Manche Popstars beschreiben ihre Karriere gern als eine glückliche Abfolge von Musenküssen. Andere empfinden sie rückblickend als steinigen Weg voller Schlaglöcher und scharfer Kurven.

George Michael verglich seine Karriere mit einer dieser gelben Enten aus Plastik in der Badewanne: "Sie richtet sich irgendwie immer von selbst wieder auf. Und in gewisser Weise nehme ich ihr das übel." Tatsächlich schien Michael es oft darauf angelegt zu haben, seine beispiellose Karriere zu versenken. Aber sie richtete sich immer wie von selbst wieder auf.

In diesem Auf und Ab kam es vor genau 30 Jahren zu einem Moment, den George Michael als einsamen Höhepunkt seiner Laufbahn empfunden hat – auch wenn es weder künstlerisch noch kommerziell sein größter Erfolg war. Gerade hatte er dem lukrativen Synthiepop von Wham! den Stecker gezogen, die bevorstehende Solokarriere war nicht viel mehr als ein großes Fragezeichen, da engagierte ihn die legendäre Soulsängerin Aretha Franklin als Duettpartner für ihre neue Single: I Knew You Were Waiting (For Me). Aretha Franklin hatte schon mit Frank Sinatra gesungen, mit Marvin Gaye, Sam Cooke und James Brown. Nun aber sang sie mit Georgios Kyriakos Panagiotou in gemeinsamem Schmachten: "Like a warrior that fights and wins the battle, I know the taste of victory."

Spätestens durch diesen Ritterschlag hatte sich ihr Partner endgültig in den größten englischen Popstar seiner Zeit verwandelt. Bis heute soll er mehr als 100 Millionen Platten verkauft haben, niemand wurde von 1984 bis 2004 im englischen Radio häufiger gespielt als George Michael.

Geboren 1963 in London als Sohn eines griechischen Zyprioten und einer Engländerin, hatte er schon als Jugendlicher mit seinem Schulfreund Andrew Ridgeley erste Schritte ins Rampenlicht unternommen, für ihren zappeligen Ska aber keine Plattenfirma gefunden. Und als sie unter dem Namen Wham! endlich die große Popbühne betraten, standen darauf gerade Culture Club mit Karma Chameleon oder Michael Jackson mit Billie Jean.

Angesichts dieser schillernden Gesellschaft verwandelte sich auch Georgios Kyriakos Panagiotou, kaum 18 Jahre alt, in eine Kunstfigur. Oder, wie er selbst später sagen sollte: "Ich schuf einen Mann, den die Welt lieben konnte, wenn sie wollte. Jemanden, der meine Träume verwirklichen und mich zu einem Star machen würde. Ich nannte ihn George Michael, und für beinahe zehn Jahre arbeitete er sich für mich den Arsch ab. Er war sehr gut in seinem Job, vielleicht sogar ein wenig zu gut."

Wie gut er war, das lässt sich in den frühen Videos besichtigen. Ein Beau mit dem definierten Oberkörper einer Bronzestatue, mit Schmelz in der Stimme und Melancholie im Blick. Wie gut er war, zeigten auch die unwiderstehlichen Melodien aus seiner Feder, denen selbst die flache Produktion nichts anhaben konnte. Wake Me Up Before You Go-Go, Careless Whisper, Last Christmas oder Freedom gehören zum unverrückbaren musikalischen Mobiliar der achtziger Jahre.

Und wie gut er war, lässt sich auch an seinen strategischen Entscheidungen ablesen. Anstatt sich, wie üblich, auf endlosen Tourneen verheizen zu lassen, setzte Michael früh auf MTV als Kanal zu den Massen. Mit den entsprechenden Videoclips zum neuen Album Make It Big knackten Wham! nicht nur den gigantischen US-Markt. Sogar in China waren die brüderlich wirkenden Kumpel willkommen, als erste westliche Band überhaupt.

Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität verflüssigten sich allerdings bereits die Grenzen zwischen Wham! und George Michael als Solokünstler. Michael war es, der die Entscheidungen fällte. Michael war es, der alle Songs schrieb und meistens auch die Instrumente einspielte. Und Michael war es auch, der nicht über seine Homosexualität stolpern wollte – und sie deshalb unter Verschluss hielt. Schwul, das waren Paradiesvögel wie Boy George. Schwul waren die geschminkten Jungs, die von Bravo-Postern herablächelten auf den Mainstream. Schwul im Sinne von onduliert und effeminiert, das war im Grunde der hedonistische Pop der achtziger Jahre insgesamt. Allerdings erlaubte ihm ein bigotter Zeitgeist nicht, sich offen zu bekennen – geschweige denn, es zu feiern.

Umso maskuliner inszenierte sich George Michael 1987 auf Faith, diesem Befreiungsschlag von einem Soloalbum. Keine Spur mehr von Schulterpolstern und Föhnwellen. Jetzt trug er spiegelnde Sonnenbrille, Dreitagebart, Nietenlederjacke, zerrissene Jeans und Cowboystiefel mit verchromten Kappen, spielte verschwitzten Funk zwischen Gospel und Elvis und stöhnte: I Want Your Sex. George Michael war plötzlich so hemmungslos heterosexuell aufgeladen, wie es der Zeitgeist forderte – während eingeweihten Betrachtern nicht entgehen konnte, wie diese Inszenierung wieder ins homosexuelle Gegenteil kippte. In diesem ambivalenten Augenblick hatte die Kunstfigur den Punkt ihrer höchsten Vollendung erreicht. Sie schillerte.