Das Wintersportzentrum Oberhof im Thüringer Wald, wo an diesem Wochenende der Weltcup im Rennrodeln stattfindet und bereits im Januar der Biathlon-Weltcupzirkus zum 25. Mal Station machte, kann auf eine lange Wintersporttradition zurückblicken. Viele Weltcups im Rennrodeln fanden auf der 1354 Meter langen Kunsteisbahn statt, in den Jahren 1973, 1985 und 2008 sogar drei Weltmeisterschaften im Rennschlittensport.

Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie 1884 entwickelte sich das 815 Meter hoch gelegene Oberhof zu einem der bedeutendsten Höhenluftkurorte Deutschlands. Im gleichen Jahr soll der erste Skiläufer gesichtet worden sein. Bereits 1905 gab es hier die ersten Skilaufwettbewerbe. Oberhof gilt zudem als Wiege des Bobsports in Deutschland. Prinzen und Herzöge sausten in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg auf dem Bobschlitten die Wadeberg-Natureisbahn hinab. Kaiser Wilhelm II. besuchte den Ort und auch Marlene Dietrich schlenderte mit ihrem Töchterchen durch frischen Pulverschnee in Oberhof, wie Fotos belegen. Im Februar 1931 gab es hier Weltmeisterschaften im Zweierbob und Wettkämpfe des Internationalen Skiverbandes, die sogenannten Fis-Rennen, die eine Vorprüfung für die Olympischen Winterspiele 1932 in Lake Placid (USA) darstellten.


Einen Bruch gab es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach der Gründung der DDR 1949 entwickelte sich Oberhof Schritt für Schritt zu einem sozialistischen Erholungs- und Wintersportzentrum der Werktätigen. Mehr als fünfzig bürgerliche Familien wurden zwangsausgesiedelt, Häuser enteignet, Jugendstilvillen abgerissen und durch hässliche Zweckbauten aus Beton ersetzt. Mehrere Ferienheime für Angehörige der Armee, Polizei und Stasi entstanden.


Mitverantwortlich war Walter Ulbricht, der 1960 Staatsratsvorsitzender der DDR wurde und den Ausbau von Oberhof stark forcierte. Nachdem Ulbricht die Grenze zu Westdeutschland am 13. August 1961 abriegelte und der Zugang zu den Alpen für die Menschen aus der Ost-Zone nicht mehr möglich war, wurden die Wintersporturlauber in die schneesicheren Mittelgebirge nach Oberhof oder Oberwiesenthal im Erzgebirge gelotst.

Der gebürtige Leipziger Ulbricht hatte ein Faible für den Thüringer Wald und war ein begeisterter Wintersportler, wenngleich ihm augenscheinlich die Motorik fehlte. Mit seiner zweiten Frau Lotte pirschte der Spitzbart, so sein Spottname im Volk, des öfteren auf Skiern durch das Oberhofer Revier, getreu dem Motto des SED-Chefideologen: Jedermann an jedem Ort, einmal in der Woche Sport!

Im Volksmund: Waltershausen

Entsprechend bevorzugt flossen die Mittel für neue Bauten und beste Straßen nach Oberhof und die engere Umgebung. Ulbricht hatte ein eigenes Urlaubsdomizil, das unter seiner Ägide und danach bis zum Mauerfall 1989 stets gut bewachte Ferienheim des DDR-Ministerrates, im Volksmund als Waltershausen bezeichnet. Es liegt versteckt im Wald, nahe der Bob- und Rodelbahn und war für damalige Verhältnisse sehr luxuriös ausgestattet. Selbst ein eigenes Wasserwerk und eine monströse Stromerzeugungsanlage gehörten zur Ausstattung.

Das vier Stockwerke umfassende Objekt ist allerdings seit Jahren verkommen, keine einzige Fensterscheibe ist ganz geblieben. Eine durch Vandalen verwüstete Ruine, für die sich kein Käufer findet. In Stasi-Unterlagen sind präzise Vermerke zu finden, dass sich einst auch attraktive Damen unter den Angestellten des Ferienheimes befanden, die dem Ministerium für Staatssicherheit bei ihren Überwachungen vor der Einstellung, als "hwG" (Personen mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr") bekannt geworden waren.

