Sie waren Leuchttürme des Wissens, heute sind sie vergessen: Deutschlands versunkene Hochschulen.

Uralt und lange schon Geschichte? Namen, die keiner mehr nennt? So ist es nun auch wieder nicht. Denn sie sind ja noch alle da, die ersten Universitäten auf dem Gebiet des einstigen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, und sie alle florieren prächtig: Prag, die älteste, gegründet 1348, zählt heute 50.000 Studierende, Wien (1365) 95.000, Heidelberg (1386) 30.000, und an Kölns Uni (1388) lernen 50.000 Menschen.

Aber wo ist das liebe Rinteln geblieben? Und Altdorf? Und Dillingen? Waren einstmals ebenso bedeutend, wenn nicht bedeutender. Kaum einer kennt sie noch, diese altehrwürdigen Universitäten, Helmstedts Academia Julia oder die Alma Mater Adolphiana in Fulda. Keiner trägt ihre stolzen Siegel auf T-Shirt und Laptop. Sie haben sich in Luft aufgelöst, wie nie gewesen.

Berühmte Professoren, berühmte Studenten. Im fränkischen Altdorf, an der Universität der mächtigen Reichsstadt Nürnberg, studierten Wallenstein, Leibniz und Pachelbel. In Helmstedt, im welfischen Athen, lehrte Giordano Bruno, der genialische Freigeist aus Italien, und Carl Friedrich Gauß wurde hier noch promoviert. An Herborns Academia Nassauensis war Comenius eingeschrieben. In Rinteln dozierten der barocke Polyhistor Chrysander und der Aufklärer Thomas Abbt (und auch ein weniger berühmter Eberhard Mittelmüller, der sich Eberhard Mesomylius nannte).

Vier Fakultäten mussten genügen

In Duisburg ist Gerhard Mercator Professor, der Mann, dessen Globen der Erde ein neues Gesicht geben. Zu den letzten Jurastudenten dieser Hochschule, die erst in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wiederaufersteht, gehört August von Kotzebue, der weltweit populärste Stückeschreiber der Goethezeit, die eigentlich Kotzebuezeit heißen müsste. Oder Ingolstadt, Bayerns Landes-Uni, die sich – über eine Zwischenstation in Landshut – nach München verabschiedete: Johannes Eck ist hier Lehrer, der brillante theologische Widerpart Luthers, dazu der Humanist Conrad Celtis und der legendäre Botaniker Leonhart Fuchs, nach dem die bezaubernde Fuchsie ihren Namen erhält. Und ein junger Schweizer hat hier ganz zuletzt noch Medizin studiert, Viktor Frankenstein.

Ganz zuletzt – das ist für die meisten dieser Hochschulen der Ausgang des 18., der Anfang des 19. Jahrhunderts. Da schließt sich das letzte Mal die Tür zum Vorlesungssaal in Helmstedt und Rinteln, Ingolstadt und Altdorf, in Duisburg und 1798 auch – zumindest für ein Jahrhundert, bis zur Wiedergründung 1919 – in Köln. Andere Universitäten treten an ihre Stelle, oder Hochschulen werden kurzerhand zusammengelegt. So fällt zu Beginn des 19. Jahrhunderts Wittenberg, wo Shakespeare seinen Hamlet studieren ließ, an Halle, und die Universität von Frankfurt an der Oder fusioniert mit Breslaus Akademie.

Nun dürfen wir uns die Hohen Schulen von damals nicht wie die Hochschulen von heute vorstellen. Als Massen-Uni gilt um 1780 vielleicht Göttingen mit knapp 900 oder Halle mit etwas mehr als 1.000 Studenten. Auch gibt es nicht arg viel zu studieren. Heute begehrte Fächer wie Kommunikationsmanagement mit Schwerpunkt Medien oder Medienmanagement mit Schwerpunkt Kommunikation zum Beispiel sucht man in Rinteln und Altdorf, aber auch in Tübingen und Leipzig um 1600 oder 1700 vergebens. Vier Fakultäten müssen meist reichen. Die Theologie thront als alleroberste und wichtigste, das versteht sich, schließlich sind etliche deutsche Staaten noch gleichsam Gottesstaaten, wo weltliches und religiöses Regiment ineinandergreifen. Dann folgt Jura, dann Medizin.

Dazu kommt die Artistenfakultät, die ein Grundstudium bietet. Hier werden die sieben freien Künste gelehrt, was zunächst mal Lateinbimsen heißt für alle, die es noch nicht können. Das Trivium, das triviale Zeug eben: Grammatik, Rhetorik, Dialektik. Ziel ist es, Latein zu sprechen wie eine lebendige Sprache. Denn das ist es ja damals in den Hörsälen, selbst wenn die Vorlesungen seit der Barockzeit zunehmend auf Deutsch gehalten werden. Sind diese Kurse absolviert, gibt es einige Grundzüge Arithmetik, Geometrie und Musik. Schließlich Astronomie, so weit die Augen und später dann die ersten Fernrohre reichen.

Allmählich erst entwickeln sich daraus die philosophische Fakultät, die wissenschaftlichen und technischen Studiengänge. Dafür werden oftmals eigene Schulen gegründet; beliebt sind auch Akademien, wo die Forscher unter sich bleiben. Die Universität soll ausbilden. Der Staat, das heißt die vielen, vielen deutschen Staaten und Stätlein brauchen Pfarrer (die zugleich die Lehrer sind), brauchen Juristen für den knospenden Verwaltungsapparat und Ärzte sowieso.

Davon abgesehen waren Universitäten wie heute Prestigeprojekte. So viele Lateinschulen, akademische Gymnasien und dergleichen es auch geben mochte, nur eine kaiserlich-päpstlich privilegierte Universität durfte die wichtigen Titel verleihen, nur sie genoss alle Vorrechte und akademischen Freiheiten wie eine eigene Gerichtsbarkeit.

Das musste man sich als deutscher Zaunkönig erst einmal leisten können: Hörsäle, Bursen, Bibliotheken. Und dann die Software: Professoren waren zu füttern, Studenten musste mit Stipendien und anderen Benefizien unter die Arme gegriffen werden. Eine Hohe Schule kostete, und wichtiger als Professoren und Studenten waren für den Staat allemal Offiziere und Rekruten, Pferde und Kanonen, gerade in Preußen.

In Altdorf gab es noch zwei Studenten der Medizin

So erklärt es sich, warum es um 1800 zum großen Universitätssterben kommt. Französische Revolution und Napoleons Kriege verändern die Deutschlandkarte. Etliche Staaten verschwinden, andere wachsen enorm. Das neue Königreich Bayern etwa verfügt plötzlich über ein halbes Dutzend Universitäten, auch Altdorf gehört dazu – wer soll die alle bezahlen? Im 1807 geschaffenen Königreich Westphalen, das weite Teile des heutigen Niedersachsen, Hessen und Sachsen-Anhalt umfasst, konkurrieren Rinteln, Helmstedt, Göttingen, Marburg und Halle miteinander.