Ende Oktober löste ich auf dem Flughafen von Erbil im Nordirak einen Alarm aus. Ich hatte nahe der Front, an der irakische Armee und kurdische Peschmerga gegen den "Islamischen Staat" (IS) kämpfen, eine Patronenhülse aus dem Staub geklaubt und eingesteckt, Kaliber 12,7 x 99, verschossen von einem schweren Maschinengewehr. Erst tags zuvor war dieser Abschnitt der Straße nach Mossul den Dschihadisten abgenommen worden. Ich wollte die Hülse mit nach Hause nehmen. Ich wollte das verdammte Teil als Briefbeschwerer auf meinen Schreibtisch stellen, etwas Greifbares in der Hand halten können, das belegt: Da wird etwas Handfestes, Reales, Tödliches gegen den IS unternommen. Der Sicherheitschef des Flughafens war nett; aber die Hülse blieb im Irak.

Der Wunsch, es könne so etwas wie eine silver bullet geben, um dem ganzen Schrecken ein Ende zu bereiten, ist natürlich naiv, nichts als eine hilflose Projektion. Der IS wird nicht durch einen Kriegseinsatz wieder aus unseren Leben verschwinden. Ich weiß das. Aber Ende Oktober war das Jahr 2016 schon derart angefüllt mit Terror – von Brüssel über Orlando bis Nizza; von Hannover über Würzburg bis Ansbach –, dass die Momente, in denen mich die professionelle Kühle verließ, häufiger geworden waren. Und der Anschlag in Berlin war noch gar nicht geschehen.

In keinem anderen Jahr habe ich so viele Nächte vor dem Rechner verbracht, um mich nach Anschlägen durch Dschihadistenforen zu wühlen, auf der Suche nach Hinweisen und Bekennerschreiben. In keinem anderen Jahr habe ich so oft gedacht: Sie sind schneller als wir, raffinierter. Und in keinem anderen Jahr war ich so oft wütend.

Ich war wütend, als ich Anfang 2016 in einer europäischen Hauptstadt mit den Leitern zweier Sicherheitsbehörden bei einem Hintergrundgespräch zusammensaß, die mir haarklein darlegten, wie desaströs es um den Informationsaustausch zwischen den Sicherheitsbehörden der EU und der Schengenstaaten bestellt ist. Wieso sind wir nicht besser? Ich war wütend, als im März 2016 dasselbe Netzwerk, das im November 2015 schon Paris so fürchterlich versehrt hatte, in Brüssel zuschlug, mit Selbstmordattentätern im Flughafen und in der U-Bahn. Wie konnte das passieren? Und ich war wütend, als immer klarer wurde: Der IS hat tatsächlich Kämpfer, als syrische Flüchtlinge getarnt, nach Europa entsandt. Wie viele genau? Wir wissen es nicht. Sicher ein Dutzend. Vielleicht aber auch drei Dutzend. Oder noch viel mehr?

"Hunderte", antwortete der Mann, der sich mir als "eine Art IS-Außenminister" vorgestellt hatte, auf diese Frage. "Ich weiß das." Das war ein halbes Jahr nach Brüssel. Es war der erste kühle Herbstabend im Nahen Osten. Ich erinnere mich deshalb so genau daran, weil er in dem Café, in dem wir uns verabredet hatten, einen Minztee bestellte, mit der Begründung, eine frühe Erkältung habe ihn erwischt. In einem Buch habe ich vor zehn Jahren mal geschrieben: Terroristen trifft man nicht zum Kaffee. Auch das stimmte also nicht mehr. Ich wünschte ihm gute Besserung. Darf man das, einem Terroristen gute Besserung wünschen? Auch darüber kann man einen Abend nachgrübeln.

Der erkältete Mann trug Anzug und gestreiftes Hemd, er hätte Politiker oder Geschäftsmann sein können. Eine Stunde lang erzählte er mir von der Ursuppe, aus der Jahre später der IS entstehen sollte. Der erste Feuerüberfall des sich formierenden Widerstandes auf die US-Armee in Falludscha. Die schleichende Dschihadisierung. Die Ankunft der ersten ausländischen Freiwilligen. Der Treueid auf Osama bin Laden. Er war dabei gewesen, in führender Rolle. Einige der heute wichtigsten IS-Kader, erzählte er, seien noch 2004 seine Untergebenen gewesen. Er nannte Namen, vieles war überprüfbar. Ich kann hier nicht in die Details gehen, aber der Mann ist, wer er zu sein behauptet. Er war auch sehr nett. Jedenfalls zu mir. Am Ende des Treffens, als ich meine Notizen durchging, hakte ich nach: Ich hatte eine Art Lebenslauf von ihm, aber es fehlten die Jahre 2005 bis 2007. Was er denn da gemacht habe? "Da habe ich Schiiten abgeschlachtet", antwortete er.

