Es war jedes Jahr das Gleiche: Weihnachten war gekommen, Weihnachten war vergangen, und wie immer saß Bruno am 27. Dezember mit seinen Eltern am Kaffeetisch, obwohl niemandem schon wieder nach Essen zumute war. Sein Vater hatte an diesem Nachmittag sogar seinen Hosenknopf geöffnet, weil sein Bauch ein bisschen gewachsen war und die Form einer halben gebratenen Gans angenommen hatte. Und wie in jedem Jahr um diese Zeit klopfte genau dieser gänsebäuchige Vater mit einem Spekulatius gegen seine Kaffeetasse und rief: "Meine Dame, mein Herr, aufgepasst! Jetzt, zwischen den Jahren, unternehmen wir ausnahmsweise mal nichts. Ganz und gar überhaupt nichts, versteht ihr? Wir ruhen uns einfach nur aus." Und zum Ende seiner sehr kleinen Rede gähnte er ein kolossales Gähnen, nur um zu zeigen, wie dringend er Ruhe nötig hatte.

Wie, fragte sich Bruno, konnte jemand allen Ernstes beschließen, an diesen farblosen Tagen nichts zu unternehmen? Und das Jahr für Jahr? Die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester war so fad wie lauwarme Graupensuppe: Man hatte sich an alle Geschenke gewöhnt, das nächste Weihnachtsfest war meilenweit entfernt, und im Fernsehen kamen nur Kochsendungen und Liebesfilme. Die Tage zogen sich hin wie Zimtkaugummi und waren so anstrengend langweilig, dass man sie nur rein zufällig überlebte.

Bruno hatte sich in den letzten Jahren jedes Mal auf die Erfindung von Zeitmaschinen konzentriert. Er träumte von einem Gerät, mit dem er diese Zimtkaugummitage einfach überspringen konnte. In jedem Jahr war es eine andere Erfindung gewesen, und Bruno hatte sich längst nicht nur herkömmliche Zeitmaschinen wie umgebaute Telefonzellen oder Duschkabinen ausgedacht. Zu seinen Erfindungen zählten auch Zeitreisekekse, Zeitreiseknöpfe für den Fahrstuhl, ein Zeitreisefahrrad und sogar eine Körpercreme mit Zeitreisefunktion. Allerdings hatte Bruno nie mehr als ein paar Zeichnungen, Pläne und Rezepte geschafft, weil die Tage zwischen den Jahren dann irgendwie doch ohne Zeitmaschinenhilfe vergangen waren.

Zwischen den Jahren, so nannten die meisten Leute diese Zeit. Seltsam, fand Bruno. Die langweiligen Tage fingen schließlich im alten Jahr an und hörten im alten Jahr auf, nämlich zu Silvester. Sie hätten im Leben nicht zwischen zwei Jahre gepasst, nicht mal, wenn sie so dünn wie Schinkenwurst gewesen wären, extrafein geschnitten.

Bruno hatte schon einige Leute gefragt, was es mit diesem eigenartigen Ausdruck auf sich hatte. Aber sein Vater hatte jedes Mal nur geantwortet: "Mein jüngster und einziger Sohn, ich bitte dich, das ist die beste Zeit des Jahres, wen kümmert da eine Bedeutung?" Und seine Mutter hatte lediglich bemerkt: "Wie der Name schon sagt", so wie immer, wenn sie keine Lust zum Nachdenken hatte. Brunos Großmutter war sogar zum Badezimmerspiegel gerannt, als Bruno die Zeit zwischen den Jahren erwähnt hatte. Sie war schwerhörig und glaubte, sie hätte etwas zwischen den Zähnen.

Und jetzt saß Bruno am Kaffeetisch, betrachtete die Stirnfalten auf der Haut seines Kakaos und überlegte. Im Kopf ging er seine Zeitmaschinen durch. Würde ihm vielleicht eine von ihnen dabei helfen, zwischen die Jahre zu reisen? Ganz kurz, damit er herausfinden konnte, was das eigentlich war und wo sich dieses Stückchen Zeit befand? Aber je länger er nachdachte, desto mehr begriff er, dass keiner seiner früheren Pläne dazu taugte. Zeitreisehilfsgeräte waren für Zwischenräume einfach nicht geeignet.

Bruno seufzte und sah auf. Sein Vater hatte den Tisch verlassen, und seine Mutter war damit beschäftigt, die alten Kalender von der Wand zu nehmen, jetzt schon. Achtlos warf sie das alte Jahr auf den Boden, wo sich ein immer größerer Stapel bildete – Marmeladenkalender und Bluthochdruckkalender aus der Apotheke, Blumenkalender und Witzekalender und Kalender mit den schönsten Bahnhofsbäckereien des Landes.

Während Brunos Mutter nagelneue Kalender aufhängte, schaute sich Bruno die alten Exemplare an: Monate, Monate, Fotos, kleine Notizen: "14 Uhr Fußpflege", "dringend Sparkasse, Aufstehen nicht vergessen". Er blätterte und strich Eselsohren glatt, blätterte und wischte über Fettflecken, und immer wieder blieb er zwischendurch an der waschbärgrauen Pappe hängen, die sich zwischen dem Dezemberblatt und dem Deckblatt des Kalenders befand, gewissermaßen zwischen ... Dezember und Januar? Das war ja zwischen den Jahren! Gut, zwischen ein und demselben Jahr. Aber trotzdem.

Die Pappe passte jedenfalls genau dazwischen. Und oben rechts stand in lila Stempelfarbe ganz klein: Kalenderfabrik H. G. Wellatzki und Töchter, Doktor-Braun-Straße 9, darunter Brunos Stadt. Würde ... sollte ... könnte dieser H. G. Wellatzki ihm vielleicht erklären, was es mit dieser sonderbaren Zeit zwischen den Jahren auf sich hatte – und wo sie zu finden war?