Noch als Student, 1923 aus Bremen ans Bauhaus gekommen, entwarf Wilhelm Wagenfeld eine Tischlampe, die Geschichte schreiben sollte. Allerdings dauerte das sehr viel länger, als man vielleicht vermuten würde. Die Lampe wurde von Wagenfeld und seinem Kommilitonen, dem Schweizer Carl Jacob Jucker, in Details immer wieder verändert, bei mehreren Ausstellungen und Messen gezeigt, nach dem Umzug des Bauhauses nach Dessau auch in bescheidener Anzahl hergestellt, doch war sie viel zu teuer, um ein Markterfolg werden zu können.

1930 war Schluss mit der Lampe, ein halbes Jahrhundert lang. Erst seit 1980 ist sie wieder auf dem Markt – und hat mittlerweile einen beispiellosen Siegeszug hinter sich. Sie ist zu einem der stärksten Symbole, für manche sogar zur absoluten Ikone des Bauhauses geworden und ist als Wagenfeld-Leuchte weltberühmt: fraglos einer der größten Designklassiker des 20. Jahrhunderts, als Motiv einer Briefmarke ebenso wie von zahlreichen Künstlern gewürdigt, die eigens Arbeiten mit oder zu ihr geschaffen haben.

In Wagenfelds über 600 Nummern umfassendem Werkverzeichnis ist die Leuchte die Nummer 1, und trotz seiner vielen höchst erfolgreichen und stilbildenden Entwürfe von Lampen, Teekannen oder Geschirr hat nichts seinen Ruf im Nachhinein so stark geprägt wie diese frühe Studentenarbeit. Gegen Ende seiner langen Karriere war es Wagenfeld selbst, der das alles überstrahlende Revival der Lampe erst möglich machte. So kooperierte er ab den späten siebziger Jahren mit Walter Schnepel, dem Gründer der Bremer Manufaktur Tecnolumen, in der vier Varianten der Bauhaus-Leuchte bis heute weltweit exklusiv hergestellt werden. Wagenfeld unterzog das Design der ursprünglichen Lampe nochmals kleineren Veränderungen, um sie leichter produzieren zu können und auch, um sie funktionaler zu machen.

Doch sind nicht diese Veränderungen der entscheidende Grund für den späten Erfolg der Lampe. Vielmehr brauchte es offenbar den historischen Abstand: die Verwandlung des Bauhauses in einen Mythos und die Möglichkeit eines sentimentalen und bewundernden Blicks zurück auf jene kurze Zeit, in der die Gestaltung von Alltagsobjekten unter dem direkten Einfluss avantgardistischer Kunst stand.

Die Form erinnert noch an Petroleumlampen aus dem 19. Jahrhundert

Erst lange nach seiner Auflösung kam dem Bauhaus zu, was sich heute jede Marke wünscht: ein starker Markenkern mit besten Image-Werten, verknüpft mit großen Namen, einer aufregenden Geschichte und Idealen wie Klarheit, Sachlichkeit, Internationalität. Von diesem Image profitiert die Wagenfeld-Lampe. Sie ist der materialisierte Ausdruck des Kultortes "Bauhaus", an dem so viel Kreativität versammelt war, dass selbst Studenten im ersten Semester schon Designgeschichte schreiben konnten.

Andere typische und bekannte Bauhaus-Objekte wie der Sessel Wassily von Marcel Breuer oder Mies van der Rohes Freischwinger hatten sich in ihren Gestaltungsprinzipien bald so stark durchgesetzt, dass es heute neben den Originalen längst unzählige Adaptionen und Weiterentwicklungen gibt und die Originalentwürfe also nie mehr ausschließlich mit dem Bauhaus assoziiert werden. Für Wagenfelds Leuchte hingegen war gerade der anfängliche Misserfolg ein Glück. So blieb sie ziemlich singulär und ist heute unverwechselbar, also umso geeigneter als Dingdenkmal, das wie kein anderes das seinerseits einzigartige Bauhaus zu verkörpern vermag.

Dass die Leuchte, bei etwas genauerer Betrachtung, nicht einmal wirklich den Gestaltungsidealen des Bauhauses entspricht, hat ihr dabei nicht geschadet. Innerhalb der Ausstellung Das Bauhaus. Alles ist Design, die in diesem Jahr zuerst im Vitra-Museum in Weil am Rhein, dann in der Bonner Bundeskunsthalle stattfand, haben Philipp Oswalt, ehemaliger Direktor der Stiftung Bauhaus in Dessau, und die Designerin Julia Meer einen Entzauberungsversuch unternommen und herausgearbeitet, dass die Wagenfeld-Leuchte zu ihrer Entstehungszeit weder besonders funktional noch sonderlich modern war. So ist sie als Tischlampe kaum geeignet, da sie nicht etwa gezielt eine Tischplatte beleuchtet, sondern eher als skulpturaler Leuchtkörper fungiert, der im Raum einen Akzent setzt. Mit ihr werden zudem nicht einmal ansatzweise die Möglichkeiten elektrischer Beleuchtung genutzt; vielmehr erinnert sie in Form und Ausrichtung noch an Petroleumlampen des 19. Jahrhunderts, deren Flamme und Abgase ein starres Aufrechtstehen notwendig machten.