Drei Wörter – drei Erzählungen – Seite 1

Misakos Weihnachtsbaum

von Doris Dörrie

Ihr deutscher Geliebter sei sehr, sehr haarig gewesen, erzählt Misako. Als sie ihn das erste Mal nackt gesehen habe, konnte sie kaum glauben, dass man so viele Haare am Körper haben kann. Seine Brust sei wie ein schwarzer Mohairpullover gewesen, in den sie immer ihren Kopf gelegt habe, auf seinem Rücken sei ein dunkles Fell gewachsen, seine Arme und Beine seien jedoch eher stachlig gewesen, und dort habe es dann ja auch angefangen.

Was?, frage ich, was fing dort an?, aber Misakos Mund schließt sich zu einer geraden, sehr roten Linie. Sie schafft es, den ganzen Tag über ihren Lippenstift weder abzunagen noch zu verschmieren. Wie macht sie das bloß? Sie senkt den Blick in ihre Kaffeetasse und sagt kein Wort mehr.

Am 24. Dezember fuhr ich mit dem kleinen Zug hinaus aus Kyoto nach Kurama hoch oben auf dem Berg, zuerst durch die Vororte und dann durch die Wälder. Ich hielt meine Beine aneinandergepresst, die Handtasche auf den Knien, ganz so, wie es die Warnhinweise mir befahlen, um nicht unnötig viel Platz einzunehmen. Brav aß und trank und telefonierte ich auch nicht, aber kein Japaner setzte sich neben mich, weil ich groß und blond bin, eine gaijin, eine von draußen, die alles richtig machen wollte, um drinnen zu sein in diesem Japan. Mein Fahrrad hatte ich ordentlich im Fahrradparkhaus geparkt und den hinteren Reifen dieses Mal genau auf Linie gestellt, nachdem ein Parkwächter mich nicht etwa zurechtgewiesen, sondern vor meinen Augen mein Fahrrad millimetergenau gerade gerückt hatte. Man duldete mich und war höflich zu mir, was sich manchmal wie Respekt und manchmal wie Abweisung anfühlte, und als das Jahr auf Weihnachten zusteuerte und es immer dunkler und kälter wurde, fühlte ich mich einsam.

Überall liefen Weihnachtsmänner herum, und auf den Toiletten von Restaurants und Warenhäusern konnte man Jingle Bells statt Wasserfall oder tropischer Regen auswählen, während man sich vollautomatisch das Hinterteil spülen ließ. Auf einer dieser gewärmten Klobrillen, die ich aus energiepolitischen Gründen natürlich ablehnte und gleichzeitig liebte, beschloss ich, Weihnachten in einem Kurbad zu verbringen, einem onsen.

Oben auf dem Berg gab es ein Bad unter Kiefern und immer noch bunten Herbstbäumen. Dort war es schön, allein zu sein, dort wollte ich im heißen Wasser sitzen und nichts vermissen, weder Weihnachtsbaum und Weihnachtsgans noch Familie.

Da die Weihnachtstage in Japan keine Feiertage sind, war tatsächlich niemand außer mir im Bad. Das Außenbecken gluckste heiter vor sich hin, absichtlich beging ich allerlei Badesünden, die im onsen untersagt sind: Ich wusch mir mit dem winzigen weißen Handtuch, das ich am Eingang für ein paar Yen gekauft hatte, mehrmals das Gesicht, tauchte ganz unter Wasser und ließ mich schließlich auf dem Rücken treiben. Zufrieden schaute ich in den weißen Dampf, der in die Gipfel der schwarzen Kiefern zog, als eine Frauenstimme hinter mir auf Deutsch sagte: Entschuldigen Sie, aber darf ich Ihnen bitte zeigen, wie man hier badet?

Hinter mir stand eine Japanerin und zeigte mir ihr altersloses Alabasterkörperchen, dem Cellulitis völlig fremd war. Ich versuchte, es nicht persönlich zu nehmen, aber der Unterschied zu einer normalen westlichen Figur und Haut war offensichtlich.

Gomennasai, Entschuldigung, murmelte ich, ich weiß, wie es geht, aber das ließ sie nicht gelten. Sie verbeugte sich knapp, faltete ihr Handtuch zweimal, legte es sich auf den Kopf, und ich machte es ihr nach. Haben Sie denn vorher geduscht?, fragte sie streng. Ich kannte ihre Angst, dass gaijin das Wasserbecken für eine große Badewanne halten. Oh natürlich!, rief ich. Ich schwöre! Ich habe alles richtig gemacht.

Sie nickte. Ich bin eine von den Juten, sagte sie. Das stand auf meinem deutschen Tragebeutel in der Umkleidekabine. Sie kicherte, und ich kicherte ein bisschen mit, weil mir sonst nichts einfiel. Wir verstummten und lauschten dem Wind in den Bäumen und den Krähenrufen, die so klangen wie deutsche Krähen rückwärts. Der berühmte Mönch und Dichter Ikkyu wurde von einem Krähenschrei erleuchtet, und manchmal rief ich japanischen Krähen entgegen: Jetzt erleuchtet mich, verdammt noch mal!, aber sie lachten immer nur: kwakkwakkwak.

Die nackte Frau neben mir wollte sich ausschütten vor Lachen. Deutsche Frauen in Japan, prustete sie, immer auf der Suche nach satori, nach Erleuchtung. So komisch.

Ein wenig beleidigt plätscherte ich mit der Hand im Wasser umher, da bot sie mir ihren Namen an: Misako. Sie streckte einen makellosen weißen Arm über das Wasser hinweg und ergriff erstaunlich fest meine Hand.

Und Japanerinnen, was suchen die in Deutschland?, fragte ich.

Oh, sagte sie lässig, wilden Sex und Klaviermusik. Ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen oder sich zu verabschieden, stieg sie aus dem Becken. Wenigstens eine kleine Stelle welken Fleischs versuchte ich an ihren Oberschenkeln zu entdecken, aber Fehlanzeige. Ihretwegen war ich zu lange im Wasser geblieben und wankte nun aufgequollen und hummerrot hinter ihr her. Ich glühte wie ein Scheiterhaufen.

