DIE ZEIT: Frau Sommaruga, sind Sie froh, wenn dieses Jahr endlich vorbei ist?

Simonetta Sommaruga: Ich freue mich auf ein paar Tage Pause.

ZEIT: War 2016 in Ihren Augen ein annus horribilis?

Sommaruga: Es war ein intensives Jahr. Was mich zurzeit stark beschäftigt, ist die Situation in Aleppo. Ich kann und ich will nicht verstehen, dass die Staatengemeinschaft nicht fähig ist, die Menschen dort zu schützen. Und aktuell, natürlich: der Terroranschlag in Berlin.

ZEIT: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie hörten, ein Lkw sei in einen Weihnachtsmarkt gedonnert?

Sommaruga: Ich war schockiert. Da bringt jemand wahllos Menschen um, fährt sie willentlich zu Boden. Ich spürte in mir ein Mischung aus Trauer, Entsetzen, aber auch Wut: Das lassen wir uns nicht gefallen!

ZEIT: Wann gehen die Gedanken weg von den persönlichen Gefühlen hin zur Frage: Was bedeutet das für mich als Bundesrätin?

Sommaruga: Als Bundesrätin muss ich mir die Frage täglich stellen, nicht nur in so einem Moment. Wie kommt ein solch unglaublicher Hass in einem Täter zustande? Es ist unsere Aufgabe, Antworten zu finden, wie wir diesen Hass und damit solche Anschläge verhindern können.

ZEIT: Haben Sie darauf eine Antwort?

Sommaruga: In der Schweiz arbeitet der Bund intensiv mit den Kantonen und den Gemeinden zusammen, um möglichst früh zu erkennen, wenn sich eine Person radikalisiert. Die Behörden machen im Rahmen des Gesetzes alles, um einen Anschlag zu verhindern. Aber vollkommene Sicherheit gibt es nie. Das ist der Preis, den wir für unsere offene Gesellschaft zahlen.

ZEIT: Der mutmaßliche Attentäter soll als Flüchtling nach Deutschland gekommen sein. Die AfD wirft Angela Merkel vor, es klebe Blut an ihren Händen. Wie beeinflusst so ein Anschlag im Nachbarland Ihre eigene Politik?

Sommaruga: Es ist leider so, dass gewisse Leute versuchen, aus solchen Anschlägen politisches Kapital zu schlagen. Ich zähle darauf, dass die Schweizer Bevölkerung hier unterscheiden kann. Wir dürfen den Blick jetzt nicht verengen. Gegen den Terror gewinnen wir nicht, indem wir die Grenzen schließen. Gleichzeitig gilt selbstverständlich: Wer in der Schweiz Schutz sucht und aus einem Risikostaat kommt, wird vom Nachrichtendienst überprüft.

ZEIT: Deutschland reagierte im Spätsommer 2015 fast euphorisch auf die ankommenden Flüchtlinge, später kippte die Stimmung. Sie aber blieben immer sehr nüchtern, wieso?

Sommaruga: Es gibt nur eine Möglichkeit, eine glaubwürdige Asylpolitik zu betreiben. Man muss der Bevölkerung immer wieder zeigen: Wer Asyl braucht, der kann bleiben, wer den Schutz nicht braucht oder ihn missbraucht, muss gehen. Das war auch das Ziel der Asylgesetzrevision, zu der die Bevölkerung 2016 Ja gesagt hat.

ZEIT: War das nicht schieres Glück? Die Flüchtlingstrecks zogen halt an der Schweiz vorbei.

Sommaruga: Hohe oder niedrige Asylgesuchzahlen sind nicht eine Frage von Glück oder Pech, sondern hängen von zahlreichen Faktoren ab: Wo die Konfliktherde liegen, auf welchen Routen die Menschen fliehen, wo es welche Diaspora gibt und welche Asylpolitik ein Land betreibt. Dazu gehört auch, ob und wie wir die Ursachen für die Migration angehen. Davon würde ich gerne öfter lesen. Ich war kürzlich in Äthiopien. Das Land nimmt Abertausende Flüchtlinge aus Somalia, Eritrea und dem Südsudan auf, hat aber selber eigentlich zu wenig Wasser und leidet an einer Hungersnot. Mit der Hilfe vor Ort kann die Schweiz einen wichtigen Beitrag leisten. Nicht um sich – wie manche sagen – die Menschen vom Hals zu halten, sondern um zu verhindern, dass sie sich den Schleppern ausliefern und eine gefährliche Reise nach Europa unternehmen müssen. Diese Menschen sollen in ihrer Herkunftsregion eine Zukunft haben.

ZEIT: Ob solche Projekte tatsächlich dazu führen, dass weniger Menschen nach Europa kommen, können Sie allerdings nicht belegen.

Sommaruga: Nein, messen kann man das nicht. Aber es gibt immer wieder konkrete Resultate, die ermutigen: Die Schweiz unterstützt zum Beispiel in Sri Lanka die Berufsausbildung von jungen Leuten. Als ich diese frisch ausgebildeten Coiffeusen oder Sanitäre vor einigen Monaten besuchte, sagten sie mir: "Dank dieses Jobs kann ich hierbleiben."

ZEIT: Reicht das?