Bereits im vergangenen Jahr hatte das von Monika Grütters neu geregelte Kulturgutschutzgesetz viel Kritik und Verunsicherung ausgelöst, und auch 2016 ist es wieder das Topthema des deutschen Kunstmarkts gewesen. Alle reden darüber, nur wenige sind informiert. Viele Kunsthändler, Sammler sowie Juristen meinen, das Gesetz greife massiv in Eigentums- und Verfügungsrechte ein und auf den Kunsthandel kämen nun erhebliche Erschwernisse zu. Manche prophezeien sogar das Ende des deutschen Kunstmarkts. Wer Kunstwerke oder auch Antiquitäten ab einer bestimmten Wert- und Altersgrenze aus Deutschland herausbringen möchte, solle sich unbedingt beraten lassen, empfehlen Juristen.

In Schockstarre verharren wollten einige der Händler und Sammler freilich nicht. Sie handelten schnell und verlagerten ihre Kunstschätze nach London und Belgien oder in die Schweiz. Kunst im Wert von über einer Milliarde Euro sei abgewandert, sagen Eingeweihte der Kunstszene, die angesichts der aufgeheizten Situation namentlich nicht erwähnt werden möchten. Belege für solche Zahlen gibt es allerdings keine.

Die Kontroverse entzündete sich vor allem an den neuen Ausfuhrbestimmungen, nach deren Ankündigung Georg Baselitz kurz entschlossen Gemälde aus Museen in München, Dresden und Chemnitz abzog. Grütters stellte indessen klar: Es ist Verhandlungssache zwischen einem Museum und dem Künstler als Leihgeber, ob sein Werk als schützenswert deklariert wird. Zeitgenössische Kunst ist außerdem nicht betroffen, Urheber dürfen frei über ihr Werk verfügen. Die Befürchtungen von Künstlern wie Baselitz bewahrheiten sich also nicht. "Sein Vorgehen zu dem damaligen Zeitpunkt war, als alles noch sehr vage war, verständlich", heißt es aus der Kunstsammlung Chemnitz.

Galeristen und Sammler fürchten, dass unter Ausfuhrverbot gestellte Werke im Inland weniger gut zu verkaufen seien als etwa in London oder New York, wo internationale Kundschaft die Preise verlässlich anfeuert. Solch ein künstlich gedrücktes Preisniveau sei ein durchaus beabsichtigter Nebeneffekt des neu geregelten Gesetzes, sagt mancher Kunstliebhaber. Werden nun deutsche Museen, die auf dem globalen Kunstmarkt immer schwerer mithalten können, wieder als potenzielle Käufer auftreten? Dieser Gedanke scheint angesichts schrumpfender kommunaler Kulturbudgets eher als ferne Utopie.

Seit August wurde kein einziges Kunstwerk in die Liste des nationalen Kulturguts neu eingetragen

Am 1. August dieses Jahres ist das gefürchtete Gesetz in Kraft getreten, wie hat es sich nun konkret ausgewirkt? Gab es in diesem Herbst einen Preisverfall auf dem deutschen Kunstmarkt? Das Kölner Auktionshaus Lempertz schaffte ein im Vergleich zu 2015 um 2,8 Millionen Euro gestiegenes Jahresergebnis von 58,3 Millionen Euro – jedenfalls laut eigener Auskunft. Bernd Schultz vom Berliner Auktionshaus Grisebach konnte die erfolgreichste Auktion in der Geschichte seines Hauses mit 34 Millionen Euro Umsatz allein in einer Dezemberwoche bilanzieren: "Wir freuen uns, dass uns so viele besondere Kunstwerke anvertraut wurden – und dass der Markt bereit ist, dafür auch in Deutschland außergewöhnliche Preise zu zahlen."

Drei bedeutende Gemälde von Emil Nolde wurden in deutsche Privatsammlungen verkauft: zwei Blumen-Stillleben jeweils für 985 000 Euro und ein Meerbild für 1 225.000 Euro. Dass solche Werke des norddeutschen Expressionisten als national wertvoll eingestuft werden, sei unwahrscheinlich, sagt Hagen Wolf, Sprecher der Kulturstaatsministerin, weil Noldes Kunst schon vielseitig in Museen vertreten sei. "Nicht mehr als ein Prozent der zu prüfenden Objekte", so Wolf, seien davon betroffen, als "national wertvoll" klassifiziert zu werden.

Ein Blick auf die Datenbank national wertvollen Kulturguts zeigt, wie lasch und eher zufällig die Bundesländer ihre Listen bislang geführt haben: Gerade 2.700 Eintragungen in sechzig Jahren, darunter fast keine Werke der Gegenwartskunst. An dieser Praxis scheint sich auch bislang nichts verändert zu haben. Der Blick auf die Neueintragungen in die Listen zeigt: keine einzige Hinzufügung nach dem 1. August, nicht einmal in den großen Kunsthandelsregionen Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Berlin.

Über die schwierige Frage, was "identitätsstiftend für die Kultur Deutschlands" ist, soll künftig ein fünfköpfiges Expertengremium des jeweiligen Bundeslands entscheiden, dem Sammler sowie Sachverständige aus Museen, Wissenschaft und Kunsthandel angehören. Noch tagen die Gremien nicht. In einigen Bundesländern, wie in Hamburg, wurden sie in der neuen Form noch nicht einmal endgültig berufen.