... der Macht der Ossis?

Joachim Gauck tritt ab. Aber Ost-Politiker sind gefragt wie nie

Wenn Joachim Gauck im März aus Schloss Bellevue auszieht, endet nicht nur seine Amtszeit als Bundespräsident. Es endet auch die Ära, in der zwei Ostdeutsche die wichtigsten Ämter der Republik besetzten. Das Paradoxe (und gleichzeitig auch Joachim Gaucks großes Verdienst) ist jedoch: Der Einfluss ostdeutscher Politiker ist so selbstverständlich geworden, dass es gar keinen Ost-Präsidenten mehr braucht.

Noch im April (ZEIT Nr. 16) diskutierten wir auf diesen Seiten: Soll Gauck weitermachen?

Inzwischen ist die Entscheidung gefallen, er wird es nicht tun. Aber das, was er tun musste, hat er ja geschafft: Er hat das Gegenbild zum demokratiefernen, bösen Osten geprägt. Er war selbst das sichtbarste Zeichen, dass es auch einen demokratieliebenden, freiheitsverteidigenden Osten gibt. Gauck sprach vom "Dunkeldeutschland", das ihn erschrecke. Er hatte kein Verständnis für Pegida und Co. Er rate dazu, sagte Gauck, "manche Phänomene nicht größer zu machen, als sie sind". Da konnten Rechtspopulisten noch so wüten, er wollte das Gegenmodell leben.

So diente er als Beispiel und Beleg für die Vielfältigkeit der neuen Länder. Das war wichtig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 1 vom 29.12.2016.

Heute scheint es niemandem mehr auch nur aufzufallen, dass Ostdeutsche in der Bundespolitik überproportional stark vertreten sind. Vier von sechs Parteien werden mit ostdeutschen Spitzenkandidaten in die Bundestagswahl ziehen. Und neue Bundespräsidentin wäre nach dem Willen der CDU beinahe die nächste Ost-Frau geworden: Marianne Birthler. Sie sagte ab. Dass sie das so frank und frei tun konnte, ist nur der letzte Beweis dafür, wie selbstverständlich es inzwischen ist, Ostdeutschen Spitzenämter anzubieten. Sie müssen sie nicht mal mehr annehmen.

Von Anne Hähnig