Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Die Welteindunklungsrunden häufen sich an Feiertagen. Mehr Zeit, mehr Rotwein, mehr Ruhe, aber auch mehr Besserwisserei. "Was für ein schlimmes Jahr", resümiert mein Tischherr seinen langen Monolog über den Untergang der alten Gewissheiten. Da kommt es von links hinten ganz zaghaft: "Für mich war es ein gutes Jahr." Ein gutes Jahr? Mit diesem Satz kann man heutzutage eine Tischgesellschaft durcheinanderbringen.

Der Baum von einem Kerl, der den Satz in die Runde schickt, legt nach. Sein Unternehmen, das er vor einigen Jahren unter hohen Risiken gegründet hat, läuft gut. Er hat hundert Leute eingestellt, ins Ausland expandiert. Seinem Wirtschaftszweig geht es prima. Das ist aber noch nicht alles. Er hat sich neu verliebt. Das war nicht mehr vorgesehen im Leben des Mannes, der so jung seine Frau verloren hat. Nun gibt es eine neue Familie – und die beiden Kinder der neuen Frau an seiner Seite haben ihn mit großen Herzen aufgenommen. Das Glück hat voll zugelangt.

Die Tischrunde verstummt. Darf man zwischen Terror und Krieg so eine Freude haben? Oder gelten nur private Freuden, während andere gute Nachrichten aufgewogen werden gegen all die schlechten? Oder ist es einfach nur Mode geworden, Ängste und Sorgen so zu züchten und zu düngen, dass sie sich wie ein Parasit auch noch über das kleinste Pflänzchen Zufriedenheit hermachen? Nach dem Motto: Jetzt bist du verliebt. Es könnte aber sein, dass sie dich im nächsten Jahr verlässt. Fehlt nur noch, dass jemand hinzufügt: Daran ist die Politik schuld. Wer macht denn so was?

Der unverschämte Glücksausbruch des Tischnachbarn hat die Stimmung kippen lassen. In ein Dankbarkeitsgespräch. "Du hast recht", sagt sein Gegenüber. "Meine Tochter hat das Abi geschafft. War gar nicht absehbar." Und der syrische Flüchtling, den ein paar Freunde begleiten, studiert nun Jura und gibt dem Jüngsten Nachhilfe in Mathe. So was gibt es.

Vielleicht wäre ein ausgewogener Blick auf die Welt an der Zeit. Keine rosaroten Brillen, damit machen wir uns lächerlich. Aber durch die Welt laufen wie Halbstarke, mit dunkel getönten Gläsern im Winter, ist eben auch nicht erwachsen. Und dann und wann eine Frage: Was ist der eigene Beitrag für unser aller künftiges Wohlergehen, außer bei gutem Essen alles besser zu wissen? Martin Luther hat einmal von einer Ethik der Dankbarkeit gesprochen. Das wäre für 2017 kein schlechtes Motto.