Wir trockneten uns mit waschlappengroßen Handtüchern ab, sie trat auf eine Waage, die im Vorraum stand. Das Ergebnis wollte ich gar nicht sehen, es hätte mich nur deprimiert.

Als wir uns angezogen wieder gegenübertraten, hatte sie sich in eine kleine Oma verwandelt. Sie trug jetzt eine Brille und hässliche graue Hosen, eine dunkelgrüne Strickjacke und einen lila Mantel und wirkte zwanzig Jahre älter als nackt. Ich hoffte, dass es bei mir genau andersherum war. Von oben blickte ich auf ihr tintenschwarzes Haar, das nur noch ältere Frauen hatten, die jüngeren färbten sich alle die Haare rotbraun. Misako hob den Kopf und sah mich an. Ich habe einen deutschen Mann geliebt, sagte sie und seufzte klaftertief. Ich habe ihn über alles geliebt – bis er sich in einen Baum verwandelte.

Wir fahren mit dem Zug zurück, und ich weiß, jetzt kommt gleich das Schönste. Die Sitze lassen sich zum Fenster drehen, wir sitzen vor den Scheiben wie im Kino, der Zugführer macht das Licht im Zug aus, und draußen flammt der bunte Wald auf, wir gleiten durch eine illuminierte Landschaft wie durch einen Traum. Alle, wirklich alle im Zug schnappen verzückt nach Luft, und dann ist es auch schon wieder vorbei, das Licht im Zug geht wieder an, wir drehen die Sitze zurück in unseren Alltag und atmen leise aus.

Er war mein Klavierprofessor in Köln, sagt sie und nippt an einem winzigen Kaffee für sieben Euro. Wir sitzen in einem uralten muffigen Kaffeehaus, das von einer tief gebeugten Greisin geführt wird. In großen Glaskolben braut sie den Kaffee wie in einem Labor. Es dauert ewig. Die meisten Kunden sind ebenfalls hochbetagt und schlürfen ihren Kaffee in religiöser Andacht, während sie vor sich hin rauchen, was nur noch hier erlaubt zu sein scheint. Auf einem Fernseher hoch oben in einer verstaubten Ecke klappt Trump stumm seine Schnute auf und zu wie ein Karpfen.

Ich habe ihn immer nur Herrn Baumgart genannt, sagt Misako, in seinem Namen kam schon der Baum vor, aber das habe ich lange nicht bemerkt. Ich habe es geliebt, ihm die schwarze, haarige Brust zu schlecken, ich habe mich dabei gefühlt wie eine Katze. Ihre Brillengläser beschlagen. Weint sie?

Und Herr Baumgart hat es auch gemocht, oh ja, fügt sie hinzu, er hat es sehr gemocht. Sie blickt auf, sieht verloren im Raum umher. Die alte Besitzerin kommt angeschlurft mit einem runden schneeweißen Sahnekuchen, verziert mit Erdbeeren.

Weißt du, wie diese Kuchen heißen?, fragt mich Misako. Christmas keku, von Christmas cake. Und weißt du, was es bedeutet, wenn man eine Frau als Christmas keku bezeichnet? Nach dem 25. Dezember sind die Kuchen nicht mehr frisch. So wie eine Frau, wenn sie älter ist als 25 und nicht verheiratet.

Aua, sage ich und lache. Misako lacht nicht. Vier lange Jahre habe ich Herrn Baumgarts Fell geschleckt. Und andere Dinge, sagt sie verträumt, während die alte Dame uns immer noch den Kuchen unter die Nase hält, bis Misako wortreich auf Japanisch ablehnt.

Herr Baumgart war strenger mit mir als mit den anderen Schülern, und nie, nie, nie bekam ich gute Noten. Sie lächelt. Hat mir nichts ausgemacht. Ich wusste, er tat das nur, um uns beide nicht zu verraten. Es war völlig klar, wenn ich fertig studiert habe, werden wir heiraten. Völlig klar. Ich hatte das meinen Eltern auch bereits mitgeteilt. Sie waren sehr froh, denn ich war ja schon über mein Verfallsdatum hinaus.

Sie trinkt den letzten Schluck und schaut tief in ihre leere Tasse.

Und?, frage ich. Und? Wie ist Herr Baumgart zum Baum geworden? Misako sieht mich nachdenklich an und steht auf. Zieht sich ihren hässlichen lila Mantel an. Vielleicht erzähle ich es dir, sagt sie. Vielleicht morgen.

Morgen?

Ja, sagt sie, ich muss in der passenden Stimmung sein. Hast du Wanderschuhe?

Nein, richtige Wanderschuhe habe ich nicht. Aber Turnschuhe.

Sie nickt. Das geht auch.

Wieder fahren wir hinauf nach Kurama. Misako spricht kaum. An ihren Füßen hängen klobige Wanderstiefel. Schnell und behände steigt sie den Berg hinauf, ich keuche hinter ihr her und verfluche sie bereits. Wir gehen unter leuchtend roten Shinto-Toren hindurch, an riesigen Zedern vorbei, um die in Augenhöhe ein Seil geschlungen ist, das die göttliche Welt von der profanen trennt. Ich bleibe stehen, mein Atem segelt wie ein Wattebäuschchen vor meinem Mund. Heute ist der 25. Dezember. Am 25. legte meine Mutter noch im Nachthemd um sechs Uhr früh die Weihnachtsgans ins Rohr, und wenn ich dann um neun oder zehn Uhr aus dem Bett kroch, roch es bereits nach Bratenfett und Füllsel. Es gab am 25. kein Frühstück, nur Kaffee, und wenn ich nichts von der Gans aß, weil ich auf Diät oder zur Vegetarierin geworden war, zog ich mir für ein ganzes Jahr den heiligen Zorn meiner Mutter zu. All das gibt es nicht mehr, weder die Weihnachtsgans noch meine Mutter, noch ihren Zorn, und dort oben auf einem Berg mitten in Japan fange ich an zu heulen, zu schluchzen, bis sich Misako umdreht und ruft: Ist was? Nein, rufe ich zurück, nein, nur mein Knie. Sie bleibt stehen, bis ich sie endlich eingeholt habe, und obwohl ich mir die Tränen abgewischt habe, sagt sie nüchtern: Du hast geweint. Ich weine auch immer an Weihnachten, aber jetzt noch nicht.

