Mehr noch als alles andere war Martin Luther ein Leser. Obwohl: Das Wort lesen ist viel zu harmlos. Die Bibel las er nicht, sondern pochte bei ihr an, stürmte gegen sie an. Um es mit einem zeitgenössischen Bild zu sagen: Luther las die Bibel, wie man eine Burg erobert. Er umkreiste und belagerte sie, suchte nach Mauerlücken, schlug Breschen, versuchte, in sie einzudringen, um sie für sich in Besitz zu nehmen. Am Ende aber hätte ihm alle Mühe nichts genützt, wenn diese Buchburg sich ihm nicht selbst geöffnet hätte. Als dies geschah und er den entscheidenden Vers aus dem Römerbrief des Paulus richtig verstand, da fühlte er sich "ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten".

Wie er selbst gelesen hat, so intensiv schrieb Luther für andere. Lesend sollten die Menschen ein neues Leben gewinnen. Der neue Buchdruck half ihm dabei. Seine Bücher waren Erfolge, wie sie kein Autor je wiederholen sollte. Auf dem Höhepunkt seines Bestsellerruhms, im Jahr 1523, erschienen in Deutschland dreimal so viele Bücher wie in Frankreich und Italien zusammen – die meisten von ihm. Man bedenke: Für viele Käufer einer Luther-Schrift war dies das erste eigene Buch. Luther selbst war von den hohen Auflagen abhängig, aber nicht weil er für Geld geschrieben hätte. Er schrieb um sein Leben. Die Bekanntheit, die ihm seine Schriften einbrachten, rettete ihn und die Reformation vor der vernichtenden Gewalt der päpstlichen Ketzerbekämpfer.

So waren in diesem seltenen Moment, als Bücher tatsächlich die Welt verändert haben, die ersten Protestanten vor allem Leser. Besser gesagt und nach einem biblischen Vorbild: Sie waren Buchfresser. Dem Seher Johannes war in einer Vision ein Engel erschienen, der ihm ein Buch brachte und ihm befahl, es zu essen. Also las Johannes das Buch nicht, sondern verleibte es sich ein. Wie er das tat, kann man auf einem Bild von Albrecht Dürer sehen: Es war kein vornehmes Verspeisen, sondern ein gieriges Verschlingen. Genauso war in der Reformationszeit das Lesen ein radikal-existenzieller Akt. Das Glück des eigenen Lebens hing von der richtigen Lektüre ab. Die konnte einem zur Pforte ins Paradies werden oder – wie im Fall von Luthers späten Judenschriften – ein Tor zur Hölle auftun. Ob in Deutschland jemals wieder so gelesen wurde?

Ein Rest davon hat sich immerhin bewahrt: Das Reformationsjubiläum findet vor allem auf dem Buchmarkt statt. Immer noch ist der Protestantismus eine Konfession des Buches. Allein durch die Schrift – zum Christen wird man durchs Lesen. Wer liest, löst sich von seiner Alltagswelt, versenkt sich in Geschichten, sucht in ihnen Sinnbotschaften, bildet sich in einem vertieften Sinne, verbindet sich zugleich mit anderen Lesern zu einer unsichtbaren Gemeinschaft und grenzt sich von anderen Gruppen ab. Das Lesen der Bibel, des Gesangbuchs, von Erbauungsschriften, später auch von schöner Literatur wurde für Protestanten zu einer religiösen Handlung, die ihnen mindestens so wichtig war wie der Gottesdienstbesuch.

Man kann die Neuerscheinungen zur Reformation als eine unbewusst-bewusste Fernwirkung dieser Lese-Frömmigkeit deuten. Aber es sind zu viele. Man nähert sich ihnen nicht in der Hoffnung, dass einem hier die Pforte zum Paradies geöffnet wird. Eher seufzt man: Wer soll das alles lesen? Manches erscheint wie eine Pflichtübung, anderem merkt man das kommerzielle Kalkül an. Einverleiben kann man sich das alles nicht. Vieles wird unverdaulich bleiben. Das gilt besonders für die Luther-Schriften, die nun in populären Fassungen auf den Markt gebracht werden. Soll man die 95 Thesen lesen, nur weil sie 500 Jahre alt geworden sind? Zurück zu den Quellen? Die Reformation ist eine fremde Welt, zu der man durch Bücher keinen direkten Zugang mehr gewinnt. Sie kann schwindlig machen, als schaute man von einem Gipfel in einen Abgrund.

Doch kann man auch schöne Entdeckungen machen. So hat das Jubiläum eine Reihe älterer Gelehrter dazu bewegt, ihre Lebensarbeit mit einem Meisterwerk zu krönen. Der Münchner Kirchenhistoriker Reinhard Schwarz (Jahrgang 1929) hat mit Martin Luther. Lehrer der christlichen Religion eine Gesamtdarstellung seiner Theologie vorgelegt, die zeigt, dass der Reformator nicht der erste Wutbürger der Neuzeit war, sondern ein subtiler und sensibler Religionsdenker. Ein Denkmal historischer Gerechtigkeit ist die voluminöse Thomas-Müntzer-Biografie, die Siegfried Bräuer (Jahrgang 1930) und Günter Vogler (Jahrgang 1933), zwei ostdeutsche Historiker, geschrieben haben. Ihre minutiöse Recherche zeigt, wie wenig wir heute von diesem radikalen Geist wissen können, der politisch so vielfach vereinnahmt wurde.

Ein besonderes Leseereignis ist Der Prophet der Deutschen des Kölner Germanisten Norbert Mecklenburg (Jahrgang 1943). Er hat die literarischen Versuche über Luther der letzten 500 Jahre gesichtet und zieht eine düstere Bilanz. Mecklenburg zeigt, warum all die Luther-Romane, -Dramen und -Gedichte nicht gelingen konnten: Sie waren ihrem Gegenstand – dem religiösen Intellektuellen, Sprachgenie und abgründigen Menschen wie der politischen Figur – nicht gewachsen. Ihrer ästhetischen Armseligkeit entsprach ein Übermaß an ideologischer Verblendung: aggressiver Kitsch. Nur ein Text hält dem Urteil stand, Heinrich Kleists Novelle Michael Kohlhaas, in der Luther als signifikante Nebenfigur auftaucht. Mecklenburgs Sichtung der Luther-Literatur ist eine scharfsinnige Ideologiegeschichte.