Eine Familienreise ins Elsass, ich war 13 oder 14. Es ging nach Straßburg, zum Münster, das seltsam amputiert gen Himmel weist, weil von den beiden Türmen der eine fehlt. Es ging nach Colmar, zu Grünewald und seinen schön-erschreckenden Gemälden. Schließlich ging es, über gewundene Bergwege immer weiter hinauf, zu Le Corbusier, von dem ich nie gehört hatte und der mir herzlich egal war. Noch eine Kirche? Mein Bruder und ich wären am liebsten im Auto geblieben.

Dann aber: dieser sonderbare Augenblick. War ich ergriffen? Erfasst? Hinausgehoben trifft es besser. Hinfortgetragen aus jener Ordnung, in der es sehr gerade und aufrecht zugeht und eine Wand stets Wand zu sein hat, ein Dach stets Dach. Ich fand mich wieder in der Welt Le Corbusiers, in der sich löst, was doch fest sein muss, in der schwebt, was halten soll, und in der sich auch in mir etwas zu lösen schien und in die Schwebe geriet.

Eigentlich kann ich mir bis heute nicht vorstellen, dass irgendwer von der kleinen, weiß strahlenden Kapelle nicht bewegt sein, sich nicht empfangen und gemeint fühlen könnte. Auch wer mit Architektur nichts im Sinn hat, wird empfinden, dass hier, in Ronchamp, in dem Kirchlein Notre-Dame-du-Haut, alles Wohlvertraute aufbricht und die Architektur auf beschwingende Weise ihre Bestimmung erfüllt: ein Ziel der Pilger zu sein, ganz gleich, ob sie Wunder erwarten oder Wunderbares.

Wie eine Erscheinung kam sie mir jedenfalls vor, auch wenn ich das damals nicht so genannt hätte. Vielleicht war es auch eher ein Staunen über die eigene Erstauntheit, darüber, was ein paar schwellende Formen aus Beton vermögen, welche Lust entsteht für den, der diese Formen umstreift und dabei zusieht, wie sie sich vor den eigenen Augen verwandeln. Sah die Außenwand nicht gerade noch aus, als entstamme sie fernen Zeiten, urmächtig und kraftvoll? Nur ein paar Schritte weiter, von der Seite betrachtet, wirkt sie plötzlich heiter und schmal, ja eigentlich wie ein Segel, gebauscht von einem Wind, der erst noch aufkommen muss.

Ein Haus der Erwartung: Nichts scheint hier festgelegt, nichts vollendet. So spielerisch und frei fügen sich die einzelnen Teile, als hätten sie von sich aus zueinandergefunden und könnten es sich morgen schon anders überlegen und für ihre wuchtigen Leiber ein neues Miteinander finden. Die Freude am Wandel, von der dieser Bau kündet, die Aussicht darauf, in einer unverfügten Welt zu leben – wie hätte mich das nicht begeistern sollen?

Gut möglich, dass ich mich seither nach solchen Augenblicken sehne, in denen Architektur auf sinnlich-verlockende Weise davon erzählt, wie offen, wie herrlich unbestimmt all das sein kann, was sonst als entschieden und unveränderlich gilt. Über den zahllosen Abluftvorschriften, Brandschutzregeln und Fluchtwegbestimmungen, über den unvorstellbar vielen Zwängen, die heute das Bauen beherrschen, gerät die eigentliche, die stille Macht der Architektur ja oft in Vergessenheit. Dabei reicht oft der weiche Hall eines Raumes, die warme Stimmung des Lichts oder einfach nur ein Treppengeländer, nach dem man greift, weil es sich in der Hand so wunderbar rundet, um diese stille Macht zu spüren.

Für Le Corbusier entstand Schönheit, wenn "Leidenschaft in die Strenge des Kalküls eingreift", wobei in Ronchamp von Strenge nicht viel zu sehen ist. Vielleicht noch der raue Beton, der wie hingeknetet aussieht und den es schon deshalb braucht, weil sonst die Kitschgefahr zu groß wäre. Vor allem im Inneren der Kirche, in der Le Corbusier das Licht körperlich und unsere Körper licht werden lässt. Über stutzenartige Fenster und schornsteingleiche Nischen filtert er den Sonnenschein, lenkt ihn um, speist ihn mit Farben und bringt den Raum in eine Stimmung, die der Meister gerne "unaussprechlich" nannte, indicible. Ich weiß nicht, was ich damals, in der verzauberten Grotte, von mir gab, ob ich überhaupt etwas sagte. Wahrscheinlich behielt ich die Bilder, die Empfindungen für mich. Geblieben sind sie mir bis heute.

Hanno Rauterberg ist der Kunst- und Architekturkritiker im Feuilleton