Resolut nimmt sie mich an der Hand wie ein Kind, und wir wandern weiter. Ich stolpere über dicke Baumwurzeln, die sich wie Adern über den Erdboden ziehen, immer weiter und weiter, Misako kümmert sich nicht um mein Keuchen, sie spricht sogar, während wir weiter aufsteigen: Nach meiner Abschlussprüfung, nichts. Kein Wort von Heirat. Ich fand das nicht so schlimm, aber meine Eltern schrieben Herrn Baumgart empörte Briefe, er mache mich zu einem christmas keku, da war ich längst 26, und dann 27, immer noch wühlte ich mein Gesicht in sein Brustfell, aber wir zogen nicht zusammen, das wollte er nicht. Ich wurde keine Pianistin, ich gab Kölner Kindern Klavierunterricht. Jede Weihnachten fuhr er heim zu seinen alten Eltern und nahm mich nicht mit, und jedes Mal brachte er eine Schachtel Vanillekipferl von seiner Mutter mit, die er nicht mochte, aber ich. Manchmal stritt ich mit ihm und schrie ihn an, dass ich so nicht weiterleben könne, aber er konnte ohne Versöhnung nicht Klavier spielen, also versöhnte ich mich mit ihm. Als ich 30 wurde, wurde ich langsam wütend, als ich 33 wurde, packte mich der Zorn.

Sie bleibt stehen. So, sagt sie befriedigt, hier sind wir. Wir stehen unter Kiefern, die sich tief vor dem Wind beugen und mit ihren langen schwarzen Nadeln im Gegenlicht aussehen wie eine Tuschezeichnung. So, genau so sahen die Haare an seinen Beinen aus, sagt Misako. Und eines Tages wurden sie hart, ganz unangenehm hart. Er beschwerte sich und fing an, sich zu kratzen, aber das half nicht. Sie stachen durch seine Hosenbeine und Ärmel, auch auf seinem Rücken wurden sie störrisch und richteten sich auf wie die Stacheln eines Igels. Und als dann auch sein Brustfell immer stacheliger wurde, ging er zum Arzt, der keinen Rat wusste. Sein Bart war nicht mehr zu bändigen und wucherte wild über sein Gesicht, ebenso seine Haare. Er versuchte, sich zu rasieren, und ich half ihm dabei, aber die Haare waren viel zu dick, und jeder Rasierapparat versagte. Irgendwann fiel es ihm schwer zu sprechen, er verstummte. Ich sah ihm ruhig dabei zu, wie er sich immer mehr in einen Baum verwandelte, einen Nadelbaum. Keine japanische Kiefer, dazu stand er viel zu gerade, eher in eine Tanne.

Eine Weihnachtstanne, sage ich.

Misako nickt. Herr Baumgart verwandelte sich in einen Weihnachtsbaum. Einen sehr schönen, hohen, geraden Weihnachtsbaum. Und als es dann wieder Weihnachten wurde, rief ich seine Eltern an, die noch nie von mir gehört hatten, und sagte ihnen, dass sie dieses Mal zu ihrem Sohn fahren müssten und nicht andersherum. Und dann schmückte ich ihn mit Glaskugeln und bunten Kugeln und Strohsternen und roten Kerzen. Er sah mich durch das Nadelgestrüpp dabei an, und ich hatte den Eindruck, dass er es mir gar nicht so übel nahm. Ganz oben an seinen Scheitel hängte ich einen kleinen Origamikranich als Abschiedsgruß. Und dann ging ich.

Misako atmet tief durch. Eigentlich weine ich an dieser Stelle immer ein bisschen, aber heute ist mir gar nicht danach.

Schneeflocken beginnen auf uns niederzuschweben. Wir heben ihnen unsere Gesichter entgegen und schließen die Augen.

Wir steigen den Berg hinab, fahren zurück in die Stadt, heute sind wir ganz allein im Abteil, aber wieder macht der Zugführer das Licht im Waggon aus und illuminiert nur für uns den Wald. Und wieder gehen wir in das alte, muffige Kaffeehaus, bestellen Kaffee und einen Weihnachtskuchen, weiß mit Erdbeeren, ganz für uns allein.

Drei Wörter – drei Erzählungen – Seite 2

Das Knie meines Opas

von Vea Kaiser

Früher betrieben meine Großeltern einen alten Gasthof am Fuß der Voralpen, eineinviertel Stunden südlich von Wien. Wenn wir zu ihnen fuhren, rieten mein Bruder und ich auf der Autobahn um die Wette, welche Farbe wohl das Auto habe, das uns als Nächstes überholte. Unser Vater war der Überzeugung, dass man zum Schutz der Berge nicht schneller als 90 fahren dürfe. Da 99 Prozent der Autofahrer diese Überzeugung nicht teilten, wurde unser Spiel nie langweilig.

"Sollen wir raten? Wie früher?", schlage ich meinem Bruder vor. Er stöhnt.

"Ich wär dir dankbar, wenn du aufs Gas steigst, damit wir endlich von dieser Straße runterkommen. Die Menschen in diesem Land können alle nicht Auto fahren."

