Unvergesslicher Schrecken in Siena. Das Söhnchen eilte, den Eltern voraus, durch die Raumflucht des Palazzo Pubblico. Entsetzt kam es zurück und stammelte: Was ganz Schlimmes ist passiert! Alle Babys tot! Der Nachbarsaal bot ein Großgemälde vom Kindermord zu Bethlehem. Der Sieneser Maler Matteo di Giovanni hatte 1482 den weihnachtsgeschichtlichen Horror des Matthäusevangeliums in einen Renaissancepalast verlegt. Orientalisch gewandet, mit Turban statt Krone, thront König Herodes. Sadistisch grinsend gebietet er das Massaker. Die Schwertknechte wüten begeistert. Sie entreißen den flehenden Müttern die Säuglinge und stechen zu. Wie Puppen liegen die nackten Kadaver auf dem Marmorboden, seltsamerweise ohne Blut. Den Hofstaat auf der Galerie amüsiert die Kurzweil fremden Sterbens. Den Thron flankieren zwei Grübler, die weder genießen noch verhindern können, was geschieht. Befehl ist Befehl.

Das ist nicht wirklich passiert, sagte ich. Das hat sich der Maler nur ausgedacht. Das Söhnchen, kaum getröstet: Warum wollte der nicht was Schönes malen?

Schön ist die deutsche Weihnacht, mit Brauchtum und Hochkultur. Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Die unerhörte Botschaft von der Menschwerdung Gottes verniedlicht sich zur Lichterglanz-Folklore. Deren Sentiment rührt Gläubige wie Atheisten, auch Pegidas auserwähltes Volk. Auf dem Theaterplatz der Weihnachtshauptstadt Dresden sangen die gottlosen Verteidiger des christlichen Abendlands: "Gottes Sohn, o wie lacht / Lieb aus deinem göttlichen Mund, / da uns schlägt die rettende Stund, / Christ, in deiner Geburt!" Dazu reckten sie Schilder: BITTE WEITERFLÜCHTEN!

Die sogenannte Weihnachtsgeschichte ist antike Literatur, eine Collage aus den Evangelien nach Lukas und Matthäus. Der Evangelist Matthäus inszeniert unsere "heiligen drei Könige aus dem Morgenland": babylonische Astrologen und Orakelforscher, die ein Wanderstern geleitet. Sie wähnen einen Herrscherspross zur Welt gekommen und suchen ihn im Königspalast der Hauptstadt Jerusalem. Herodes, aufgeschreckt, fällt aus aller Sicherheit. Er heuchelt Freude. Die Magier, falls anderswo fündig, mögen ihm auf dem Rückweg berichten. Der Stern führt die Weitgereisten nach Bethlehem. Sie finden das Kind und huldigen ihm. Sie empfangen Gottes Traumbefehl, Herodes zu meiden. Auch Joseph träumt. Gott drängt ihn zur Flucht nach Ägypten.

Was folgt, besingt kein Weihnachtslied. Vergeblich erwartet Herodes die Wiederkehr der Magier. Seine Schriftgelehrten entdecken die Prophetie von Bethlehem. Der König tobt und befiehlt: Alle dortigen Knaben bis zum Alter von zwei Jahren müssen sterben. Schockierend knapp notiert Matthäus das Grauen. Er bucht nur den Vollzug einer Weissagung (Jeremia 31,15), so wie sich in jeglichem Weltgeschehen Gottes Heilsplan realisiert. Und alles hat sich schon einmal ereignet, der Kindermord wie die wunderbare Rettung des Erwählten, eingangs des 2. Buches Mose: Vor Zeiten, als die Israeliten in Ägypten fronten, befahl der Pharao die Tötung ihrer neugeborenen Knaben. Auch dies war Machtpolitik, damals aus demografischen Gründen. Das fremde Knechtsvolk wuchs schneller als die eingeborene Herrenrasse. Gott bewahrte den Säugling Mose, ausgerechnet durch Pharaos Tochter, und machte ihn zum Führer seines Volkes aus der Sklaverei.

Lesen Sie dazu auch den Politik-Schwerpunkt "Kinder machen Politik" in der aktuellen Ausgabe der ZEIT. - Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Zwei, drei Jahre lässt der Evangelist Matthäus die Heilige Familie im Gastland Ägypten verweilen. Dann meldet der Traumengel Joseph den Tod des Tyrannen. In Jerusalem herrscht nun Herodes’ Sohn Archelaos. Die Flüchtlinge kehren zurück, aber nicht in ihre, laut Matthäus, angestammte Heimat Bethlehem. Vorsichtshalber ziehen sie ins hauptstadtferne Nazareth.

Den Kindermord zu Bethlehem hat es historisch nie gegeben. Herodes der Große, Vasallenfürst Roms, starb bereits im Jahre 4 vor Christi Geburt. Er war allerdings ein Bluthund, der auch seine Söhne Aristobul, Alexander und Antipater präventiv ermorden ließ, weil er ihnen Umsturzpläne zutraute. Kaiser Augustus bemerkte, es sei günstiger, das Schwein als der Sohn des Herodes zu sein. Der vermeintliche Bethlehemsmord begründete in etlichen christlichen Kirchen das Fest der unschuldigen Kinder (um den 28. Dezember). Auch die Kunstgeschichte bewahrte ihn in wechselnder, durchaus politischer Szenerie. Matteo di Giovannis eingangs beschriebenes Gemälde ist ein Propagandabild, sein Herodes der muslimische Antichrist. Das Werk allegorisierte aktuelle Geschichte. 1453 war Konstantinopel, das östliche Rom, gefallen. 1480 hatten osmanische Flottenverbände die apulische Hafenstadt Otranto belagert und erobert. 800 Einwohner, vor allem junge Männer, wurden enthauptet, weil sie nicht zum Islam konvertierten.

Pieter Brueghel d. Ä. malte den Kindermord als Dorfszene in flämischer Winterlandschaft, gemünzt auf Gräueltaten der spanischen Besatzer. Auch Giotto, Fra Angelico, der ältere Cranach und Rubens schufen Versionen. Das Blutbad der Kinder wurde zum Inbegriff des fünften Gebots: DU SOLLST NICHT TÖTEN! Es symbolisiert die Verletzlichkeit des Menschen, seine Ohnmacht, seinen unverrechenbaren Eigenwert. Der Mensch, als Kind entwaffnet. Kinder sind schuldlos. Sie verantworten weder Ideologien noch deren Schlachten. Der Kindermord entlarvt und markiert das schlechthin Böse, den totalen Krieg.