Höchste Stasi-Spitzeldichte in der DDR

Überliefert ist auch, dass sich der Atheist Ulbricht beim Blick aus dem Fenster seines Etablissements immer über den Turm der Evangelischen Kirche in Oberhof ärgerte, da diese das höchste Gebäude des Ortes war. Diese Kirche war übrigens mit der Einweihung 1957 der erste Kirchenneubau in der DDR. Deshalb ließ Ulbricht in der Mitte der Kommune das in den Himmel ragende Ferienheim Rennsteig errichten. Der Apparatschik konnte sich allerdings an dieser weiteren Errungenschaft, der wiedererlangten sozialistischen Lufthoheit, nicht lange erfreuen, da er 1973 das Zeitliche segnete.

2002 wurde das Ferienheim Rennsteig abgerissen. Nach der friedlichen Revolution wollte ein gewiefter Geschäftsmann aus der Schweiz die architektonisch langweilige Ex-Ministerrats-Herberge als nobles Touristenhotel mit Gourmetrestaurant vermarkten. Mit dem besonders sinnigen Werbeslogan "Eine Nacht ins Ulbrichts Bett" konnte sich allerdings nach dem Untergang des Arbeiter- und Bauernstaates kaum jemand anfreunden. Der Eidgenosse machte sich schnell wieder aus dem Staub. Eigentümer der Immobilie war danach eine Schweizer Bank.

In den 1960er-Jahren ließ Ulbricht, der bereits 1949 die große Propagandawirkung des Sports bei den ersten Wintersportmeisterschaften in der Sowjetischen Besatzungszone in Oberhof erkannt hatte, unter anderem die 120-Meter-Großschanze im Kanzlergrund errichten, 1971 kam eine teure Kunsteisbahn für Rennschlitten- und Bobfahrer hinzu. Zum zwanzigsten Jahrestag der DDR eröffnete 1969 das weithin sichtbare Interhotel Panorama, ein riesiger 900 Bettenbunker, der im architektonischen Stil von zwei gegenläufigen Sprungschanzen aus dem Boden gestampft wurde. Mehrere Zimmer benutzte ausschließlich die Stasi als Diensträume. Aus den Stasiakten geht hervor, dass sich viele DDR-Agenten mit ihren Führungsoffizieren dort trafen.

Ohnehin hatte Oberhof mit die höchste Stasi-Spitzeldichte in der DDR. Bei internationalen Sportveranstaltungen logierten Funktionäre und Athleten aus Ost und West in dem Haus, deren Überwachung aufwendigst erfolgte. Das Panorama-Hotel gibt es heute noch und trotz einiger Renovierungen versprüht es immer noch den trostlosen Charme der DDR.

Oberhof zählte zu den modernsten Anlagen der Welt

Biathlon wird in Oberhof seit 1958 betrieben. Es ist eine Sportart mit langjähriger militärischer Tradition, bis 1976 noch mit schweren Großkaliberwaffen. Nach dem ersten Olympiasieg eines Deutschen 1980 im Biathlon, wo der für den Armeesportklub Oberhof startende Frank Ullrich in Lake Placid, also im Land des größten Klassenfeindes, über 10 Kilometer in der Hoch-Anabolika-Ära Gold gewann, entdeckten die DDR-Oberen das Medaillenpotenzial. Der damalige Verteidigungsminister Heinz Hoffmann forcierte den Ausbau des Biathlons.

Im Frühjahr 1981 rückten Pioniertruppen der DDR-Volksarmee in Oberhof am Grenzadler an. Unweit des Armeesportklubs wurden viele Bäume gefällt, gewaltige Erdvolumen abgetragen, Felsen gesprengt. In eineinhalb Jahren wurde ein neues Biathlonstadion mit Schießstand errichtet und eine bitumierte Straße mit Beleuchtung, die zum Skirollertraining in der schneefreien Zeit genutzt wurde. Geld spielte keine Rolle, da es ein sogenanntes Projekt der Landesverteidigung war und für die Militärs besonders prestigeträchtig.

Der Biathlon-Schießstand von Oberhof zählte 1983 zu den modernsten Anlagen der Welt. Ein neuentwickeltes Unterspanner-Biathlon-Gewehr aus der benachbarten Stadt Suhl verkürzte die Ladezeit für die DDR-Athleten erheblich. Die Kaderschmiede Oberhof mit ihrer gewaltigen Infrastruktur an Sportstätten hatte zu dieser Zeit die anderen DDR-Wintersportzentren in Oberwiesenthal, Altenberg/Zinnwald und Klingenthal – ausschließlich des in Oberhof fehlenden Alpinbereichs – hinter sich gelassen.

