Regensburg, Anfang Dezember. Es nieselt, die zähe Hochnebeldecke lässt keinen Sonnenstrahl durch. Der Stimmung im Osram-Halbleiterwerk im neuen Industriegebiet dürfte das eigentlich keinen Abbruch tun. Denn wenn die Tage trübe werden, ist Kunstlicht gefragt. Und da ist Osram in Regensburg spitze. Hier entwickeln und fertigen gut 2.200 Beschäftigte LEDs, jene kleinen Wunderdinger, die nicht nur herkömmlichen Glühbirnen den Garaus machen, sondern bei Autos, Handys oder in der Sicherheitstechnik (Iris-Scanner) immer neue Anwendungsfelder erobern. Die Geschäfte mit den optischen Halbleitern laufen super. "Wir sind Technologieführer", sagt Irene Weininger, "unsere Produkte sind weltweit gefragt." Die 42-Jährige ist Betriebsratschefin in Regensburg, im größten Werk des Lichttechnikkonzerns.

Also alles prima in Regensburg? Mitnichten. In der Belegschaft rumort es zu diesem Zeitpunkt. Die "Osramis", so nennen sich die Beschäftigten hier selbst, wurden "durch die Presse" (Weininger) aufgeschreckt: San’an, ein Konkurrent aus China, wolle Osram schlucken, stand da zu lesen. San’an hatte "erste Gespräche" bestätigt, die konnten auch Osram-Konzernchef Olaf Berlien und Joe Kaeser, der Lenker des Osram-Großaktionärs Siemens (Anteil 17,5 Prozent), nicht bestreiten. Angeblich sei schon ein Übernahmeangebot ausgearbeitet, das weit über dem Aktienkurs der Osram Licht AG liege, wurde spekuliert – blieb aber unbestätigt. Aus dem Berliner Wirtschaftsministerium verlautete, man werde eine mögliche Osram-Übernahme genau prüfen.

Da die Bosse sie nicht eingeweiht hatten, gingen die Arbeitnehmervertreter in die Offensive. Sie forderten Berlien und Kaeser öffentlich "zu einer klaren Absage jeglichen Übernahmeversuchs" auf. Die IG Metall sekundierte. Dieser massive Widerstand von unten ist bei vergleichbaren Übernahmen deutscher Unternehmen durch chinesische Investoren – etwa jüngst beim Roboterbauer Kuka – bisher einmalig.

Knapp zwei Wochen später ist die Überraschung groß. Die Nachrichtenagentur Reuters meldet, die Chinesen hätten ihr Ziel der Mehrheitsübernahme von Osram aufgegeben. Der Widerstand der Belegschaft und Bedenken der deutschen Politik hätten sie abgeschreckt. Vielleicht begnügten sich die Investoren aus China erst mal mit den 17,5 Prozent von Siemens.

Wie konnte es gelingen, dass der Widerstand der Belegschaft die Chinesen offenbar zumindest vor dem großen Zugriff abgeschreckt hat? Und warum probten die Betriebsräte und die IG Metall den Aufstand gegen einen Übernahmeversuch, der noch gar nicht offiziell verkündet war? Was trieb sie auf die Barrikaden? Spielten irrationale Ängste vor Investoren aus China eine Rolle?

Die ZEIT sprach mit den Beschäftigten, noch bevor es die vorläufige Entwarnung gab. An jenem Tag Anfang Dezember sitzen Betriebsratschefin Weininger und fünf ihrer Osram-Kollegen aus der Entwicklung, der Fertigung und dem Controlling im Landhotel Held, einen Kilometer vom Halbleiterwerk entfernt. Sie opfern an diesem Tag ihre Mittagspause für ein Gespräch.

"Oh, mein Gott", habe sie gedacht, als sie von den Übernahmegerüchten erfuhr, sagt die Betriebsratschefin. Das Schlimme daran sei nicht gewesen, dass Chinesen an Osram interessiert seien, sagt sie, "es spielt erst mal keine Rolle, woher der Investor kommt. Aber wir wollen nicht fremdbestimmt werden." Die Kollegen nicken. Schließlich haben sie alle mitgeholfen, dass Osram nach der unfreiwilligen Trennung von der Ex-Mutter Siemens vor drei Jahren mittlerweile gut allein klarkommt. Und jetzt soll ein fremder Konzern über ihr Schicksal bestimmen?

"Streiken dürfen wir gegen eine mögliche Übernahme nicht", sagt Irene Weininger, "aber wir werden uns wehren." Vielleicht demonstriere man vor dem Werkstor. Vielleicht gingen die IG Metaller aus den benachbarten Werken von BMW und Conti mit auf die Straße. Die Kollegen schauen entschlossen drein.