DIE ZEIT: Herr Sloterdijk, gibt es zynischen Fußball?

Peter Sloterdijk: Üblicherweise bringt man diese beiden Wörter nicht miteinander in Verbindung. Doch ich denke, ja, es gibt zynischen Fußball. Was ist denn Zynismus? Es ist die Haltung derer, die die normale Welt von oben sehen. Eine Praxis der Verachtung. Sie geht von der Annahme aus, Regeln seien nur für die Dummen da. Regelverachtung ist eine typisch zynische, genauer: eine herrenzynische Haltung. Dieses Phänomen tritt im Augenblick aus dem Dunst, es verdeutlicht sich.

ZEIT: Warum im Augenblick?

Sloterdijk: Weil unter allen Sportarten der Fußball am längsten geschont und verklärt wurde. Die Olympischen Spiele sind wohl nicht mehr zu retten, weil sie zu tief durchleuchtet worden sind. Der Fußball hat seit Langem von einer gewissen Schonung profitiert, bis auf den heutigen Tag. Was die Durchleuchtung anging, war der Radsport das erste Opfer – was ich bitter finde, weil ich ihn am meisten bewunderte. Dann kamen die übrigen olympischen Disziplinen an die Reihe, zuletzt hat man herausgefunden, dass sogar die Pferde gedopt sind. Nach Ross und Reiter sind die Mannschaftssportarten dran. Das ist das Ungewöhnliche. Die übliche Dopingkontrolle blieb auf einzelne Sportler ausgerichtet. Dass die Teams den Immunschutz verlieren, der durch die Idealisierung entstanden war, das ist neu.

ZEIT: Es werden noch Dopingskandale im Fußball publik werden?

Sloterdijk: Unausweichlich. Der Fußball hat tausend Leichen im Schrank. Die Götterdämmerung kommt. Hier gilt der Grundsatz aller Strategie-Logik: Die Täuschung geht weiter als der Verdacht.

ZEIT: Wie hat sich der Fußball in den vergangenen Jahren verändert?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Sloterdijk: Im Grunde war schon lange präsent, was man jetzt so deutlich sieht. Sobald der Nebel sich lichtet, werden die Konturen des Systems scharf. Die Kommerzialisierung hat einen großen Sprung nach vorn getan, das Starsystem ist prägnanter geworden, das Phänomen der männlichen Hysterie à la Beckham hat sich weiter entfaltet, die Prominenz-Maschinerie hat das Phänomen "Spielerfrau" lanciert, der Arena-Hooliganismus hat sich an die Regeln der Spektakel-Gesellschaft angepasst und so weiter. Kurzum, Korruption und Normalität sind eins geworden. Was mich frappiert, ist die Großzügigkeit seitens der Zuschauer, die nichts dabei finden, junge Männer in die Sphäre von zweistelligen Millionengehältern davonschweben zu lassen, und das ohne jedes Ressentiment. Dass man Sportlern Einkünfte gönnt, die denen von Oligarchen entsprechen – ist das nicht merkwürdig? Wären es Unternehmer, würde man sie Ausbeuter nennen. Spieler-Millionäre hingegen dürfen durchweg mit Bewunderung rechnen. Man will einfach denken, sie hätten es "verdient". Warum? Vielleicht, weil sie den intensivsten Traum von Menschen unserer Hemisphäre erfüllen: reich und berühmt werden, indem man tut, was man am besten kann. Überbelohnung ist der erste Schritt zur Korruption. Der Steuerbetrug gehört zu den fast unvermeidlichen Kollateralschäden der Überbelohnung.

ZEIT: Diese Beobachtungen betreffen die mediale Vermittlung – wie sehr hat sich das Spiel verändert?

Sloterdijk: Der Fußball ist über zwei Jahrzehnte hin zugleich athletischer und smarter geworden. Ich erinnere mich an den legendären Müller, den faulen Torschützen der Nation, der sich in die gegnerische Hälfte stellte und wartete, bis zufällig der Ball vorbeikam. Einen Mittelstürmer, der selber viel laufen muss, konnte man sich seinerzeit nicht vorstellen. Überhaupt, was ist mit dem Stürmerprinzip passiert? Heute gibt es bloß noch Arbeitsbienen im vorderen Mittelfeld, die den gegnerischen Torwart hin und wieder stechen. Dass der Fußball zum Schachspiel werden würde, zu einer Art Rasenmathematik, hätte man sich vor Zeiten nicht denken können. Damals neigte man dazu, den Fußball satirisch zu betrachten. In der Tonart Loriots: "Elf Männer in Unterwäsche rennen über den Platz, als hinge ihr Wohl und Wehe von der Position des Balls ab." So dürfte man heute nicht mehr reden.