Als die Toten fort waren und der Morgen dämmerte, wollte Küster Uwe Radicke zu seinem Arbeitsplatz. Er sah die Polizisten mit Maschinengewehren, er sah die dunklen Weihnachtsbuden. Dann fiel sein Blick auf die Absperrung. Sein Ziel war unerreichbar. Die Polizei hatte seine Kirche abgeriegelt. Sie war zum Tatort geworden.

Wenn Uwe Radicke, 56 Jahre, Zwirbelbart, von diesem Moment erzählt, dann wirkt er ratlos. Sicher, er hatte befürchtet, dass es diesen Ort irgendwann treffen könnte. Jedem, der hier arbeitete, sei die Gefahr bewusst gewesen, sagt er. Wenn Touristen ihre Koffer unbeaufsichtigt in der Kirche stehen ließen, dann lief er hinter ihnen her und sagte, dass sie darauf aufpassen sollten. Er kontrollierte die Notausgänge und dachte mit einem mulmigen Gefühl an den Weihnachtsmarkt. Eine Bombe, davor hatte er Angst. Doch damit, dass jemand absichtlich mit einem Lkw auf den Breitscheidplatz rasen würde, damit rechnete selbst er nicht. Zwölf Menschen kamen hier vor anderthalb Wochen ums Leben. Viele starben wohl noch vor Ort.

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz, das ist nicht irgendein Bauwerk. Nicht für die Berliner, nicht für Radicke. "Sie mahnt. Und sie spendet Trost", sagt er. Kann diese Kirche von dem Anschlag betroffen sein – und gleichzeitig Heilung bieten? Geht das?

Uwe Radicke stammt aus Ostberlin. Er arbeitete lange in der Friedensbewegung, druckte Flugblätter, wie er erzählt. Die Gedächtniskirche, das war für ihn die Verkörperung des Westens, ein Sehnsuchtsort. Als die Mauer fiel, stieg er im Osten in die U-Bahn und im Westen, am Bahnhof Zoo, wieder aus. Es war fünf Uhr morgens. Er ging zur Ruine der Gedächtniskirche, sah ihren zerstörten Turm in die Höhe ragen. Als sie öffnete, betrat er sie und sah das Licht, das sich durch die Fenster brach. Der Raum erstrahlte in Kobaltblau. Radicke war überwältigt. Abends kehrte er noch einmal zur Kirche zurück, sah Helmut Kohl. Von da an ließ ihn dieser Ort nicht mehr los. 1991 nahm er hier seine Arbeit als Küster auf. Die Kirche bot ihm Sicherheit. Sie war für ihn auch das Symbol seiner ganz persönlichen Freiheit.

Einen "hohlen Zahn" – so nennen die Berliner ihre Gedächtniskirche liebevoll. Sie wurde 1895 eingeweiht und 1943 von englischen Bomben zerstört. 1961 setzten die Berliner eine neue Kirche mit blauen Fenstern daneben. Die Heilung dieses Ortes nach dem Krieg, sie geschah unvermittelt und durch die Menschen. Im Sommer treffen sich auf ihrem Vorplatz heute die Touristen, Jugendlichen und Street-Dancer. Und in der Adventszeit, da kommen die Leute hierher, die nach der Arbeit noch schnell einen Glühwein trinken wollen.

"Der Weihnachtsmarkt hat etwas Kirchliches", sagt Radicke. "Ich empfinde den Anschlag deshalb als einen Angriff auf das Christentum." Vielleicht lässt sich der Schrecken leichter ertragen, wenn sich ein solches Attentat nicht gegen einen allein richtet, sondern gegen eine ganze Kirche, eine ganze Religion. Vielleicht findet man so leichter Halt.

Radicke steht jetzt in der Kirche und zündet hinter dem Altar die Kerzen an. Vor ihm sammelt sich die Pfarrerin. Ein Kameramann mit einem grauen Zopf stürmt auf sie zu. "Bitte nicht, bitte nicht", flüstert sie. Doch der Kameramann hält drauf. "Bitte nicht, bitte nicht! Bitte haben Sie Verständnis!", wiederholt sie. Er lässt die Kamera sinken, geht ein paar Schritte zurück. Die Kirche ist ein heiliger Ort, vor dem selbst die Boulevardpresse haltmacht. Als sich die Pfarrerin vergewissert hat, dass die Würde gewahrt ist, beginnt sie ihre Andacht. "Jeden Tag läuten wir die Glocken für den Frieden", sagt sie. "Gestern haben wir die Totenglocken geläutet." Dann singt eine Sängerin auf Englisch: "Denn dein ist das Königreich und die Kraft und die Herrlichkeit für immer." Die Pfarrerin lächelt wie befreit, die Menschen in den Bankreihen sind ganz still. Es ist ein trauriger, aber auch schöner Moment.

Nach der Andacht telefoniert der Küster im Vorraum. "Ja … es ist noch genug Papier da", spricht er in den Hörer. Als er aufgelegt hat, sagt er: "Das war die Senatsverwaltung." Radicke ist als Küster auch für die Kondolenzbücher der Stadt zuständig. Die Menschen stehen Schlange, um sich einzutragen. Ständig muss er neues Papier nachlegen und die beschriebenen Seiten an sich nehmen. Es kommen ganze Stapel zusammen, so hoch ist die Anteilnahme auch noch Tage nach dem Anschlag. In der Gedächtniskirche finden die Menschen einen Ort für ihre Trauer, ihr Entsetzen.