Stille, deutsche Nacht

"Ja, Virginia, den Weihnachtsmann gibt es wirklich." So begann 1897 in der New York Sun ein offener Brief an ein verzweifeltes achtjähriges Mädchen.

Nur eins wurde in dem herzerwärmenden Text nicht erwähnt: Der Weihnachtsmann ist ein Deutscher. Nicht der heilige Nikolaus, Bischof von Myra, sondern sein heutiger Nachfolger: lächelnd, übergewichtig und mit glühender Whiskeynase. Viele denken, der Mann aus dem hohen Norden mit der Geschenkflatrate sei eine Erfindung von Coca-Cola. Stimmt nicht!

Mitten im US-Bürgerkrieg hatte ein Karikaturist von Harper’s Weekly die erste dieser Zeichnungen von "Santa Claus" veröffentlicht, um seine Leser aufzuheitern. Die herrlichen Bilder von 1863, deren sich Coca-Cola später bediente, stammen von Thomas Nast – einem deutschen Auswanderer aus Landau.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie ihr Deutschen unser Weihnachtsbild in Irland und anderswo bis heute prägt.

Der Ursprung des Weihnachtsbaums führt ebenfalls zu den Germanen. Sie fingen sehr früh damit an, ihre Häuser mit Tannenästen zu schmücken. Einmal hat es vielleicht einer von ihnen etwas übertrieben, und statt Ästen stand plötzlich ein Baum da ...

Viele Quellen behaupten, der erste Weihnachtsbaum in den Vereinigten Staaten sei 1781 von Friederike Riedesel Freifrau zu Eisenbach aufgestellt worden, geboren 1746 in Brandenburg. Der geschmückte Baum sollte ihren Ehemann, General Friedrich Adolf Riedesel Freiherr zu Eisenbach, aufheitern, nachdem er aus dem Unabhängigkeitskrieg zurückgekehrt war. Wir wissen nicht, ob der Baum die erhoffte Wirkung hatte – schließlich kämpfte ihr Mann auf der unterlegenen Seite –, aber was wir wissen, ist, dass mit der Geste ein Stück Deutschland in Amerika verwurzelt wurde.

Erst 60 Jahre später setzte sich der Weihnachtsbaum in England durch, nachdem Königin Viktoria 1840 ihrem Ehemann, Albert Prinz von Hannover, eine Tanne schenkte. Danach gehörte so ein Baum in die gute Stube jedes treuen Untertanen.

Da ihr gute Verkäufer seid, habt ihr Deutschen uns aber nicht nur den Weihnachtsbaum angedreht, sondern uns gleich noch die passenden Accessoires dazu verkauft.

Die ersten Weihnachtsbaumkugeln kamen wahrscheinlich um 1830 aus dem Erzgebirge. Richtig schön wurden die Kugeln aber erst dank Justus Freiherr von Liebig. Dem Darmstädter gelang es 1870 zum ersten Mal, Glaskörper mit einer Silberlösung zu beschichten. Er brachte damit die Weihnachtskugeln zum Glitzern. Vier Jahre nach Liebig präsentierte der Leipziger Erfinder Anton Clemens Theodor Keitel wackelfreie Kerzenhalter, damit das schöne Licht kein böses Ende nehmen möge. Sie wurden zu einem weltweiten Kassenschlager.

Der Baum ist aufgetakelt

Als Nächstes schwatzten uns die Nürnberger 1878 das Lametta auf. Nun war der Baum richtig aufgetakelt.

Vielleicht nicht in Deutschland erfunden, aber hier für Weihnachtszwecke perfektioniert: leckere Elisenlebkuchen, würziger Spekulatius und natürlich, aus Lübeck, die Königsklasse unter den Marzipanen.

Der Adventskranz? Auch deutsch. Und der Grund, warum wir Weihnachten am 24. Dezember und nicht mehr an unterschiedlichen Tagen, unter anderem am Tag des heiligen Nikolaus, also am 6. Dezember, feiern? An dieser Terminkonsolidierung hatten Martin Luther und seine Heiligenallergie wesentlichen Anteil.

Deutschlands beste Weihnachtsbotschafter der Gegenwart sind übrigens Aldi und Lidl. Die Discounter verkaufen mittlerweile Dominosteine, Glühwein und Festtagsgans an Millionen in ganz Europa.

Nur eins hat sich bis heute nicht überall durchgesetzt: der deutsche Weihnachtsstollen. Wir Iren bevorzugen unseren feuchten, whiskeydurchsetzten Christmas Cake. Wenn wir einen trockenen Stollen geschenkt bekommen, hegen wir oft den Verdacht, dass da jemand ein ungewolltes Geschenk vom vergangenen Jahr loswerden möchte. Manch deutsche Stollen, die in Irland verramscht werden, sind so rosinenarm, dass eine deutsche Freundin von mir sie "Schreistollen" nennt. Nur schreiend, meint sie, könnten sich die wenigen weit verstreut liegenden Rosinen untereinander verständigen.

Als Urheber vieler Weihnachtstraditionen solltet ihr Deutschen vielleicht etwas gegen mangelnde Weihnachtsqualität unternehmen. So wie die Münchner, die das Oktoberfest als eingetragene Marke schützen lassen wollen, um weltweit für Mindeststandards zu sorgen.

Ein Weihnachts-TÜV aus Deutschland wäre sicherlich etwas komplizierter – und kontroverser in der Umsetzung. Aber wäre es so schlimm, Weihnachten wieder für sich zu reklamieren? Denn von einem bin ich überzeugt: Das zimtige, naturtannige und hochwertige Weihnachten kommt aus Deutschland – an Plastikweihnachtsbäumen und grellen Lichtern ist Amerika schuld! Wir Iren sind außerordentlich stolz darauf, Halloween erfunden zu haben. Jedes Jahr verteidigen wir unser altes, heidnisches Fest gegen Globalisierung und Banalisierung. Halloween würden wir aber sofort den Amis überlassen, wenn wir das moderne Weihnachten als unsere Erfindung beanspruchen könnten.

Wir dürfen das nicht – ihr Deutschen schon. Daher meine Frage: Wieso seid ihr so vergesslich, was euer Weihnachten angeht? Wenn ich Deutschlands langes Weihnachtserbe aufliste, sind meine deutschen Freunde oft genauso überrascht wie meine irischen Leser. Das sollte sich ändern. Nach einem anstrengenden Jahr mein Weihnachtswunsch: Please make Weihnachten deutsch again!