Die Taten sind so teuflisch, so bar jeder Vernunft, dass der normale Verstand sie nicht fassen kann. Was treibt einen Menschen dazu, einen Lastwagen in eine Menschenmenge zu steuern? Aus welchem Grund ermordet ein türkischer Polizist den russischen Botschafter mit einem Schuss in den Rücken? Für mitfühlende, aufgeklärte Bürger sind solche Gewaltakte so unbegreifbar, dass das Bedürfnis besteht, sich abzugrenzen. Gerne wird deshalb das Bild vom "einsamen Irren" gezeichnet, vom labilen, religiös verführten Täter. Doch wie viel Irrsinn steckt wirklich in Terroristen?

Seit Jahrzehnten arbeiten sich Psychologen, Soziologen oder Kriminologen am Thema exzessive Gewalt ab. Eine griffige Aggressionsformel haben sie bislang nicht hervorgebracht. Nur dies: Jener einzelne Gewalt-Faktor, der nur unter Kontrolle gebracht werden muss, um Menschen vom Töten abzuhalten – er existiert genauso wenig wie der angebliche "geborene Attentäter".

Die unbequeme Wahrheit lautet, dass sich die Gesellschaft nicht in friedliebende Bürger und verrückt gewordene Berserker aufteilen lässt. Das Erbgut, frühkindliche Erlebnisse, eine prägende Kultur und das jeweilige soziale Umfeld ergeben zusammen eine individuelle Neigung zur Aggression.

Günstige Bedingungen können dieses Potenzial kanalisieren, sodass es in Kreativität und Produktivität umschlägt. Bei ungünstiger Konstellation jedoch kann es zur Entgleisung kommen. Sosehr sich die gewalttätigen Akte im Endergebnis gleichen mögen, letztlich sind sie das Resultat unterschiedlicher Lebenseinflüsse. Nur wenn es gelingt, vorurteilsfrei nachzuvollziehen, welche Bedingungen Menschen wohin treiben, lässt sich diese Gewaltspirale unter Umständen stoppen.

Sechs von zehn Attentätern, die auf eigene Faust agieren, sind geistig gesund

Mord ist tabu. Doch die Übertretung einer sozialen Norm bedeutet nicht, dass der Täter psychisch krank ist. Interviews mit Angehörigen unterschiedlichster Terrororganisationen in Nordirland, Kolumbien, Palästina, Spanien und Deutschland oder mit Dschihadisten ergaben, dass Terroristen geistig im Allgemeinen recht normal sind. Ja, ihre Zurechnungsfähigkeit ist geradezu eine "Einstellungs"-Voraussetzung. Dagegen vertragen sich erhebliche psychische Probleme nicht gut mit straffen Strukturen. Solche Menschen lassen sich kaum in Organisationen einbinden, man kann ihnen nicht blind vertrauen, denn sie agieren unberechenbar.

Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass Menschen mit psychischen Problemen nicht auch zum Attentäter werden können. Vor allem Einzeltäter, die sich ihren mörderischen Auftrag selber geben, sind häufig psychisch auffällig. "Von ›Lone Actors‹ spricht man in der Terrorismusforschung", sagt Jens Hoffmann, "weil der Begriff ›einsame Wölfe‹ romantisierend klingt und die Attraktivität der Taten erhöht." Der Psychologe berät Unternehmen und Hochschulen zum Thema Bedrohungsmanagement. Er verweist auf eine Studie des University College London, die zum Schluss kam, dass im Vergleich zwischen organisierten und einzeln agierenden Terroristen die Lone Actors 13-mal so häufig psychische Krankheiten aufwiesen. In einer anderen Erhebung unter extremen Rechten in den USA hatten 40 Prozent der Lone Actors psychische Probleme – und nur 8 Prozent der Mitglieder von gewalttätigen Gruppen. Einzeltäter mögen zwar häufiger psychisch auffällig sein, trotzdem sind sechs von zehn Attentätern, die auf eigene Faust agieren, völlig normal.

Trotz ihrer moralisch anormalen Taten sind Terroristen und Attentäter psychisch meistens genauso gesund wie Durchschnittsbürger. Aber zeichnet sie nicht wenigstens eine Charakterschwäche aus? Tatsächlich gelten rund 80 Prozent der "Suizid"-Attentäter (wobei Jens Hoffmann lieber von "Homizid"-Attentätern spricht, weil es diesen primär um die Ermordung anderer gehe) als zumindest abhängige oder emotional instabile Persönlichkeiten. Solche Menschen sind leichter von charismatischen, autoritären Figuren verführbar. "In der islamistischen Wolfsburger Zelle", sagt Hoffmann, "gab es jemanden, dem war es vor allem wichtig, einer Gruppe anzugehören. Als seine Kumpels nach Syrien gingen, ist er eben mitgegangen." Eine Zuordnung zu einem bestimmten Persönlichkeitstypus, warnen die Autoren des Fachbuchs Aggression and Violence, liefere nur unbefriedigende Erklärungen für Terrorismus.