch zwei. Noch näher dran geht nicht. Vor ein paar Tagen wiederum twitterte eine Hilfsorganisation, Bana sei "in Sicherheit". Offensichtlich konnte die Siebenjährige evakuiert werden, nachdem der Ostteil der Stadt von Truppen des Assad-Regimes zurückerobert worden war.