Steuergelder in Millionenhöhe versenkt

Das ehemalige, geheim gehaltene, Ferienheim des DDR-Ministerrats in Oberhof ist heute eine Ruine. © Thomas Purschke

Der Chefmediziner des Armeesportklubs Oberhof, Werner Siebert, war einer der Hauptverantwortlichen des staatlich organisierten Dopingsystems der DDR. Siebert war zudem viele Jahre Verbandsarzt der Biathlon-Nationalmannschaft. Mit der Stasi arbeitete Siebert eng zusammen. Unter dem Decknamen "Hans Hirsch" lieferte er viele Informationen. 2000 wurde Siebert wegen Beihilfe zur vorsätzlichen Körperverletzung per Strafbefehl zu einer Geldstrafe in Höhe von 11.700 Mark verurteilt.

1984 fand der erste Biathlon-Weltcup in Oberhof statt. Einst war das Zuschaueraufkommen im Stadion überschaubar, selbst für die Stasi, die wenig Mühe hatte, einigen sportaffinen DDR-Bürgern selbstgemalte Spruchbänder zum Gruß der bundesdeutschen Athleten gewaltsam zu entreißen. Damals gehörte der heutige Organisationschef des Oberhofer Biathlon-Weltcups Holger Wick als Athlet zur DDR-Biathlon-Nationalmannschaft. Auch Wick hat eine Stasi-Vergangenheit. Zwischen 1981 und 1988 hat er als IM Gerd Schütze Informationen über seine Kameraden im Armeesportklub an die Stasi weitergegeben.

Auch nach der Wiedervereinigung ist Oberhof ein Zentrum für Spitzensportler geblieben. Der gesamtdeutsche Sport wollte die Ressourcen weiterhin nutzen. 15 Millionen Euro gab es an Fördermitteln für die Renovierung der Bob- und Rodelbahn. Mehr als 18 Millionen flossen bis heute in ein neues Biathlon-Stadion, wo 2004 eine Biathlon-Weltmeisterschaft stattfand. Neue Skisprungschanzen verschlangen über 20 Millionen Euro. Für die Skilangläufer und Biathleten wurde 2009 für mehr als 16 Millionen Euro eine überdachte Skihalle samt Schießstand gebaut, in der sie ganzjährig auf Schnee bei konstant 4 Grad minus Lufttemperatur trainieren können.

Historisch belastete DDR-Altkader ziehen im Oberhofer Sport bis heute die Fäden. So ist der einstige stellvertretende Generalsekretär des DDR-Skiläuferverbandes, Ulrich Wehling, der damals auch das perfide Dopingsystem mit durchsetzte, seit Dezember 2016 der neue Geschäftsführer des Thüringer Skiverbandes und damit auch für viele Kinder und Jugendliche in den angeschlossenen Vereinen zuständig.

Meisterschaft im Abkassieren und Schuldenmachen

Insgesamt mehr als 170 Millionen Euro erhielt die Kommune Oberhof seit 1990 an Subventionen für gewaltig dimensionierte Sportstätten und fragwürdige Tourismusprojekte und ist doch chronisch pleite. Zwanzig Olympiasieger im Biathlon, Rennschlitten, Bob, Skilanglauf und Skispringen, hat der 1600-Einwohnerort nach 1990 hervorgebracht, aber zu wahrer Meisterschaft hat er es im Abkassieren und im Schuldenmachen gebracht, wie der Spiegel 2014 schrieb.

Als Beispiel für die Großmannssucht dient die Rennsteig-Therme, ein 17 Millionen Euro teures Spaßbad, das 1996 eröffnet wurde. Anfangs gab es genug Besucher, doch dann bauten die Nachbargemeinden mit Landessubventionen eigene Freizeitbäder. Die Gästezahl in Oberhof ging erheblich zurück, die enormen Betriebskosten blieben. 2008 schloss das Bad. Wieder sprang das Land Thüringen ein. 9 Millionen Euro machte die Regierung in Erfurt für die Renovierung der Therme locker. 2014 wurde sie unter neuem Namen "H2Oberhof" neu eröffnet. Die Betriebskostendefizite sind immer noch erheblich. Der Bund der Steuerzahler monierte öfters die Verschwendungssucht der öffentlichen Hand.

Mehrfach ermittelte die Erfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Korruption gegen Politiker, Unternehmer und Funktionäre in der Gemeinde und des Landes. Das Amtsgericht Meiningen verurteilte den Bürgermeister Thomas Schulz 2011 wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe von rund 9.000 Euro. In Oberhof wird seit Jahrzehnten Steuergeld in Millionenhöhe versenkt, doch die Kleinstadt wurde nie der Touristenmagnet, zu dem sie all die Investitionen und sportlichen Erfolge machen sollten.