Fast zehn Jahre lebt Lorenz nun in Berlin. Solange sein Telefon im Flugmodus war, freute ich mich riesig darauf, ihn zu sehen. Doch seit dem Aussteigen raunzt er, dass der Wiener Flughafen seit dem Umbau eine Katastrophe sei, die Wege viel zu lang, die Beschilderung unübersichtlich und das schwarz-weiß-graue Design zu nichts anderem nütze, als dass sich Anzugträger tarnen könnten. Es fällt mir schwer, nicht einzuwenden, dass der Wiener Flughafen im Gegensatz zum Berliner zumindest fertig wurde. Aber Berlin zu beleidigen würde ihn noch mehr reizen, und ich will nicht streiten. Nicht heute, nicht heuer.

Unsere kleine Familie hat es vergangenes Jahr vorbildlich geschafft, vom 23. bis zum 26. durchzuzanken. Meine Oma und meine Mutter lieferten sich Schreiduelle, ob Karpfen oder Gans die angemessenere Speise sei, Opa klagte, der von unserem Vater besorgte Christbaum sei der abgemagerte Krüppel-Klon einer Tanne, mein Bruder beteuerte in einem fort, Berlin nie wieder verlassen zu wollen, und ich jammerte, ich hätte Maximilians Einladung, ins Warme zu fliegen, folgen sollen.

Bevor wir am zweiten Weihnachtstag auseinandergingen, hatten wir sechs uns geschworen, dass 2016 alles anders würde, und das wurde es. Wenn auch nicht so, wie wir gedacht hatten. Oma verstarb im Frühjahr, und Opa lebt nun mit einer Pflegerin zusammen, weil er nach sieben misslungenen Operationen, die sein marodes Knie durch ein neues aus Titan hätten ersetzen sollen, seit dem Sommer gar kein Knie mehr hat. Ich wiederum habe keinen Maximilian mehr, der mit mir ins Warme fliegen will, dafür flüchteten unsere Eltern auf Kreuzfahrt, und warum Lorenz trotz seiner Aversion, Berlin zu verlassen, Berlin verlassen hat, weiß ich nicht.

Vermutlich weiß er genauso wenig wie ich, wo er sonst hinsoll. Wir sind Ende zwanzig, haben keine Beziehung, keine Freunde mit Herrenhäusern oder Jagdschlössern, wohin man über die Feiertage fliehen könnte.

Wir haben nur unseren Opa. Einen griesgrämigen, verhaltenskreativen Wirt im Ruhestand, der entweder den Weltrekord im Pflegerinnen-Verschleiß aufstellen oder schlichtweg nicht verstehen will, dass er Hilfe braucht. Die Natur stattete den Menschen nicht zufällig mit einem Kniegelenk aus.

"Zoia hat das ganze Haus festlich dekoriert", erzähle ich Lorenz, der schwermütig aus dem Fenster starrt.

"Ich hab mir eingebildet, die Pflegerin heißt wie eine Stripperin", murmelt mein Bruder in seinen rötlichen Bart, auf den jeder tschetsche- nische Dschihadist stolz wäre.

"Du meinst die vorletzte, Nadeschda. Er dachte, dass sie ihn bestiehlt, weil sie aus der Slowakei kommt. Zoia kommt aus Moldau, mit ihr kommt er ganz gut zurecht."

"Abwarten", antwortet Lorenz. Er kommt einmal jährlich, ich fahre alle zwei Wochen ins Dorf, was weiß er schon. Bei Zoia habe ich tatsächlich ein gutes Gefühl. Sie ist sanft, gütig und macht diesen undankbaren Job, um ihre Enkelkinder in Moldau zu versorgen. Außerdem ist ihr Deutsch bescheiden genug, dass sie kaum etwas von dem, was unser Großvater von sich gibt, versteht.

Als sich das im Stil der Jahrhundertwende erbaute frühere Wirtshaus stockdunkel über der Einfahrt erhebt, steige ich abrupt auf die Bremse. Lorenz, der sich bereits abgeschnallt hat, prallt gegen das Handschuhfach:

"Spinnst du?"

"Zoia hat meterweise Lichterketten montiert, aber alles ist dunkel, da muss was passiert sein!", rufe ich und springe aus dem Auto.

Lorenz eilt mir nach, die Stiegen hinauf zum Hintereingang, der in die Privaträume führt. Ich rüttle an der Tür, verschlossen, krame in meinen Taschen nach dem Schlüssel.

Wann immer Opa keine Hilfe hatte, kam es zu Zwischenfällen. Er fackelte die Oberschränke über dem Herd ab, als er sich einen Tee kochen wollte. Wegen des steifen Beins kann er nicht alleine aufstehen, falls er stürzt, doch sein Notrufarmband wurde deaktiviert, weil er es wiederholt genutzt hatte, wenn ihm Nutella und Ähnliches, was er als Diabetiker nicht essen darf, ausgegangen war.

Panisch laufe ich durch den Flur, Mäntel und Jacken liegen vor der Garderobe am Boden, die Deckenlampe pendelt an einem Kabel zwei Zentimeter über der Küchentischplatte, die Scherben ihres Schirms überall verstreut.

"Opa? Zoia?", rufe ich, und als ich im Salon Licht mache, finde ich ihn. Lorenz trampelt hinter mir über die Scherben und bleibt erschrocken stehen, als er unseren Großvater sieht, der zusammengesunken in seinem Massage-Sessel sitzt. Die Krücken hält er zwischen den Beinen, müde blickt er aus eingefallenen Augenhöhlen in den Raum.

"Lorenz, Bua!", sagt er mit einem Anflug von beängstigend manischer Freude. "Die wollte mich zugrunde richten! Aber ich hab sie rausgeschmissen!"

"Wer denn, Opa?"

"Die Rumänin!"

"Zoia kommt aus Moldau", werfe ich ein, doch er ignoriert mich.

"Ich hab’s genau gesehen, die Rumänin hat überall Lichterketten hingehängt, damit ich mir den Strom nicht mehr leisten kann. Aber ich hab sie vertrieben! Der Strom wird zu teuer, wenn der Grüne regiert!"

