Alleinerziehend, allein gelassen – Seite 1

Zehn Monate vor der nächsten Bundestagswahl steht ein Punkt des Programms von CDU und CSU bereits fest: Eltern von kleinen Kindern sollen Geld vom Staat bekommen, wenn sie ein Haus bauen oder eine Immobilie kaufen. Die CDU hat das gerade auf ihrem Parteitag in Essen beschlossen.

Den Spitzenleuten der Union scheint das Projekt ein echtes Anliegen zu sein. Fraktionschef Volker Kauder wirbt dafür mit der gleichen Vehemenz, mit der er im vergangenen Wahlkampf für die Mütterrente eintrat. Die wurde seinerzeit nach der Wahl sofort umgesetzt. Ähnlich könnte es nun mit dem zusätzlichen Kindergeld für Immobilienkäufer laufen. Auch der Bundeskanzlerin scheint das Projekt wichtig zu sein. Als Angela Merkel kürzlich im Fernsehen gefragt wurde, was sie im Falle einer Wiederwahl erreichen wolle, fiel ihr der Zuschuss als Erstes ein.

Das Baukindergeld gab es früher schon einmal. 2005 wurde es abgeschafft, die Begründung lautete damals, der Sozialstaat müsse seine knappen Mittel auf die wirklich Bedürftigen konzentrieren. Wer genug Geld für ein Haus habe, brauche keine Sozialleistungen, fand die Regierung. Oder zumindest brauchten andere sie dringender.

Inzwischen hat der Staat mehr Geld, und es fehlen Wohnungen, allerdings hat sich wenig daran geändert, wer am ehesten staatliche Hilfe braucht. Das zeigt der gerade erschienene Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung: Mehr als eine Million Kinder, deren Eltern getrennt sind, leben von Hartz IV. "Alleinerziehende Haushalte sind dem höchsten Risiko ausgesetzt, in Armut zu geraten und über längere Zeit arm zu bleiben", heißt es im Bericht.

Während in letzter Zeit viel über die Abstiegsängste abgehängter weißer Männer diskutiert wurde, erinnert der Regierungsbericht daran, wer in Deutschland tatsächlich von Armut bedroht ist: Migranten, Alleinerziehende und ihre Kinder. Gleichzeitig macht er deutlich, wie gut der deutsche Sozialstaat für viele andere Gruppen funktioniert: Die Jugendarbeitslosigkeit sinkt, die Zahl der Langzeitarbeitslosen geht allmählich zurück. Andere Regierungsstatistiken zeigen, dass die Lebenserwartung steigt und auch die Armut alter Menschen auf absehbare Zeit nicht das gleiche Ausmaß hat wie die Armut von Kindern.

Den meisten Bevölkerungsgruppen geht es also besser als vor zehn Jahren. Nur die Alleinerziehenden und ihre Familien fallen zurück. Im vergangenen Jahr lebten 42 Prozent von ihnen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens. Das waren 6,6 Prozentpunkte mehr als noch 2005, trotz guter Konjunktur und obwohl mehr als 60 Prozent aller Alleinerziehenden berufstätig sind. Das Armutsrisiko von Paarfamilien sank im gleichen Zeitraum um 11,7 Prozentpunkte. Bei der Bekämpfung von Kinderarmut erreicht der Sozialstaat nicht viel. Und die große Koalition hatte andere Prioritäten: Sie erhöhte die Rente, half Mietern und Pflegebedürftigen. Allenfalls der Mindestlohn half möglicherweise auch den von Armut bedrohten Familien.

Dabei wollte die Regierung den Alleinerziehenden zumindest ein wenig helfen, in Fällen, in denen der Ex-Partner keinen oder zu wenig Unterhalt für die gemeinsamen Kinder zahlt. Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung bekommt die Hälfte der Alleinerziehenden keinen Unterhalt für die Kinder, und nur 25 Prozent erhalten tatsächlich den Betrag, der gesetzlich vorgeschrieben ist. Bisher hilft der Staat in solchen Fällen höchstens sechs Jahre lang.

