Am Anfang ist Überforderung. Was wuchtet sich hier in die Höhe – eine Demonstration gegen den rechten Winkel? Alles an diesem Gebäude ist rund, organisch, fließend. Und auf eine so versponnene Weise unfertig, dass es an die Relikte eines Filmsets denken lässt, dessen Produzenten das Geld ausging. Die Ziegelwände sind nur zur Hälfte verputzt, aus den Türmen schrauben sich nackte Wendeltreppen in den Himmel, auf manchen der blauen Kuppelgerippe klappern Störche. Gleichzeitig spürt man: Hier ragt etwas Unerhörtes aus dem östlichen Speckgürtel von Madrid. Es ist die Kathedrale Nuestra Señora del Pilar, das Lebenswerk des heute 91-jährigen Justo Gallego Martínez. Seit einem halben Jahrhundert errichtet er sie. Allein.

Im Innern wirken die Dimensionen noch gewaltiger. Die Wintersonne fällt durch das Metallskelett der Hauptkuppel von 22 Metern Durchmesser, die sich an nichts Geringerem als dem Petersdom orientiert. Staubkörnchen tanzen im Licht, es riecht nach Zement. Rohre liegen herum, Eisenstangen, Paletten, Kacheln. Es ist also wahr: In der Schlafstadt Mejorada del Campo verwittert kein gescheitertes Projekt, hier wächst tatsächlich eine Basilika empor – "Justos Kathedrale", wie jeder hier im Ort sie nennt. Etwa drei Viertel des Baus sind fertig. In der Apsis hängen schon Heiligenbilder, in der Krypta dämmert Kirchengestühl unter Plastikplanen seinem Einsatz entgegen, in der Sakristei blicken die Büsten von Jesus und seinen Aposteln ins Ungefähre. Ihre Köpfe sind identisch, weil sie aus derselben Gussform stammen, und sie erinnern an den nicht sehr frommen Dude aus dem Film The Big Lebowski.

Je länger man herumstreift, desto irrwitziger erscheint, dass alles nur von zwei Händen aufeinandergeschichtet worden sein soll. Irgendwann gelangt man auf die Galerie und sieht unten im Kirchenschiff drei Kombis stehen, die so klein wie Tretautos wirken. Spätestens jetzt gibt man auf. Die Vorstellung ist zu groß, der Kopf zu klein.

Vom Haupteingang her klirren Hammerschläge. Dort steht Justo auf einem Berg von Bruchfliesen. Mit ihnen will er bald den Boden pflastern. Der Alte ist so dürr, als hätte man ihn aus Draht gezwirbelt, doch seine Bewegungen sind kraftvoll und harmonisch. Kaum zu glauben, dass er sich schon in der zehnten Dekade seines Lebens befindet – trotz des hageren, völlig entfleischt wirkenden Kopfes, der den Totenschädel nur mühsam verbirgt. Sollte Justo einmal heiliggesprochen werden, würde man ihn in der Kluft malen, die er jetzt und in jedem anderen Monat des Jahres trägt: blauer Arbeitskittel, weißes Hemd, roter Schal und rotes Mönchskäppi. Der Manierismus El Grecos wäre dann der passende Stil.

Egal, wann man die Kirche besucht – Justo ist immer da. Aber alles andere als zugänglich. Im Winter taut er am ehesten an seiner Pausen-Feuertonne auf. Sie wandert mit ihm zu den Arbeitsstationen. Justos Stimme ist laut und bellend, man erschrickt ein wenig. Der Bauernsohn war Trappistenmönch, bis ihn 1959 der Vorschlaghammer des Schicksals traf: Eine Tuberkulose-Erkrankung führte zu seinem Ausschluss aus dem Kloster. Auch wenn es die Antibiotika in einem Madrider Krankenhaus waren, die ihn gesunden ließen – für Justo kam nur Gott selbst dafür infrage. Darum legte er das Gelübde ab, der spanischen Nationalheiligen eine Kathedrale zu bauen.

Mejorada war damals noch ein Dorf. "Im Jahr 1961 habe ich den Grundriss abgeschritten auf einem der Felder, die mir mein Vater vererbte. Einfach so, in Form eines Kreuzes", erzählt Justo und rührt im Feuer. Dann fing er an – ohne Ahnung von Architektur, Maurerhandwerk oder Statik. Alles, was der damals 36-Jährige hatte, war etwas Geld aus dem Verkauf von Olivenhainen und Inspiration durch ein paar Bücher. "Jeder glaubte, ich würde bald wieder aufgeben. Einen Verrückten haben sie mich genannt, und die Kinder warfen Steine nach mir. Heute sind diese Kinder Großeltern. Und ich baue immer noch!"

Aber wozu der Gigantismus, Justo? Andere ehren Gott doch auch, ohne gleich Kathedralen zu errichten. "Diesen Leuten fehlt eben ein starkes Ideal", sagt er, steht ungeduldig auf und beginnt wieder, Fliesenbrocken in eine Schubkarre zu schmeißen. "Jeder schuldet Gott, was er hat. Und wenn ich Gold besitze, darf ich ihm kein Silber geben. Mein Glaube ist groß, und ein großer Glaube verlangt nach großen Taten."

Nach großen Reden verlangt er nicht. Wer mit Justo sprechen will, muss ihn dafür bezahlen. Sonst erntet er nur ein jähes Hin und Her seines Zeigefingers – die absolute Verneinung. "Sermone habe ich geredet, immer und immer wieder das Gleiche, und dann verstehen sie doch nicht, dass es hier um Gott geht und nicht um mich", schimpft Justo über die Besucher, die von ihm erduldet werden wie eine unvermeidliche Plage. Ein ums andere Mal verweist er stumm auf eine Wand mit verblassten Presseartikeln und besonders nachdrücklich auf die Spendenbox am Seiteneingang. Justo braucht das Geld dringend. Bald will er die große Kuppel mit teuren Zinkplatten decken.