Zu seinen Füßen steht eine zerfledderte Kiste vom Baumarkt, randvoll gefüllt mit Dekoration. Eine echte Leistung für einen Mann ohne Kniegelenk, Lichterketten aus zweieinhalb Meter Höhe abzumontieren.

Lorenz zieht sich einen Stuhl heran.

"Niemand will dich zugrunde richten."

"Freilich", schreit er, "ich hab das genau beobachtet! Die Rumänin isst mich in den Ruin! Gestern hat sie ein ganzes Blech Kekse verdrückt, und vorgestern vier Knödl! Vier Knödl, Lorenz!"

Ich lasse Lorenz bei unserem Großvater und hole einen Besen, um die Scherben in der Küche aufzukehren.

Manchmal sehne ich mich nach der Zeit, als ich das Lieblings-Enkelkind war. Niemand in der Familie hatte es Lorenz verziehen, dass er, anstatt das Gasthaus weiterzuführen, nach Berlin gegangen war, um als freier Journalist zu arbeiten. Doch dann berichtete Lorenz über Opas verpfuschte Knie-Operation. Jeder weiß, dass sich Großvaters gesamter Lebenswillen daran klammert, eines Tages wieder wie früher laufen zu können. Lorenz’ Reportage setzte sich kritisch mit den Fortschritten der Medizin auseinander und damit, dass alte Menschen heute unendlich viele Möglichkeiten haben, sich dieses und jenes operieren zu lassen, Lorenz schrieb über die Profit- und Profilierungsgier mancher Ärzte, aber auch über eine Gesellschaft, die das Altern des Körpers nicht akzeptieren kann – mit unserem Opa als Protagonisten.

Ich empfand diese Zeilen als Verrat an unserer Familie und sprach daraufhin drei Monate nicht mehr mit Lorenz. Was ich jedoch nicht bedacht hatte, war, dass sein Text die fünfzigfache Länge eines Kronen-Zeitungs- Artikels hatte. Die Kronen Zeitung ist das einzige Medium, das Opa zur Kenntnis nimmt. Er hatte nur die fett gedruckte Zusammenfassung gelesen, sich das Foto von ihm auf Krücken, für das ein Fotograf extra aus Wien angereist war, ausgeschnitten und sich fortan in dem Gefühl gesuhlt, dass die Öffentlichkeit Anteil an seinem Schicksal nahm.

"Mein Enkel kann so großartige Artikel schreiben", erzählt unser Großvater seither, "der wird mit der Schreiberei noch sehr viel Geld verdienen. Der muss nicht mehr arbeiten!"

Nachdem ich die Scherben beseitigt, Erdäpfel und Rollmöpse möglichst klein geschnitten habe, damit Opa sie kauen kann, nimmt sich Lorenz ein Bier aus dem Kühlschrank.

"Die Pflegerin war wohl die Falsche."

Vor Wut zerbricht mir ein rohes Ei für die Marinade zwischen den Fingern.

"Lorenz, wann hast du je länger als fünf Minuten mit ihm gesprochen?"

Meine Stimme ist zu laut, ich versuche sie zu dämpfen.

"Am Tag nach der Wahl hat er dem Bofrost-Mann siebenundachtzig Kilo Fleisch abgekauft, weil er fürchtet, Österreich wird unter Van der Bellen vegetarisch. Vorgestern hat er mich gefragt, ob ich ihm aus dem Netz die Telefonnummer von Donald Trump besorgen kann, damit er ihn vor unserem grünen Präsidenten warnt."

"Man muss die Ängste der Menschen ernst nehmen", sagt Lorenz.

Ich drücke ihm die Flasche Öl in die Hand.

"Dann fang damit an, dass du Opa die Angst nimmst, zu verhungern."

Ich nehme meinen Mantel, knote mir den Schal um den Hals und verlasse das Haus.

Die Luft ist klar und kalt. Man sieht die Sterne so deutlich, dass der Himmel unaufgeräumt erscheint. In der Ferne glänzen einzelne schneeverhüllte Gipfel und Hänge im Mondlicht. Früher war es eine Katastrophe, wenn nicht genug Schnee lag, dass der Nikolaus im Schlitten fahren konnte. Mittlerweile sind die Menschen froh, wenn es genug schneit, dass die Wiesen auch abseits der von Schneekanonen geschaffenen Pisten angezuckert sind.

Als wir Kinder waren, stand nie zur Diskussion, wie man die Feiertage verbrachte, weil wir im Gasthaus helfen mussten. Unsere Großeltern öffneten sogar an Heiligabend, damit all die einsamen Seelen des Tals Zuflucht fanden und unsere Taschen vor Trinkgeld übergingen. Wir funktionierten so wunderbar, wenn wir von anderen Menschen umgeben waren. Als Familie beieinander zu sein endet bei uns hingegen immer im Drama.

Ich spaziere fast eineinhalb Stunden durch das Dorf, durch den tief am Boden stehenden Schornsteinrauch, bis ich meine Finger nicht mehr spüren kann und umkehren muss. Ohne nachzusehen, ob Lorenz etwas Essbares zusammengemischt hat, gehe ich in mein Gästezimmer. Der Geruch von Mottenkugeln hat sich so sehr in Tapeten und Teppichen festgesetzt, dass er inzwischen von ihnen verströmt wird.

An Heiligabend weckt mich ekstatisches Hundegebell aus dem Garten. Als ich hinausblicke, sehe ich Opa in einem Campingstuhl auf der Wiese sitzen und einen Ball von sich werfen. Ein weiß-braun gescheckter Welpe mit imposanten Schlappohren fetzt dem Ball hinterher, der feine, über Nacht gefallene Schnee ist schon von seinen Abbremsspuren durchpflügt.

Der Welpe scheint das System des Apportierens noch nicht gelernt zu haben. Hat er den Ball erwischt, lässt er ihn irgendwo fallen, woraufhin Lorenz losläuft, um den Ball zu meinem Opa zu bringen. Der alte Mann grinst über das ganze Gesicht.

