Es gibt Zeitgenossen, die am Jahreswechsel so schwer zu beißen haben, dass sie sich gedrängt fühlen, ihn mit dem Zahnwechsel bei kleinen Kindern zu vergleichen: Nutzlos wackelt der alte Zahn im Munde, da verkündet der nachwachsende bereits keck sein baldiges Erscheinen. "Dort ist ja schon das Hauerlein / das in der Lücke klitzeklein / aus der Tiefe lugt so fein." Selbst der Engländer empfindet den Jahreswechsel als inbetween, oder wie wir auf Deutsch zu sagen pflegen: als ein Dazwischen, als Lücke im stummen Gang der Zeit. Normalmenschen tun dann zwischen den Jahren Dinge, die sie sonst nie tun würden – sie hängen keine Wäsche auf, bringen ohne Murren den Müll runter oder putzen unaufgefordert die Plateaustiefeletten ihres aktuellen Lebensabschnittspartners.

Glaubt man der DGfZP, der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, dann sind mythische Ängste zum Jahresende nachweislich unbegründet. Es gibt offiziell keine Lücke in der Zeit – selbst zu Silvester strömt sie mit stoischer Vergänglichkeit im ruhigen Fluss dahin, bis sie am Ende aller Tage in der kosmischen Ewigkeit verschwindet, wo die Uhren anders gehen, vielleicht auch gar nicht. Übrigens, was die DGfZP zeitnah verkündet, war dem Schriftsteller Thomas Mann längst vertraut: Keine höhere Macht habe ihre Hand im Spiel, sondern nur der Mensch, der Mensch allein. "Es gibt kein Gewitter oder Drommetengetön. Beim Beginn eines neuen Jahres sind es nur wir Menschen, die schießen oder läuten."

Schießen oder läuten – das ist hier die Frage, und Deutschlehrer alter Schule wissen, dass auch Friedrich Schiller mythisches Gedöns nicht ausstehen konnte. Menschen, rief er, machen ihre Geschichte selbst, doch sie machen sie nicht gut. "Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden, / Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort? / Das Jahr ist im Sturm geschieden, / Und das neue öffnet sich mit Mord." Beklemmend auch, wie Schiller die Doppelherrschaft von Donald Trump und Wladimir Putin prophezeite: "Zwo gewaltige Nationen ringen / Um der Welt alleinigen Besitz." Sogar den Brexit nahm er in seinem Jahrhundertgedicht von 1799 ahnungsvoll vorweg, denn tief in seinem Herzen wusste Schiller, dass der "Britte" lieber allein auf den Weltmeeren kreuzt, als sich von Europa in goldene Ketten legen zu lassen: "Seine Handelsflotten streckt der Britte / Gierig wie Polypenarme aus." Und ach, das geliebte Polen erst einmal! "Freiheit ist dort nur im Reich der Träume / Und das Schöne blüht nur im Gesang." Zum Glück ist nichts von Dauer, "die Welt wird alt und wieder jung, doch der Mensch hofft immer auf Verbesserung".

FINIS