Ach so. Schiiten abgeschlachtet. Na klar.

Der erkältete Mann sprach über das Morden mit derselben Beiläufigkeit, mit der auch der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, Anis Amri, in seinem Bekennervideo über "Kreuzfahrer" und "Ungläubige" spricht: "Schweine", die es "abzuschlachten" gelte – sonst nichts.

Ich mache diesen Job seit siebzehn Jahren. Aber die Dosis von Hass und Vernichtungswillen, mit der ich in diesem Jahr konfrontiert wurde, hat mich erschüttert wie lange nichts mehr. Es ist ein Irrglaube, man verstehe Terroristen umso besser, je mehr man über sie wisse. Man weiß nur mehr über sie.

Wie lässt sich das Horrorkarussell des IS anhalten?

Das folgende Bild ist schief, ich weiß. Aber manchmal sehe ich vor meinem inneren Auge eine Art gigantisches Horrorkettenkarussell, das vom IS betrieben wird. Jeder kann einsteigen, mitmachen, sich hochschaukeln lassen. Das Karussell dreht sich immer schneller, hält niemals an, und die ganze Idee dahinter ist, dass ab und zu eine Sollbruchstelle nachgibt, ein Glied in der Kette birst – und wuuuusch, schießt dann einer mit irrsinniger Geschwindigkeit mitsamt seinem Metallstuhl in die Menge.

Im Februar 2016 ist es die 15 Jahre alte Safia S., die aus dem Karussell geschleudert wird; auf dem Hauptbahnhof in Hannover rammt sie einem Polizisten ein Messer in den Hals, angeblich angestiftet von einem IS-Mann in der Türkei. Im Juni folgt Omar M., der in einem Club in Orlando, Florida, 49 Menschen erschießt. Am 14. Juli fährt Mohammed L. in Nizza mit einem Lkw in eine Menschenmenge und tötet 86 Menschen. Am 18. Juli folgt Riaz K.: In der Nähe von Würzburg betritt er mit einer Axt einen Regionalzug, attackiert und verletzt vier Touristen. Eine Woche darauf, am 24. Juli, sprengt sich Mohammed D. im bayerischen Ansbach vor einem Weinlokal in die Luft.

Jeder dieser Anschläge ist auf seine Art eine Premiere. Safia S. begeht den ersten durch den IS inspirierten Anschlag in Deutschland. In Omar M.s Fall vermischt sich ein Drama um sexuelle und religiöse Identität mit halb verdauten Versatzstücken der IS-Ideologie: Amoklauf oder Anschlag? In Nizza führt der IS den Beweis, dass seine Aufrufe, mit simplen Methoden Zivilisten anzugreifen, zu gewaltigen Opferzahlen führen können. In Würzburg haben wir es mit dem ersten Fall zu tun, in dem sich ein junger Mann, der als Flüchtling nach Deutschland kam, augenscheinlich hier radikalisierte, nicht schon zuvor. Und Ansbach ist der erste Selbstmordanschlag auf deutschem Boden. Aus den Anschlägen von Ansbach und Würzburg lernen wir zudem, dass beide Angreifer online mit IS-Kadern in Kontakt standen, die sie in Echtzeit berieten: Hotlinesupport für Attentäter. Für den IS ist 2016 ein Jahr der grausamen Diversifizierung.

Wie lässt sich dieses Karussell anhalten? Wer hält es am Laufen? Im August dieses Jahres erleidet der IS einen Rückschlag. Abu Mohammad al-Adnani, der wortgewaltige Sprecher der Organisation und Urheber zahlloser Terroraufrufe, kommt bei einem Luftschlag der US-Armee in Syrien ums Leben. Al-Adnani war auch der oberste Verantwortliche für Anschläge im Westen, ein Mann mit sehr viel Blut an seinen Händen. Aber ist sein Tod wirklich ein gravierender Rückschlag? "Macht nichts, dass er tot ist!", sagen die IS-Mitglieder, die ich dazu befragen kann. Alles beim IS sei redundant, jeder Führer wisse, dass er im nächsten Moment sterben könne.