Im Wohnzimmer steht Zoia auf einer Trittleiter und montiert Lichterketten, als ob nichts passiert wäre. Ich umarme ihre Beine.

"Danke, dass Sie wieder da sind! "

"Alles gut", antwortet sie und drückt mich von sich, meine Umarmung scheint ihr unangenehm zu sein. "Opa und ich in Versöhnung wegen Hund. Weihnachtsgeschenk für Opa. Damit Hund nicht mehr Straße und ich mich kann kümmern um Hund", sagt sie und zwinkert mir zu. Ich schäme mich.

Zoia ist seit sechs Wochen hier und scheint unseren Großvater als Einzige zu verstehen.

Opa und Lorenz kommen mit von der Kälte geröteten Wangen in die Stube, der Hund stürzt sich schwanzwedelnd auf die Wasserschüssel.

"So schöne Lichterketten", sagt Opa zu Zoia.

Lorenz klopft mir auf die Schulter. Opa braucht keine Hilfe. Aber der Hund braucht Hilfe.

"Hat der Hund schon einen Namen?", frage ich.

"Christkindl", antwortet Opa.

Er setzt sich auf den Stuhl, woraufhin ihm der Hund sofort die Schnauze gegen das knielose Bein drückt. "Aber wenn der Hund bleibt, müsst ihr öfters kommen, damit der auch junge Leute zum Spielen hat!", sagt er und krault ihm die herabhängenden Ohren.

Lorenz und ich nicken, der Hund springt an mir hoch, und bei dem Versuch, ihn zu streicheln, bleibe ich im verklebten, zottigen und sicherlich von Flöhen bewohnten Fell hängen.

"Geh pfui", entfährt es mir. "Zoia, wo kommt der her?" Sie zuckt mit den Schultern.

"Ist egal, hat jetzt Zuhause", sagt sie und füttert den Hund mit einem Vanillekipferl.

Drei Wörter – drei Erzählungen – Seite 3

Bescherung an Gleis 11

von Friedrich Ani

Das Jahr, das Jahr, o Herr, das Jahr ... Er hätte gern besser gebetet, eindeutiger im Sinne von ... Er wusste es nicht. Alle paar Minuten sah er zum Himmel hinauf, in der vagen Hoffnung, eine Art Erleuchtung komme über ihn, und er werde begreifen, was die vergangenen Monate ihm hatten sagen wollen; oder die vergangenen Jahre; oder das Leben ...

"Suchen Sie da oben was?"

Offensichtlich hatte die Frau schon die ganze Zeit auf der Bank gesessen und ihn beobachtet. Eingehüllt in einen Wollmantel aus fusseligem Grün, den langen Schal, der früher einmal sonnengelb gewesen sein musste und inzwischen von dunklen Flecken und Schlieren überschattet wurde, mehrfach um den Hals gewickelt, mit ihrer grauen, bis zur Nasenwurzel heruntergezogenen Mütze schien sie wie erstarrt auf etwas zu warten. Ihren Blick auf das andere Ende der Bahnhofshalle gerichtet, die Lippen ein Strich im runzeligen Gesicht, wirkte sie nicht wie jemand, der soeben einen Satz gesagt oder überhaupt einen Laut von sich gegeben hatte. Der Mann war sich nicht sicher, ob sie ihn gemeint hatte; oder ob eine andere Person mit ihm gesprochen hatte. Er sah sich um. Auf dem Bahnsteig war sonst niemand. Sie waren allein, er und die Frau.

"Hallo?", sagte er.

"Hallo."

Er erschrak fast, weil sich ihr Mund nicht bewegt hatte. Dann klopfte er sich mit der Faust auf den Kopf. "Ich wollte nicht unhöflich sein", sagte er.

Die Frau schaute über die Gleise und, wie er feststellte, über die Züge hinweg, zur Decke hinauf, so, wie er unentwegt zum Himmel geblickt hatte. "Ich auch nicht", sagte sie. "Aber ich darf Ihnen verraten, da oben ist nichts. Wenn Sie möchten, setzen Sie sich, ich beiß nicht, jedenfalls selten."

Er wollte nicht sitzen; er war gekommen, um einen Tee zu trinken und ein Schmalzbrot zu essen und sich bei den Frauen von der Bahnhofsmission zu bedanken, weil sie das Jahr über so freundlich und unaufdringlich gewesen waren und ihm nicht das Gefühl gegeben hatten, ein Spinner oder Totalversager zu sein; fast hatten sie ihn wie einen gern gesehenen Gast behandelt, der in ein Gasthaus kam. Bestimmt täuschte er sich – sie kannten Leute wie ihn genau, sie wussten Bescheid ... Er wollte Danke sagen und dann gehen und ... und ...

Er setzte sich auf die Bank, neben den rechteckigen, in eine Plastiktüte eingewickelten Gegenstand, um den die Frau ihren rechten Arm gelegt hatte.

"Guten Abend", sagte er.

"So spät ist’s noch nicht."

"Ja." Ihm fiel nicht ein, was er noch sagen könnte. Er schämte sich ein wenig für das Rascheln seines Anoraks; sogar wenn er bloß dasaß, die Hände in den Taschen, und praktisch keinen Mucks machte, bildete er sich ein, der Stoff gebe ein Geräusch von sich. Kaum schlug er die Beine übereinander ... Er tat es, fühlte sich unwohl und stellte die Beine nebeneinander; er lehnte sich nach hinten, wieder nach vorn ...

"Sind Sie nervös?", fragte die Frau.

"Nein."

"Josefa ist mein Name. Josefa Bredstedt, wie die Stadt."

"Welche Stadt?"

"Die Stadt Bredstedt."

"Ach so."

"Bredstedt in Nordfriesland."

"Ist es da schön?"

"Sie haben eine Wildwasserrutsche und eine Wasserkanone im Schwimmbad. Beachvolleyball können Sie auch spielen. Ist was geboten in Bredstedt."

