Wenn Matthias Müller seinen Kopf frei bekommen will von all den Vorwürfen, die ihn in diesem Hundejahr verfolgen, dann flüchtet er in den Keller. So auch um kurz nach sieben am Nikolausmorgen. In einem grau gestrichenen Fitnessraum steigt der Chef von Volkswagen auf einen Heimtrainer. Dann strampelt der Mann so lange, bis sich auf der Kopfhaut am weißen Haaransatz Schweißtropfen bilden. "Man glaubt gar nicht, dass so ein bisschen Bewegung den Menschen schon ins Schwitzen bringt", sagt der 63-Jährige, während er gleichmäßig in die Pedale tritt.

Früher, da verkörperte er den Typus des drahtigen, superehrgeizigen Managers. Da ist er Marathon gelaufen und zum Heliskiing nach Alaska geflogen, an seinem 40. Geburtstag machte er Bungee-Jumping, und auf dem Mountainbike ging es durch die Berge. Aber heute schmerzen seine Knie schon, wenn er lange stehen muss. Damit er sich überhaupt bewegt an diesem Morgen, wird geradelt.

Müller hat eine glänzende Vergangenheit hinter sich. Doch die Gegenwart, das Jahr 2016, das hat ihm wehgetan. Und wie.

Müller ist heute ein Gefangener. Am 25. September 2015 machte ihn der Aufsichtsrat der Volkswagen AG zum Vorstandsvorsitzenden des größten europäischen Industriekonzerns. Seit diesem Tag ist Müller der Angeklagte, wenn die Sprache auf den Dieselbetrug von VW kommt. Wie tief er persönlich darin verwickelt war, ist bis heute nicht geklärt. Fest steht nur, dass ihn das Thema rund um die Uhr begleitet.

Auch am Nikolausmorgen. Die Fenster im Fitnessraum sind verhangen, nur eine Papierserviette mit VW-Logo auf einem Tisch verrät, dass selbst dieser Raum zum Reich von Müllers Weltkonzern gehört. Wochentags lebt der Manager im Rothehof, einem Gästequartier des Unternehmens, das viele Führungskräfte als Bleibe nutzen. Gleich wird Müller in seinem Zimmer im ersten Stock duschen, in seinen Golf GTI steigen und zur Arbeit fahren. Gut zehn Minuten später wird er das Werksgelände durch das Tor Sandkamp erreichen, in eine Tiefgarage fahren und von dort den Fahrstuhl in den fünften Stock nehmen. Dann wird er eine Kleinigkeit frühstücken, ehe er um kurz nach 9 Uhr seinen Kopf mit der Vergangenheit vollstopft. Tagesordnungspunkt eins der Vorstandssitzung lautet an fast jedem Dienstag und seit über einem Jahr: "Status Diesel".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Müller hat das ganze Jahr über versucht, die Vergangenheit mit ihrer millionenfachen Kundentäuschung loszuwerden, aber sie klebt an ihm wie Hundescheiße am Schuhabsatz. Immer neue Klagen, Beschwerden und Prozesse gibt es. Und das, während der größte Wandel über die Branche kommt, seit Henry Ford im Jahr 1909 die Massenfertigung entwickelte. Plötzlich gelten die Tage des Verbrennungsmotors als gezählt. Angesichts all dessen warnte der heutige Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch schon bei Müllers Antritt: "Die Existenz des Unternehmens ist unter bestimmten Bedingungen gefährdet".

Was macht dieser Druck mit dem Menschen, und was macht dieser Mensch mit dem Unternehmen? Mit dieser Frage begann sie, die Reise mit Matthias Müller durchs Autojahr.

Wer Müller begleitete, konnte viel lernen. Der erlebte einen Chef, der sehr einsam war. Der beobachtete einen Menschen, der sich verletzt fühlte, vor allem als der Ruf erste Kratzer bekam. Der sah, wie ohnmächtig ein Vorstandschef sein kann und wie ihn das zermürbt. Aber es gab eben auch Müller, den Querdenker, der mit seiner Gestaltungskraft einen Konzern mit Standorten in über 30 Ländern vom Kopf auf die Füße stellte.