Haben sie recht? Ich weiß es nicht. Das Karussell läuft einstweilen weiter. Am 19. Dezember stehe ich in der verdreckten Wohnung dreier IS-Terroristen, die am Vortag in Kerak in Südjordanien zehn Menschen ermordet haben, Toastbrot und Schmierkäse sind noch da. Hier hatten sie Selbstmordwesten, automatische Waffen und Sprengstoff gehortet. Wenn sie nicht aufgeschreckt worden wären, hätten sie einen noch viel verheerenderen Anschlag begangen. Als ich am Abend zu Hause ankomme, erreichen mich die Eilmeldungen vom Anschlag in Berlin. Es sieht nicht aus, als gingen dem IS die Freiwilligen für sein Karussell aus.

Trotzdem besteht kein Zweifel, dass der IS 2016 geschwächt wurde. Er hat sehr viel Land und Geld verloren, Tausende seiner Kämpfer sind getötet worden, seit die internationale Allianz im Oktober die Schlacht um Mossul eröffnet hat. Jeden Tag bekomme ich eine E-Mail von Operation Inherent Resolve über die zuletzt getroffenen IS-Ziele. Sie ist eindrucksvoller als die ebenfalls täglich verbreitete Liste von Zielen, die der IS getroffen haben will.

Kleine Einblicke ins "Kalifat"

Neulich hat mir ein syrischer Informant eine SMS gezeigt, die europäische IS-Rekruten abgeschickt haben. Sie erkundigen sich darin bei der Rebellengruppe, zu der der Mann gehört, nach freiem Geleit, sie möchten aus dem IS-Gebiet fliehen. Das "Kalifat", es bröselt: Das ist eine gute Nachricht, nicht nur für jene, die unter IS-Herrschaft leben müssen. Aber der IS wird das überleben. Er wird sich zurückverwandeln in eine Guerillagruppe. Er wird noch auf Jahre eine Gefahr darstellen. In Syrien, im Irak, im gesamten Nahen Osten, im Westen.

Dieser Informant heißt F., ich habe ihn oft getroffen. F. ist ein Mann, von dem einige meinen, es könne ihn gar nicht geben, denn er ist ein "moderater Rebell". Er hat sich den Aufständischen angeschlossen, um gegen Baschar al-Assad zu kämpfen. Allerdings hat seine Gruppe zuletzt fast nur gegen den IS gekämpft. Das liegt einerseits daran, dass der IS versucht, sich in ihr Gebiet hineinzufressen. Das liegt andererseits an den westlichen und arabischen Geheimdiensten, die ausgewählte syrische Rebellen unterstützen – solange sie gegen den IS kämpfen.

F. ist durchtrainiert, trägt Dreitagebart und lange, zum Zopf gebundene Haare. Er freut sich, wenn man ihm Parfum aus dem Duty-free-Shop mitbringt. Die Begegnungen mit ihm werfen weniger moralische Dilemmata auf als Treffen mit IS-Leuten. Auch Rebellen begehen Kriegsverbrechen, aber von seiner Gruppe sind keine überliefert. Ab und zu zeigt F. mir Papiere, die seine Gefährten in Syrien erbeutet haben: kleine Einblicke ins "Kalifat". Manches ist fürchterlich banal. Ein russisches Dokument, gefunden in einem IS-Versteck, entpuppt sich als Einkaufszettel: Tasse, Toilettenpapier, Kuchen. Ein anderes stammt vom tadschikischen Justizministerium. Es gestattet zwei Eltern, offensichtlich ein Dschihadistenehepaar, mit ihrem Sohn, geboren 2013, aus Tadschikistan auszureisen. Ich muss an eine Anekdote über Hemingway denken, der angeblich gesagt hat, man könne aus nur fünf Wörtern eine Kurzgeschichte schaffen: "Babyschuhe abzugeben. Neu. Nie gebraucht." Ob die Tadschiken noch leben? Und wenn nicht: Sind sie dann nicht selbst schuld?

F.s Schwester hat auch kleine Kinder, zwei Töchter, ich habe sie kennengelernt. Wenn F. und ich im Wohnzimmer Nescafé trinken und einer von uns daish sagt, das arabische Wort für den IS, dann verlassen die Mädchen den Raum. Daish hat ihren Vater getötet.

F. ist immer freundlich. Aber vor allem ist er unendlich müde. Nichts geht voran. Manchmal glaube ich, in seiner Müdigkeit unsere eigene Müdigkeit zu erkennen: Wir müssen gegen den IS kämpfen. Während der IS gegen uns kämpfen will.

Am zweiten Weihnachtstag bin ich in Berlin frühmorgens zur Kieler Brücke gelaufen, an den Ort, an dem Anis Amri, der Weihnachtsmarktmörder, sein Abschiedsvideo aufgenommen hat. Warum? Keine Ahnung. Aber ich stand im Nieselregen auf der Brücke und war wütend. Ich weiß nicht, wie das nächste Jahr wird. Ich hoffe besser.

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