Diese Grenzen sollten eigentlich zum Jahresanfang wegfallen, das zusätzliche Geld hätte etwa 260.000 Kinder erreicht. Doch Bund und Länder konnten sich bisher nicht darüber einigen, wer die Kosten trägt. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) regte vergangene Woche schon an, die Reform auf die Zeit nach der Wahl zu verschieben. Ob sie überhaupt kommt, wäre dann ungewiss.

Alleinerziehenden fehlt es an Unterstützung und Kraft, ihre Interessen durchzusetzen

An dieser Entwicklung sind viele schuld: Politiker, Gewerkschafter, Wissenschaftler, Journalisten. Alleinerziehende sind keine große Wählergruppe, sie sind nicht organisiert. Gewerkschaften fühlen sich nicht zuständig, Kirchenvertreter wollen die Institution Ehe nicht schwächen. Und nicht nur Konservative denken, dass der Staat nicht mit Sozialleistungen unterstützen sollte, dass Menschen sich trennen.

Selbst diejenigen, die eigentlich Anwälte der von Armut Bedrohten sein müssten, sind eher leise. Marcel Fratzscher beispielsweise, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), einer der einflussreichsten deutschen Ökonomen. Sein großes Thema ist die wachsende Ungleichheit im Land. Er hat darüber ein Buch geschrieben, aber Alleinerziehende kommen dabei nur am Rande vor.

Familien sollen ohne Sozialamt zurechtkommen

Beispielhaft ist auch Deutschlands bekanntester Lobbyist der Armen, Ulrich Schneider, Geschäftsführer beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Er gab vor einigen Tagen ein Radiointerview zum Unterhaltsstreit. Er unterstützte zwar Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) bei ihrem Plan, Alleinerziehende besserzustellen, sagte aber gleichzeitig, der Plan sei "nicht das Riesending". Schließlich bekämen 87 Prozent der Alleinerziehenden Hartz IV, der Sozialstaat finanziere also den Unterhalt ihrer Kinder ohnehin.

Dabei ist das Ziel der Reform gerade, dass möglichst viele Familien ohne das Sozialamt zurechtkommen. Hartz IV bedeutet Restriktionen: Wohngeld gibt es nur, wenn die Quadratmeterzahl nicht zu hoch ist, Hilfeempfänger müssen Ersparnisse aufbrauchen und Arbeitsstellen annehmen, die ihnen das Jobcenter vermittelt, sofern sie ihre Kinder nicht rund um die Uhr betreuen.

Einige Sozialpolitiker haben sich für die Lage von Alleinerziehenden und ihren Kindern auch deshalb lange nicht interessiert, weil es schien, als werde das Problem bald zwangsläufig kleiner werden. Es gibt schließlich mehr offene Stellen, mehr Arbeitgeber mit Familiensinn und vor allem mehr und bessere Betreuungsangebote als früher.

Warum also verbessert sich die Lage dieser Eltern und ihrer Kinder nicht?

Eine Ursache ist die steigende Berufstätigkeit von Frauen. Familien mit zwei Einkommen sind heute die Norm. Das klassische Lebensmodell – Papa arbeitet Vollzeit, Mama bleibt zu Hause – muss man sich leisten können. Bei vielen Eltern reicht das Geld dafür nicht. So fallen Familien mit nur einem Einkommen zurück.

Einzelkinder mit einem alleinerziehenden Elternteil sind laut Armuts- und Reichtumsbericht doppelt so häufig arm wie Kinder, die mit beiden Eltern aufwachsen. Wenn Alleinerziehende mehr als ein Kind haben, steigt das Armutsrisiko noch einmal um 50 Prozent.

Die zweite Ursache ist, dass die Probleme von Alleinerziehenden mittlerweile oft übersehen werden. Sie werden nicht mehr ausgegrenzt wie alleinlebende Mütter aus der Generation vor ihnen. Aber sie bekommen auch weniger Hilfe von Lehrern, Nachbarn oder Verwandten als früher. Denn vor allem in größeren Städten ist es normal, dass Kinder nur mit einem Elternteil leben.

