Mein erstes Abo der Neuen Zürcher Zeitung löste ich im Jahr 1950, als ich mein Studium an der Uni Bern begann. Seit 66 Jahren bin ich tagtäglich ein treuer Leser. Deshalb fühlte sich die Nachricht, dass die NZZ im Tessin keinen Korrespondenten mehr beschäftigen will, wie ein Vertrauensbruch eines alten Freundes an.

Es geht hier aber nicht lediglich um die Befindlichkeiten eines langjährigen Abonnenten. Nein, der Beschluss der Chefredaktion, aus der Südschweiz nur noch mit freien Mitarbeitern zu berichten, ist ein Fehler. Die NZZ schleicht sich aus ihrer publizistischen Verantwortung.

Was es heißt, wenn Zeitungen keine Korrespondenten mehr on the ground haben, zeigt sich in den USA. Nach der Wahl von Donald Trump erschienen in der New York Times und andere großen Tageszeitungen unzählige Schuldbekenntnisse: Die Blätter gaben zu, dass sie seit Jahren auf Korrespondenten verzichtet haben, die mit den Gefühlen und dem Zustand des ländlichen Amerikas vertraut waren. Lieber konzentrierten sich die Zeitungen auf das kosmopolitische Leben entlang der beiden Küsten, von New York bis Miami, von Seattle bis Los Angeles. Oder auf die politischen und wirtschaftlichen Machtzentren in Washington beziehungsweise an der Wall Street. Ihre Landsleute in Idaho, Wisconsin oder Ohio haben sie schlicht vergessen.

Nun lebt im Tessin niemand in einem Trailer-park und sein Rust-Belt, das Stahlwerk Monteforno, ist längst abgewickelt. Trotzdem sind die Beziehungen der Eidgenossenschaft zur Südschweiz schwierig in diesen Jahren. Die Tessiner fühlen sich von Bern vernachlässigt – und machen ihrem Ärger bei Abstimmungen und Wahlen mit Proteststimmen Luft. Daran können auch die gelegentlichen Besuche die Bundesrätinnen und Bundesräte im Südkanton nichts ändern. Die öffentlichkeitswirksam inszenierten Risotto- oder Polenta-Essen erinnern mich an barmherzige Festtagsbesuche bei den ärmeren Cousins der Familie.

Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Ein NZZ-Korrespondent, der im Tessin lebt und der sich die Mühe gibt, unsere Eigenheiten zu erforschen, könnte den Deutschschweizern erklären, wieso unser Verhältnis zu Italien derart belastet ist. Er könnte in Zürich, in Bern oder Basel erläutern, weshalb wir Tessiner – schon wieder! – bei einem Urnengang gegen den gesamtschweizerischen Mainstream entschieden haben. Er wäre ein kritischer Verbündeter in unseren immer hitzigen Konfrontationen mit der Deutschschweiz. Dazu kommt: Ein Korrespondent in der italienischen Schweiz wäre eine interessante Antenne, um den großen Nachbarn Italien zu beobachten. Nicht das offizielle Italien, nicht Rom, sondern das Italien jener Leute, die an der Grenze leben und einen Einblick in ihr Land und dessen Probleme geben könnten.

Aber auch wir Tessiner sollten uns mehr Mühe geben, besser über den Rest der Schweiz, vor allem der Deutschschweiz, informiert zu sein. Gefragt wäre dabei die RSI. Sie sollte viel mehr in diese Richtung unternehmen. Wieso nicht am Freitagabend die Arena mit Simultanübersetzung auszustrahlen? Das würde uns erlauben, die Bundesrätinnen und Bundesräte nicht nur auf ihren Propagandareisen in den Süden, sondern auch in den aktuellen Debatten zu erleben. Das wäre echter Service public! (Aber ich kenne die Antwort der RSI-Chefs bereits: "Das kostet zu viel, dafür ist in unserem Budget von jährlich 250 Millionen Franken kein Platz." Sie beglücken den TV-Zuschauer lieber mit der x-ten Folge von Dr. House.)

Ja, es ist schade, hat die NZZ vergessen, welch wichtige Rolle sie für eine bessere Verständigung im Land spielt – und einfach darüber weggeschaut, dass man Föderalismus nicht nur in Leitartikeln predigen, sondern auch leben muss? Eine Qualitätszeitung hat Verpflichtungen, denen sie sich nicht entziehen sollte.