Hinter ihm wurde die Tür zur Bahnhofsmission geöffnet; er hörte Stimmen von drinnen. Jemand ging schlurfend über den Bahnsteig in Richtung Halle; er schaute nicht hin; womöglich kannte er die Person.

"Ich bin Donald. Früher haben meine Freunde Aldy zu mir gesagt."

"Andi?"

"Aldy."

"Aldi wie Rewe?"

"Mit Ypsilon am Schluss."

"Wieso?"

"Bitte?"

"Wieso mit Ypsilon?"

Er dachte nach. "Das hab ich vergessen."

"Donald und wie noch?"

"Trump."

Ihr Kopf schnellte so schnell herum, dass er zusammenzuckte. Sie sah ihn an, als wäre er eine Erscheinung. "Sie sind der amerikanische Präsident?"

"Wer?" Er kam nicht mehr mit. In seinem Kopf stimmte etwas nicht; das hatte er schon heute früh gleich nach dem Aufwachen gedacht, oder zu denken geglaubt; er brachte seine Gedanken nicht mehr zu Ende, er fing an, etwas zu denken, und ... und ... "W-was?" Er hörte, wie er stotterte, und hielt sich, wie ein Kind, die Hand vor den Mund.

"Der heißt Trump, der Präsident, seine Vorfahren waren aus Deutschland. In Amerika sagen sie Tramp zu ihm. Ist aber Trump, wie Sie. Donald Trump."

"Ich bin kein Präsident."

Nachdem sie ihn ausgiebig betrachtet hatte – seine grauen, splissigen Haare, sein rundes, bleiches Gesicht mit den Bartstoppeln, seine knisternde Jacke, seine schwarzen Jeans, seine knöchelhohen Stiefel –, schüttelte sie mit finsterer Miene den Kopf. "Wenn Sie Präsident wären, mein lieber Scholli, dann wären Sie aber in kürzester Zeit ganz schön runtergekommen. Aber auch so was kann passieren. Guten Tag, Herr Trump."

"Hallo, Frau ... Frau ... Frau ..."

"Frau Bredstedt. Josefa."

"Danke."

"Da nicht für."

"Bitte?"

Während sie ihn weiter ansah, schwieg sie eine Zeit lang. "Da oben ist nichts", sagte sie noch einmal.

Er wiederholte ihren Satz, weil er keine Ahnung hatte, was er sonst sagen sollte.

"Nichts." Josefa nickte, wandte sich ab, behielt das Paket fest im Arm.

Wieder ging hinter ihnen die Tür auf, wieder wehten Stimmen heraus, Aldy überlegte, ob es Serbisch, Kroatisch oder Albanisch war oder bloß das Gebrumm eines Oberpfälzers, der sich verirrt hatte. Der Gedanke ließ ihn schmunzeln; er dachte ... dachte an die Schusterei, in der er gearbeitet hatte, fast ... fast vier Jahre? Unmöglich. Wie die Straße in Weiden hieß, wo sich die Werkstatt befand, hatte er schon längst vergessen. Er war dann zurück nach München gezogen. In seinem Kopf überschlugen sich die Ereignisse. Und die Frau hatte ihn gerade etwas gefragt. Oder nicht?

"Ja?", sagte er. Gern hätte er ihren Namen hinzugefügt; er wusste ihn nicht mehr.

"Ich hab Sie gefragt, ob Sie Kinder haben, hören Sie mir nicht zu?"

"Doch. Doch, ich habe ... Nein, eigentlich nicht, ich habe ... Meine Frau hat eine Tochter, meine Exfrau, Frau ... Frau ..." Dann hatte er eine Eingebung, und er empfand ein kleines Glück. "Josefa! Josefa!"

"Was ist denn? Schreien Sie doch nicht so. Sie sind also geschieden."

"Ja." Plötzlich erinnerte er sich an die Tür hinter ihm, die aufgegangen und wieder geschlossen worden war, ohne dass er jemanden hatte herauskommen hören. Verwirrt drehte er den Kopf, warf einen Blick über die Schulter zum Gebäude; durch das Türfenster schimmerte Licht. Drinnen gab es Tee und belegte Brote, und er hatte Hunger, und der Tag verging; seit dem frühen Morgen irrte er durch die Stadt, von einer Brücke zur nächsten, unentschlossen, wahrscheinlich, wie er sich sagte, einfach nur feige. In das Männerwohnheim, wo er sich ein Zimmer mit Georg teilte, der noch nie ein böses Wort zu ihm gesagt hatte und ihm von allem, was er besaß, etwas abgab, Essen und Kleidung, und der geduldig war und schweigen konnte, würde er nicht zurückkehren, so viel stand fest. Alles andere eigentlich auch ... Trotzdem war er hier; er war schwarz mit der Tram gefahren, weil er zu Fuß den Rückweg von der Großhesseloher Brücke nicht mehr geschafft hätte; der Hunger hatte ihn angetrieben; nun saß er neben der Frau ... der Frau ... neben Josefa und ...

"Wo ist sie?", fragte Josefa.

Er sah sie an, aber sie hatte wieder den Kopf leicht angehoben und blickte zu einem ihm rätselhaften Punkt in der Ferne. "Wen meinen Sie?"

"Ihre Tochter natürlich."

"Weiß nicht, wo sie ist."

"Und Ihre Exfrau?"

"Weg."

"Ist mir klar, dass sie weg ist, deswegen ex. Wo ist sie hin?"

"Husum."

Wieder drehte sie so unerwartet den Kopf zu ihm, dass er einen Schrei ausstieß. "Was ist denn?", sagte Josefa. "Was machen Sie, Herr Trump? Um Gottes willen!"

"Entschuldigung. Ich bin so ... Ich wollte nicht ..." Er setzte von Neuem an und verstummte. Jemand hatte die Hand auf seine Schulter gelegt.