Ökonomische Not wird unterschätzt

Und während andere, die sich als Verlierer fühlen, pöbeln oder randalieren, hört man von den Alleinerziehenden: nichts. Vor Erschöpfung schlafen die vermutlich eher auf dem Sofa ein, als auf die Straße zu gehen. Dabei sind 70 Prozent der Niedriglöhner in Deutschland weiblich, Altersarmut trifft mehr Frauen als Männer. Fast 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Mütter. Es wäre an der Zeit für angry white mothers, sich zu organisieren.

Alleinerziehende Väter kümmern sich meistens um ältere, selbstständigere Kinder. Sie haben es schwerer als Frauen, wenn sie vor Gerichten darum kämpfen, ob und wie häufig sie Trennungskinder sehen können. Viele Richter und Sozialamtsmitarbeiter neigen dazu, Müttern mehr Verantwortung für Kinder zuzugestehen.

Nicht nur Geld würde Alleinerziehenden helfen, sondern auch Offenheit und Neugier

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum die ökonomische Not von Alleinerziehenden gelegentlich unterschätzt wird. Aus vielen Studien geht hervor, dass Trennungskinder häufiger Probleme in der Schule haben. Oft gilt das eher als therapeutisches denn als ökonomisches Problem. Dabei würde manchmal Geld für Schulbücher, Museumsbesuche oder einen Sprachurlaub mindestens so helfen wie ein einfühlsames Gespräch. Und wenn ein Teenager nach der Scheidung seiner Eltern auf eine neue Schule wechseln muss, kann ein guter Nachhilfelehrer manchmal mehr helfen als ein Psychologe. Wer Trennungskindern voreilig unterstellt, dass sie schwierig sind, macht denen das Leben zusätzlich schwer, die ohnehin schon benachteiligt sind.

Andere Vorstellungen über Alleinerziehende und ihre Kinder sind schlicht überholt, zum Beispiel Studien, wonach Trennungskinder als Erwachsene tendenziell in weniger stabilen Beziehungen leben. Angeblich trennen sie sich schneller als Menschen, die Kindheit und Jugend mit Eltern in einer festen Partnerschaft erlebten.

Doch solche Untersuchungen beziehen sich zwangsläufig auf Trennungskinder, die heute schon erwachsen sind. Sie haben das Ende ihrer ursprünglichen Familie oft noch in einer Zeit erlebt, in der Alleinerziehende weniger gesellschaftlich akzeptiert waren – und die biografischen Folgen daher auch einschneidender. Es spricht einiges dafür, dass die Kinder der Alleinerziehenden von heute selbstbewusster und entspannter aufwachsen und weniger vorbelastet in ihre Liebesbeziehungen starten.

Sogar den Begriff alleinerziehend halten viele Sozialforscher für überholt. Schließlich lebt ja nur ein Teil der betroffenen Mütter und Väter wirklich allein. Es gibt viele Scheidungsfamilien, in denen beide Elternteile erziehen und Verantwortung teilen, auch wenn sie nicht in derselben Wohnung leben.

Der Begriff alleinerziehend verschleiert oft auch, wo das eigentliche Problem liegt. So sprechen amerikanische Wissenschaftler oft gar nicht mehr von single mothers, sondern eher von fragile families, zerbrechlichen Familien. Als typische Alleinerziehende gilt nicht mehr die einsame Witwe, in deren Alltag eine männliche Bezugsperson für die Kinder fehlt. Stattdessen gibt es oft eher zu viele unterschiedliche Menschen, die sich kümmern: alte und neue Partner der Eltern, Freunde, Verwandte, Babysitter. Alleinerziehende haben heute nicht weniger Sorgen, sondern andere: Sie werden seltener ausgegrenzt, aber das macht es auch leichter, ihre finanzielle Not zu übersehen.

Wer mit Alleinerziehenden spricht, hört manchmal, dass sie sich von den vielen Helfern unverstanden fühlen. Zum Beispiel wenn mal wieder jemand aus dem Freundeskreis seufzend behaupte, er sei "am Wochenende auch alleinerziehend". Der Satz gehöre auf den Index, schreibt die Bloggerin Christine Finke, eine Mutter von drei Kindern. Alleinerziehend zu sein bedeute meistens einen finanziellen Druck, eine Verantwortung und ein permanentes schlechtes Gewissen, das andere Eltern nicht kennen. Das verstehe kaum jemand, der es nicht erlebt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio