Anita Fetz ist SP-Ständerätin in Basel. © privat

Die Schweiz ist ein rohstoffarmes Land. Mit zwei Ausnahmen: Wir haben Wasser und Salz. Das war nicht immer so. Über Jahrhunderte mussten die alten Eidgenossen das Salz einführen, das sie für ihre Käserei, ihre Viehzucht oder die Konservierung von Nahrungsmitteln brauchten. Und zwar in rauen Mengen. Die ersten Bilateralen schloss die Eidgenossenschaft mit dem Königreich Frankreich nach der Niederlage von Marignano. Dabei ging es ebenso um Söldner-Export wie auch den privilegierten Zugang zum weißen Gold. Ja, für Salz wurden hierzulande sogar Kriege geführt. Die Berner eroberten einst Teile der Waadt, weil es dort eine Salzquelle gab. Und ausgerechnet im Kantonsparlament von Bern ist nun ein Vorstoß hängig, der den Austritt aus dem sogenannten Salzkonkordat fordert. Es sei ein "Relikt aus dem Mittelalter".

Denn das Recht, mit Salz zu handeln, liegt in der Schweiz traditionell bei den Kantonen. Unterdessen sind sie alle an den Schweizer Salinen beteiligt, die ihr Monopol verwalten und das Salz zu gleichen Bedingungen in alle Regionen, bis in den hintersten Krachen liefern. Jahr für Jahr wird der damit erzielte Gewinn nach einem bestimmten Schlüssel unter den Kantonen aufgeteilt. Heute ordern die Gemeinden und Kantone vor allem Salz für den Winterdienst auf ihren Straßen. Ein paar Berner Großräte würden dabei gerne etwas sparen – und ihr Salz im Ausland einkaufen.

Mir ist das kantonale Salzmonopol nicht so wichtig. Aber ich finde den Versuch absurd, allein um Liberalisierungsgelüste zu befriedigen und wegen einer Mini-Sparaktion kurzerhand ein schweizweites System zu sprengen, das sich im Großen und Ganzen bewährt hat – anstatt es dort zu verbessern, wo man es verbessern könnte. Nichts hindert die Kantone daran, ihre Gewinnanteile aus dem Salzhandel an die Gemeinden weiterzugeben, damit diese ihre Straßen günstiger schneefrei halten können. Es hindert die Kantone auch nichts daran, die Einfuhr von besonderen Speisesalzen wie dem Fleur de Sel oder dem Himalaya-Salz vom Monopol auszunehmen; oder unbürokratischer Einfuhrrechte zu erteilen.

Was die Handvoll Berner Großräte aber wollen, ist unterm Strich ein Akt der Entsolidarisierung. Dass ein solcher Vorschlag ausgerechnet aus dem Kanton Bern kommt, ist doch erstaunlich. Kein Kanton profitiert in der Summe stärker von der Solidarität der restlichen Schweiz. Die Berner erhalten Jahr für Jahr über eine Milliarde Franken aus dem Finanzausgleich, das ist bekannt. Was nur wenige wissen: Der Löwenanteil der Agrarsubventionen fließt ebenfalls in diesen Kanton. Jährlich über eine halbe Milliarde Franken erhalten die Landwirte zwischen See- und Oberland. Auch sie rufen gerne lautstark nach eidgenössischer Solidarität, sind sich dann aber handkehrum nicht zu schade, ihren Dünger oder ihr Kraftfutter aus dem Ausland heranzukarren.

Keine Frage: Ohne Solidarität könnte man die Schweiz viel schlanker, viel billiger organisieren und Abermilliarden einsparen. Aber genau das wollen wir als Willensnation nicht. Weil es die Solidarität ist, die unser Land zusammenhält – auch im neuen Jahr.