Die Psychotherapeutin

Jeden Tag sitzt Avin Frauen gegenüber, die nicht mehr leben wollen. Die meisten sind Jesidinnen, waren monatelang Gefangene des IS, wurden vergewaltigt, haben zugesehen, wie Soldaten ihre Kinder quälten. Viele fühlen sich schuldig, hassen ihren Körper. Sie sind nun frei, aber die Angst ist geblieben. Viele haben versucht, sich zu erhängen.

Avin Shahab Aziz, 29, kurdische Psychotherapeutin, hört ihnen zu, manchmal stellt sie eine Frage, aber nichts, was sie sagt oder tut, kann den Schmerz der Frauen schnell lindern. Seit vier Jahren arbeitet sie bei der Jiyan-Stiftung (jiyan-foundation.org), die Traumatherapie in kurdischen Gebieten anbietet, aber nicht nur für Kurden. In einer ihrer zehn Kliniken, im irakischen Dschamdschamal, sind 40 Frauen mit ihren Kindern untergebracht, weit weg vom Alltag, in dem sie sich nicht mehr zurechtfinden. Die Frauen sind misstrauisch, auch gegenüber Avin. Die ist Muslimin, im Namen ihrer Religion haben die Männer vom IS die Frauen gequält. Die hassen den Islam, er ist für sie Schmerz, Angst und Scham.

Avin sagt, dass der Islam ihr beigebracht habe, Menschen zu helfen. Sie fragt die Frauen, woran sie selbst glauben, welche Feste sie feiern. Und allmählich, mit den Wochen, beginnen die Frauen zu erzählen. Avin hört stundenlang Geschichten über Gewalt. Nachts träumt sie davon. "Am Anfang habe ich alle Männer der Welt dafür gehasst, was sie den Frauen angetan haben", sagt sie. Sie muss mit Kolleginnen über ihre Angst sprechen, um weiterzumachen. Hoffnung aber geben ihr die verletzten Frauen. "Sie haben immense Kraft in sich. Wir helfen ihnen nur, das zu erkennen." Manchmal backen sie Brot zusammen, machen einen Ausflug oder Yoga. Und plötzlich sagt eine von ihnen, dass sie nachts wieder schlafen kann.

Sarah Schaschek

Der Pfarrer

Zwei Jahre Auszeit nahm sich Ulrich Kasparick, als er sich 2009 aus der Bundespolitik verabschiedete. Er konnte sich die Pause leisten, weil er Parlamentarischer Staatssekretär im Forschungs- und später im Verkehrsministerium gewesen war. 2011 zog er dann aus Berlin nach Hetzdorf im Uckerland – als Pfarrer ins brandenburgische Nirgendwo zwischen Berlin, Stettin und der Ostsee. Dorthin, von wo alle weggehen. Die evangelische Kirche wirbt in dieser Gegend mit dem Satz: "Wer die Stille sucht, ist bei uns richtig." Für Pfarrer gilt das aber nicht. Kasparicks Pfarrei mit ihren verschiedenen Ortsteilen erstreckt über 33 Kilometer – früher gab es dafür drei Pfarrstellen.

Er schafft es allein. Als Kasparick vor fünf Jahren ankam, hatte die Gemeinde knapp 600 Mitglieder. Ein Drittel davon hat er inzwischen beerdigt. Wie pflanzt man Hoffnung ins leere Land? 2012 rief der Pfarrer auf Facebook dazu auf, ihm Rosen zu schicken für einen Garten am Pfarrhaus (facebook.com/InternetgartenUckerland). Heute verfolgen 35.000 Freunde im Netz, wie der Garten wächst, 6.000 Menschen kamen schon zu Besuch. Kasparick lädt zu Konzerten und Lesungen ein, immer wieder wollen Paare in Hetzdorf getraut werden oder ihre Kinder taufen lassen. Alle spenden. Die Dörfler pflegen die Rosen, im Internet wächst die Gemeinde: Via Skype führt Kasparick Trau- und Trauergespräche, manchmal leitet er auch den Konfirmandenunterricht. Das spart Fahrzeit. Die Alten hat er dazu gebracht, sich per Handy in WhatsApp-Gruppen zu treffen.

Wolfgang Thielmann

Die Nonne

Am liebsten würde sie gar nichts sagen. Schwester Maria steht ungern im Mittelpunkt, sie ist ja vor 35 Jahren nicht nach Frankreich ins Kloster gegangen, in den Carmel de la Paix, um eines Tages in der Zeitung zu stehen. 28 Karmeliterinnen leben auf einem Hügel im Burgund und beten für die, die zu ihnen kommen. "Ein Gebet ist keine Magie und Gott kein Magier", sagt Schwester Maria. "Wo ist Gott? Wir sind an der Seite der Verlierer und suchen ihn." Die Ordensgemeinschaft geht zurück auf das Jahr 1610 und war eine der ersten Gründungen in der Nachfolge der Mystikerin Teresa von Ávila. "Unsere Gäste teilen mit uns die Stille. Wir sind keine Verkünderinnen der Wahrheit, sondern erneuern das Wort Gottes in Liturgie, Gesang, Leben."

Schwester Maria spricht leise und sanft. Sie erwähnt nicht, dass sie Musiktherapeutin ist und komponiert. Ein alter Freund, selbst Ordensmann, hat sie überredet, mit der ZEIT zu telefonieren. "Hoffnung kommt nicht aus uns selbst. Wir können sie nur empfangen. Hier und heute." Es gebe kein Rezept. Wenn Leute mit Schicksalsschlägen kämen, zum Beispiel eine Frau, die gleich drei Kinder verloren habe, gebe es keinen Trost, genau wie bei der Muttergottes nach dem Kreuzestod Jesu. "Ich kann nur mitleiden, mit betroffen sein und auf Gott hören." Was ihr persönlich helfe? "Je älter ich werde, desto mehr bewundere ich die Natur, die uns immer wieder einen Neubeginn schenkt." Sie ist jetzt 62 und sagt, man dürfe nie bitter werden. Dann entschuldigt sie sich, sie müsse Schluss machen. Vor Weihnachten ziehen sich die Nonnen ein paar Tage ins Schweigen zurück.

Evelyn Finger