Aber dann ist da dieses Bonbon-Problem. Oder: die neue Risiko-Rechnung.

"Wenn ich eine Schüssel Bonbons hätte und dir sagen würde, drei davon könnten dich töten – würdest du eine Handvoll nehmen? Das ist unser Problem mit syrischen Flüchtlingen." Dieses Bild twitterte während des US-Wahlkampfes der Sohn des künftigen Präsidenten, Donald Trump jr. Populistisch, könnte man sagen, denn die Schüssel müsste schon gewaltig groß sein, damit die Metapher stimmte. Und zynisch, denn während vielleicht einer von tausend syrischen Flüchtlingen ein Islamist ist, sterben von tausend Syrern, die kein Asyl bekommen, mit Sicherheit eine ganze Menge mehr.

Nur sind eben weder die wahre Zahl von fanatisierten Flüchtlingen noch deren Zerstörungskraft bezifferbar, bis sie zuschlagen. Hätte Deutschland ein 9/11 erlebt, also einen Terroranschlag mit (entsprechend der Einwohnerzahl) tausend Toten, würde die Abwägung zwischen Risiko-Inkaufnahme und Flüchtlingsaufnahme heute nicht auch hierzulande anders diskutiert? Ein Teil der Bevölkerung tut das bereits. Er spiegelt sich unter anderem in den fast 20 Prozent der Deutschen, die sich derzeit vorstellen könnten, die AfD zu wählen.

Diese Deutschen glauben nicht daran, dass jedes Risiko gemanagt werden kann – genauer gesagt: gemanagt werden muss. Dem Argument, dass man auch Smartphones nicht verbietet, obwohl sie zu mehr Verkehrstoten führen, oder dass man Badeseen nicht schließt, obwohl sie jedes Jahr mehr Todesopfer fordern als Terrorakte, halten sie entgegen: Na und? Wir wollen den allgemeinen Lebensrisiken eben keine weiteren hinzufügen. In den Worten von AfD-Vize Alexander Gauland: "Wir wollen das gar nicht schaffen."

Es geht also vor allem um die Behauptung des "Wir", um den Anspruch, auswählen zu können, wer in einem umgrenzten Raum die Spielregeln und die erlaubten Risiken festsetzen darf. Muslime, so ließe sich ein verbreitetes Ressentiment zusammenfassen, sollen dabei nicht mitreden, weil "sie" angeblich schon grundlegende Spielregeln nicht akzeptieren, die Glaubensfreiheit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau zum Beispiel, und weil diese fehlende Akzeptanz leicht in eine regelrecht gesellschaftsfeindliche Denkart kippen kann. Dieses rigorose Prinzip des "Im Zweifel auch gegen Unschuldige" gilt bisweilen in der Gefahrenabwehr, im Sportrecht etwa. Werden Hooligans eines Clubs wiederholt gewalttätig, kann allen Fans – auch der friedlichen Mehrheit – der Eintritt ins Stadion verboten werden. Das "Wir" wird ungerecht eng gezogen, weil der Frieden auf den Rängen vorgeht.

Aber sollte dieses Prinzip auch auf das Asylrecht angewandt werden?

Im Jahr 1949, als die Mitglieder des Parlamentarischen Rates über Artikel 16 des Grundgesetzes berieten, war das gesellschaftliche "Wir" tatsächlich deutlich enger definiert als heute. Damals dachte man allenfalls an Spanier oder Russen, wenn man an "Ausländer" dachte. In der Redaktionsstube der Verfassung dachte man bei politisch Verfolgten sogar zuallererst an Deutsche. Der erste Entwurf für Artikel 16 lautete: "Jeder Deutsche, der wegen seines Eintretens für Freiheit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit oder Weltfrieden verfolgt wird, genießt im Bundesgebiet Asylrecht." Ein Asylrecht für sämtliche politisch verfolgten Ausländer erschien dem Redaktionsausschuss "zu weitgehend" – immerhin war das geteilte Nachkriegsdeutschland ein schwacher Staat mit reichlich eigenen Vertriebenenproblemen. Als großzügigere Formulierung überlegte der Rat, "Ausländer(n), welche wegen ihres Eintretens für Freiheit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Weltfrieden politisch verfolgt werden", Asylrecht zu gewähren. Am Ende waren es die Staatsrechtler Carlo Schmid (SPD) und Hermann von Mangoldt (CDU), die die heutige, weite Formulierung durchsetzten. Schließlich, so Schmid, dürfe man die Asylgewährung nicht davon abhängig machen, "ob der Mann uns politisch nahesteht oder sympathisch ist".

Geboren ist die Asylgarantie also nicht zuletzt im Wettstreit der Systeme und mit der Betonung auf dem Recht der Bundesrepublik, einen Geflohenen nicht an kommunistische Staatsgefängnisse auszuliefern. Die Väter des deutschen Asylrechts, mit anderen Worten, lebten in einer Welt, in der man Menschenrechtsverstöße im Grunde nur dann beklagte, wenn sie östlich von Lübeck stattfanden.

Was sich weder Schmid noch Mangoldt vorgestellt haben, ist, dass sich einmal Teenager aus Marokko oder Tunesien, die per Billig-Flugticket und mit Schlepperbanden in eine Schengen-EU einreisen, auf Artikel 16 berufen würden. Oder dass Bewohner des Hindukuschs auf die Idee kommen könnten, sich bis nach Deutschland durchzuschlagen. Oder dass das Internet die Annehmlichkeiten des Lebens in Europa samt Preisen für waghalsige Mittelmeerpassagen bis in den letzten Winkel Afrikas verbreiten würde. Dass, kurzum, Deutschland mit seinem großzügigen Sozial- und Asylrecht eines der Hauptanziehungsländer nicht nur für politisch Verfolgte aus aller Welt, sondern für im Weltmaßstab Benachteiligte werden könnte – inklusive fanatisierter Jenseitsverliebter.

Gemessen an der heutigen Sensibilität der Deutschen für Menschenrechtsverletzungen, gibt es im Grunde überhaupt keine sicheren Herkunftsländer außerhalb der EU mehr. Ist es trotzdem richtig, in dieser neuen Welt die alten Zufluchtsgarantien aufrechtzuerhalten?

Die leichte Antwort lautet wieder: Aber natürlich. Schließlich entspricht die weit formulierte Asylgarantie der fundamentalen (und nicht zuletzt in Europa hart erkämpften) Überzeugung, dass Menschenrechte nicht anlassbezogen gewährt werden, sondern universell gelten. Dass sich diese Überzeugung heute nicht mehr nur am Ostblock schärft, sondern endlich auf die ganze Welt erstreckt, ist zunächst einmal ein zivilisatorischer Fortschritt.