"Grüß Gott, Herr Trump", sagte die Frau mit den roten Locken. "Trauen Sie sich heut nicht zu uns rein?"

"Doch ... doch, Frau Hanke. Ich war ... Das ist ... Sie heißt Josefa, stimmt’s, Josefa?"

Frau Bredstedt kniff die Augen zusammen und ignorierte die fremde Frau hinter ihr. Anna Hanke hielt einen Teller mit Weihnachtsgebäck hoch. "Die Vanillekipferl hab ich selber gebacken, die anderen Plätzchen sind von meinen Kolleginnen. Bitte greifen Sie zu, Sie auch, Josefa."

Aldy streckte die Hand aus, da sagte Josefa: "Nicht gut für die Zähne."

Als hätte er einen Schlag bekommen, zog Aldy die Hand weg und steckte sie in die Anoraktasche; sosehr er sich sofort für sein Verhalten schämte, er wusste nicht, wieso.

"Heut machen wir mal eine Ausnahme, probieren Sie die Kipferl, bittschön", sagte Anna Hanke.

"Natürlich." Aldy nahm ein Kipferl vom Teller und steckte es sich in den Mund. "Das schmeckt wunderbar, Sie müssen ... So was Gutes hab ich lang nicht gegessen, bitte, Frau ... Josefa ... weil Heiligabend ist ..."

"So spät ist’s noch nicht", sagte Josefa wieder und drückte das Paket fester an ihre Seite.

"Hernach, bei uns im Warmen, essen Sie noch mehr, Herr Trump", sagte Anna Hanke, ließ noch einmal die Hand auf seiner Schulter ruhen und ging wieder hinein. Die Stimmen, die durch die offene Tür huschten, klangen lauter als vorher.

Ein weiterer Zug verließ den Bahnhof. Gleis 11, wo die Frau mit dem Wollmantel und der Mann mit der knirschenden Jacke saßen, blieb verwaist. Mit einer leichten Drehung des Kopfes, die er für unauffällig hielt, taxierte er die Frau neben sich.

Nach einer Weile war er überzeugt, dass sie keinen festen Wohnsitz hatte, oder allenfalls einen wie er, ein Durchgangszimmer in einem Durchgangshaus, und ...

"Wieso schauen Sie mich die ganze Zeit an?", fragte Josefa Bredstedt.

Er zuckte mit dem Kopf. Sie sah ihn nicht an. "Darf ich Sie was fragen?" Das sagte er nur, weil er sich für das Grummeln schämte, das aus seinem Bauch kam; er wollte es übertönen; seine Stimme reichte nicht aus.

"Sie müssen etwas essen, mein Herr", sagte Josefa.

"Ich kann nicht. Ich bin ... In mir ist ... Das Kipferl war gut ... Was ich Sie fragen wollte: Wohnen Sie ... Haben Sie ..."

Vielleicht hatte er nicht hingeschaut, vielleicht hatte er einen Filmriss gehabt; das passierte ab und zu, dass ... Blitzartig hatte sie sich ihm zugewandt und schaute ihm in die Augen. Ihre Hand, mit der sie unaufhörlich das Paket in der Plastiktüte festgehalten hatte, berührte seinen Arm; wegen der gefütterten Jacke spürte er nicht viel, aber doch ein wenig. In ihrem Mund, bemerkte er, waren kaum noch Zähne; zu seinem Erstaunen klang ihre Stimme hell und klar. Und ihre Augen waren grün wie ihr Mantel. Das erschütterte ihn am meisten, auch wenn er sich nicht erklären konnte, wieso ... und ...

"Heute", sagte sie zu ihm, "ist Versöhnung vonnöten ..."

Er begriff nichts. "Wie soll ... Wie kommen Sie auf ..."

"Unterbrechen Sie mich doch nicht dauernd. Sie müssen sich mit dem Kerl in Ihrem Kopf versöhnen, sonst wird das nichts mehr."

"Was soll denn werden, Frau ..."

"Alles. Und jetzt gehen Sie rein, essen Sie ein Brot, trinken Sie viel Tee, und bleiben Sie da, bis der Abend aus ist. Auf geht’s, Mr. President."

Er wartete, dass sie weitersprach; dass die Stimme ihn weiter meinte; dass die grünen Augen vielleicht auf ihn abfärbten. Aber ihr Arm umklammerte schon wieder das Paket, und ihr Blick gehörte der Halle. Zwei oder drei Minuten lang saß er da und wartete. Nicht mal seine Jacke knirschte, das hörte er genau.

Dann stand er auf. Ihn quälte das Bedürfnis, zum Abschied einen Satz zu sagen, nur welchen? Und er bezweifelte, dass sie ihm zuhören würde. Er schaute auf sie hinunter, ihre Mütze reichte mittlerweile fast bis zur Nasenspitze. Also gut, dachte er, klopfte sich mit der Faust zweimal auf den Kopf und sagte: "Wiederschauen, Frau ... Josefa! Wiederschauen ... Wieder..."

An der Tür der Bahnhofsmission kam ihm ein bärtiger Mann mit einer roten Bommelmütze entgegen; er trug einen braunen, fusseligen Mantel, aus dessen Tasche die Henkel eines Jutebeutels hingen. Aldy hielt ihm die Tür auf und tauchte in ein Meer aus Stimmen von Männern und Frauen, in deren Gegenwart er unsichtbar wurde, so, wie es ihm gefiel.

Auf dem Bahnsteig bemerkte der Mann mit der Bommelmütze die Frau auf der Bank. Er ging zu ihr und hielt inne. "Was machst du denn hier, Mama? Wo kommst du her?"

"Von drauß’ vom Walde", sagte Josefa Bredstedt, die in Wahrheit Josefa Weidner hieß und ihr Lebtag noch nie in Friesland war. "Schau, ich hab dir ein Geschenk mitgebracht." Sie strich über das Paket. "Setz dich, mein Junge, und erzähl mir, was du heut alles erlebt hast."