Hätte man Stefan Arzberger vor dem 27. März 2015 gefragt, was er an seinem Leben ändern würde, wenn er könnte, er hätte wohl bloß mit den Schultern gezuckt. Arzberger, 1,93 Meter hoch, tiefe Stimme, große Hände, große Füße, ist ein bodenständiger, bedächtiger Mensch, alles Überkandidelte liegt ihm fern. Was hätte er ändern sollen? Damals war er Anfang 40, glücklich verheiratet und Erster Geiger im renommierten Leipziger Streichquartett. Gab über 100 Konzerte pro Jahr, gastierte auf allen Kontinenten, nahm CDs auf, gewann 2012 mit dem Quartett einen Echo Klassik und saß im Sommer im Orchestergraben des Bayreuther Festspielhauses oder spielte im luxuriösen Lucerne Festival Orchestra. Ein typisches rastloses Musikerleben. Der "Arzi", so wird verschiedentlich behauptet, sei kein Kind von Traurigkeit gewesen. Jeder hat seine Art, mit den Schizophrenien des Berufs umzugehen, dem Rampenlicht und der Dunkelheit drum herum. Und nicht jeder schafft das.

Heute, knapp zwei Jahre später, hat sich in Stefan Arzbergers Leben alles verändert. Aus dem Quartett ist er im November 2015 als Musiker und Gesellschafter ausgetreten; mit seiner Frau lebt er in Scheidung; er ist von Leipzig nach München gezogen und spielt seit Juli 2016 im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, einem der besten deutschen Orchester neben den Berliner Philharmonikern, mal am ersten, mal am zweiten Pult der ersten Geigengruppe. Eine harte Landung sieht auf den ersten Blick anders aus, gewiss, aber das Engagement beim BR ist befristet, und Arzberger muss sich auf Vakanzen im Orchester bewerben wie jeder andere, Jüngere auch, mit Probespielen nämlich. Für einen 44-Jährigen keine leichte Übung. Für einen derart profilierten Musiker: eine Demütigung.

Durch das, was ihm in der Nacht vom 27. März widerfuhr, hat Arzberger fast alles verloren. Seine Heimat – die musische, die menschliche –, die Gesundheit seiner Seele, zeitweise seinen Pass und seine Identität, sein geigerisches Selbstbewusstsein, vielleicht seinen Ruf, in jedem Fall aber den Glauben an einen deutschen Staat, der seine Bürger auch im Ausland schützt, und überhaupt jenes Urvertrauen, das man erst spürt, wenn es einem abhandenkommt. Geblieben sind dem gebürtigen Sachsen seine Geige (eine Leihgabe aus Hamburg), seine neue Freundin, die ausgerechnet in New York lebt und arbeitet – und erhebliche Schulden in schwer zu beziffernder sechsstelliger Höhe. Und die Zigaretten. Arzberger sieht aus, als rauche er viel, wobei kaum auffällt, wenn er’s dann tut. In seinen tellergroßen Händen verkrümelt sich alles Kleine. Weshalb man ihm als Erscheinung auch eher den Kontrabass zutraut als die filigrane Violine.

Wie soll sein Leben je wieder ins Lot kommen? Arzbergers Geschichte ist so oft durch die Medien gerauscht, dass es fast müßig erscheint, sie noch einmal zu rekapitulieren. Von der New York Times bis zur Sächsischen Zeitung gab es zahllose Berichte, Interviews und Porträts über ihn und mit ihm, mal mehr, mal weniger "säftelnd". Nichts ist offenbar so attraktiv wie die Verbindung von Hochkultur mit Sex and Crime, von klassischer Musik mit den sogenannten Abgründen menschlicher Existenz. Die Reportagereihe 37° im ZDF widmete dem "Leipziger Stargeiger" eine Sendung, die US-TV-Serie Law & Order griff seinen Fall auf, ihm gewogene Prominente organisierten Benefizkonzerte und riefen eine Unterstützer-Website ins Leben, die Welle der Solidarität war gewaltig. Jetzt, wo alles vorbei ist "und doch nicht vorbei", wie Arzberger sagt, fehlt eigentlich nur noch die Kino-Verfilmung – oder (besser) das Musical.

Die Geschichte: Im Frühjahr 2015 befindet sich das Leipziger Streichquartett auf Tournee durch die USA. Der 27. März in New York ist spielfrei, Arzberger nutzt den Tag zum Schlafen und Üben, abends geht er essen und nimmt einen Drink, anschließend setzt er sich in die Bar des Hudson Hotel, wo das Quartett logiert, trinkt ein Bier und spaziert zum Times Square – um sich den Ort anzusehen, wo die legendäre Szene aus Birdman gedreht wurde, in der Michael Keaton halb nackt über den Broadway irrt. Und jetzt geschieht es: Arzbergers Erinnerung setzt aus, ziemlich genau sechs Stunden lang, von zwei Uhr nachts bis acht Uhr morgens. Die Videokameras des Hotels zeigen, wie er kurz vor vier Uhr mit einer Unbekannten die Lobby betritt, leicht schwankend, sie steigen in den Lift. Eine Dreiviertelstunde später verlässt die Frau das Hotel wieder, unterm Arm Arzbergers iPad und seine Kreditkarte in der Tasche, von der auch unverzüglich Gebrauch gemacht wird. Dank der Recherchen von Arzbergers Anwälten entpuppt sich die "Frau" später als ein – unter anderem wegen Prostitution – vorbestrafter Transvestit. Im Sommer 2015 wird er zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt.

Arzbergers Verhängnis aber nimmt seinen Lauf: Gegen Viertel vor acht hämmert im neunten Stock ein nackter Mann gegen mehrere Zimmertüren des Hudson Hotel. Ein Gast, die 64-jährige Pamela Robinson, öffnet, der Mann springt ihr an die Gurgel und würgt sie. Der Angreifer ist Stefan Arzberger, der kurz darauf von der Polizei überwältigt und verhaftet wird. Nach 30 Stunden im Untersuchungsgefängnis kommt er gegen Kaution wieder auf freien Fuß, sein Pass aber wird einbehalten. Obwohl die Polizisten sofort vermuten, dass der Geiger unter Drogen steht, wird weder eine Blut- noch eine Urinprobe genommen. Nach zwölf Stunden allerdings sind die meisten der als "K.-o.-Tropfen" bekannten Substanzen (Benzodiazepine, Liquid Ecstasy, Ketamin) im Körper nicht mehr nachweisbar. Was Arzberger also derart außer sich geraten ließ, bleibt ungeklärt. Zunächst lautet der Vorwurf gegen den Deutschen: Körperverletzung und Hausfriedensbruch. Nach Beratung der Grand Jury erhöht sich die Anklage auf versuchten Mord. Dafür wandert man im Bundesstaat New York für 25 Jahre hinter Gitter, wenn es böse kommt.