Für die Republik Österreich war das Universum zu groß. Einen halben Meter hoch war der Papierstapel, den Rudolf Wakolbinger durch die Gänge der Kunstsektion des Bundeskanzleramtes am Wiener Concordiaplatz geschleppt hatte, um sein Werk für ein Stipendium einzureichen. 1,6 Millionen Notenzeichen, 1.036 Stimmen und 16 Kilogramm Papier zogen an seinen Händen. Nichts weniger als die größte Partitur der Welt brachte der Komponist den Beamten ins Haus, versehen mit einem Titel, den man nur als akuten Anfall künstlerischer Hybris verstehen konnte: Expansion of the Universe.

Vom Urknall bis ins Heute, 13,8 Milliarden Jahre, vertont zu einem 13,8 Minuten langen Stück Musik. In der Einreichstelle wusste man nicht so recht, wie mit diesem Monstrum zu verfahren sei. "Sie hielten das anfangs für einen Scherz", erinnert sich Wakolbinger an jenen Tag vor drei Jahren. Es bedurfte einiger Erklärungen, bis der Notenturm seinen Eingangsstempel erhielt.

Die Entstehung von Materie und Energie zu vertonen, die Geburt der Galaxien und Sterne mit Klängen zu bannen – das geht weit über jene Musikstücke hinaus, die bislang vom Gewese im Weltall inspiriert waren. Karlheinz Stockhausen, der Meister sphärischer Tonschöpfungen, versuchte in seinem Sternklang, einzelne kosmische Phänomene auszudeuten. Doch eine detaillierte Klangkartografie mehrerer Milliarden Jahre ins Werk zu setzen, das war noch niemand in den Sinn gekommen.

Wien Landstraße, eine Sackgasse in der Nähe des Arenbergparks, seit sechs Jahren lebt Rudolf Wakolbinger hier in einer Wohnung in einem aschfahlen Quader aus den 1960er Jahren. Erdgeschoss, 30 Quadratmeter, Zimmer-Küche. Vor dem Fenster: die Minimalvariante eines Ausblicks, eine Mauer mit einem Hauch Himmel obendrauf. Das Weltall ist hier sehr weit weg.

"Meine größte Sorge war, dass das alles wie futuristischer Mist klingt", sagt der 33-Jährige, während er sich eine Zigarette dreht. Frank Zappa blickt von einem der drei Computerbildschirme auf Bett, E-Schlagzeug, Keyboard und zwei Schreibtische. Alles ist zweckmäßig, überordentlich auf den einzigen Bewohner ausgerichtet.

Der ist ein schmächtiger, nachgerade luzider Zeitgenosse, der fast peinlich berührt wirkt, wenn er von seinem Musikstück erzählen soll. Drei Jahre hat er sich daran abgearbeitet, hat Astrophysik, Mathematik und neu entwickelte Kompositionstechniken verschmolzen. "War das eine Problem gelöst, ist das nächste aufgetaucht. Es hat sich wie ein unendlicher Kampf angefühlt."

Der hat für den gebürtigen Braunauer bereits mit 14 Jahren begonnen. Während seine Schulkameraden in Einfamilienhaus-Kellern ihre Teenager-Bands gründeten, schrieb der Autodidakt seine ersten klassischen Kompositionen nieder. Rasch arbeitete er sich von Johann Sebastian Bach zum zeitgenössischen Kanon vor. Zwölftontechnik, Polyrhythmik, die Beziehungen zwischen Musik und Mathematik. In einer Innviertler Kleinstadt braucht es nicht mehr, um als Außenseiter zu gelten.

Die Höhere Technische Lehranstalt schloss er wie zum Trotz mit Auszeichnung ab, ging dann nach Wien und begann am Prayner Konservatorium ein Studium der Komposition. Im Jahr 2010 schloss er die Hochschule ab, wieder mit Auszeichnung. Wakolbinger dreht sich gerade eine neue Zigarette, zuckt kaum merklich mit den Schultern: "Das Diplom habe ich nie abgeholt."

Es war die Zeit, in der er sich gerade daranmachte, zwei Gedanken miteinander zu vereinen. Der eine, das war die mikrotonale Musik, die ihn schon seit Jahren umtrieb. Sie nutzt jene Teiltöne, die etwa auf einer herkömmlichen Klaviatur keinen Platz finden. "Dabei fiel mir auf, dass die erzeugten Klänge sehr erhaben, irgendwie gleißend wirkten. Da war zum ersten Mal die Verbindung mit Sternen, dem Weltall da."

Der andere Impulsgeber war der Besuch eines Konzerts zeitgenössischer Musik. Was wäre, fragte sich Wakolbinger, wenn die Klänge nicht von einer einzigen Quelle, eben von der Bühne herab, ausgesendet würden? Wenn man das Orchester kreis- oder glockenförmig im Raum positionieren könnte, um den Tönen eine mehrdimensionale Tiefe zu verleihen? Mit Musikern konnte er das nicht umsetzen. Mit Dutzenden einzeln ansteuerbaren Lautsprechern schon. Die Idee von der quasi schwebenden Klang-Installation, verquickt mit den sphärischen Tönen, ließ ihn nicht mehr los. Jetzt brauchte er nur noch eine Vorlage – die er in Mikrowellenfotos der Raumfahrtbehörde Nasa fand.