Auch die Literatur, hört und liest man allenthalben, habe sich unter die Walze der Globalisierung begeben, opfere Diversität einem sprachlichen und formalen Einheitsbrei, dem man nicht anmerke, ob er in Boston, Tokio, Kapstadt, Reykjavík, Baku oder Berlin zusammengerührt wurde. Alles klinge irgendwie gleich. Vor allem die Romanliteratur, die sich am besten ins Ausland verkaufen lässt.

Da ist was dran. Übersehen lässt sich nicht, dass das Modell der American Novel mit ihrem familiären Mikrokosmos zahlreiche internationale Nachahmer findet. Aber so ganz stimmt es doch nicht. Es ließe sich auch die Gegenrechnung aufmachen und ein Dutzend literarischer Neuerscheinungen aufzählen, die ohne den Background ihrer jeweiligen kulturellen Herkunft kaum vorstellbar sind. Beispielhaft ist die österreichische Literatur mit ihren vitalen Eigenheiten und ästhetischen Traditionen. Reinhard Kaiser-Mühleckers poetische Tiefenentspanntheit verdankt sich unverkennbar der Schule Adalbert Stifters und Peter Handkes, von dem er sogar die Sprechweise verblüffend genau übernommen hat. Er stand diesen Herbst mit Fremde Seele, dunkler Wald auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Immerhin auf die Longlist schaffte es die 1984 in Linz geborene Anna Weidenholzer.

Sie wird sicherlich den einen oder anderen psychologischen Realismusriesen von Jonathan Franzen gelesen haben. Aber im eigenen Schreiben beeindruckt hat sie das nicht. Ihre Literatur erblüht eindeutig unter österreichischer Sonne. Wo sonst gibt es diese Mischung aus Tiefsinn und Verblödelung, diesen vor Trockenheit herb knarzenden Ton, diesen Esprit, unter dem sich der Abgrund des Fatalismus auftut. Weidenholzer hat lapidare Pointen und aphoristische Lebensweisheiten auf Lager, die von Tante Jolesch sein könnten: "Wenn nichts gelingt, ist es besser, man lässt den Tag gewesen sein." Oder: "Er war ein Freund der Menschheit, aber nicht der Menschen." Sie schätzt Figuren von enormer Durchschnittlichkeit, weil sich an ihnen das Absonderliche besonders gut herausarbeiten lässt.

Schon Weidenholzers Buchtitel sind ein Versprechen auf eine gewisse skurrile Schrägheit. Der Winter tut den Fischen gut hieß der Roman, der sie 2012 in Deutschland bekannt machte und das Leben der arbeitslosen Textilfachverkäuferin Maria im zeitlichen Rückwärtsgang ablaufen lässt. In ihrem neuen Roman Weshalb die Herren Seesterne tragen unternimmt der pensionierte Lehrer Karl Herrmann, der vor dem Zubettgehen in einen Pyjama schlüpft, auf dessen Oberteil eine gähnende Löwin aufgedruckt ist, ein ambitioniertes Forschungsprojekt. Karl möchte das Bruttonationalglück seines Landes, zweifellos Österreich, eruieren und zwar am Fallbeispiel eines zufällig ausgewählten Ortes. Sein Vorbild ist die Glücksstatistik des fernöstlichen Bhutan. Klingt ein bisschen irre, entspricht aber der historischen Realität. Im Jahr 1972 setzte der König von Bhutan tatsächlich eine "Kommission für das Bruttonationalglück" seines Landes ein. Ausgestattet mit umfangreichen Fragebögen, strömten Dutzende von Interviewern durch Bhutan und erkundigten sich nach dem Glück der Untertanen.

Mit ebendiesen Fragebögen in der Tasche quartiert sich Karl Herrmann nun im Hotel Post in einem Skiort ein. Es ist ein Skiort ohne Schnee, Karl im Hotel der einzige Gast, sein Forschungseifer von körperlicher Unterkühlung bedroht. Die Wirtin, die das Hotel in Gesellschaft ihrer Hündin Annemarie allein bewirtschaftet, genauer gesagt: seinen Niedergang verwaltet, hat die Heizung aus Gründen der Kostenersparnis abgedreht. Das objektive Unglück ihrer ökonomischen Existenz, wie das des ganzen Ortes, liegt offen zutage, ohne dass der Roman hierfür raumgreifende Kommentare benötigte. Es dauert ein paar Tage, bis die Wirtin ihr Misstrauen ablegt und bereit ist, dem seltsamen Gast als erstes Befragungsobjekt zur Verfügung zu stehen.

"Welchen Schulabschluss haben Sie?, fragt Karl in die Stille hinein. Handelsschule, sagt die Wirtin und schlägt erneut mit dem Zuckerpäckchen gegen den Tisch. Wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn man verlassen wird?, fragt sie." Ob Karl dies weiß, ob seine Ehefrau Margit, mit der er in beständigem inneren Dialog steht, tatsächlich oder nur als Hirngespinst existiert, das lässt der Roman in der Schwebe. Um psychologische Deutungen macht er generell einen großen Bogen. Die Figuren entstehen aus Redensarten, aus physischen Routinen, vor allem aus ihrem Verhältnis zur Dingwelt. Karl steht in der Tradition der Kontrollfreaks, Umstandskrämer und Ordnungsmenschen, deren Typologie die Literatur der Moderne so effektvoll ausgebildet hat. Mit großem Behagen bucht er die Wirtin unter dem abstrakten Kürzel "F 1" in seinen Unterlagen ab. Das F steht für ihr Geschlecht, die Nummer für ihre Platzierung in der Chronik seines Forschungsprojekts. Entsprechend sind "M 2" und "M 3" männliche Dorfbewohner, die er auf dem Grillplatz oder im Gasthaus auftreibt.

Natürlich nutzt Anna Weidenholzer ihr Sujet für eine Parodie der wahnwitzigen Konjunktur von Glücksratgebern und des Pseudowissenschaftlichen. Aber je schärfer man das Parodistische anschaut, desto realistischer schaut die Geschichte zurück. Was ausgedacht wirkt, ist streng genommen alltäglich. Bei jedem hat schon mal das Telefon geklingelt, und es meldete sich eine anonyme Callcenter-Stimme, um nach dem Stromanbieter, dem Zeitungsabonnement oder der Lebensversicherung zu fragen. Warum nicht nach dem persönlichen Glücksstatus? Anna Weidenholzer überschneidet, und das ist der Clou des Romans, buchhalterische Verschrobenheit alter Schule mit algorithmischen Verfahren neuester Zeit. Es finden sich ernste Themen in ihrem neuen Buch. Aber von kulturkritischer Schwere ist es so weit entfernt wie einem originellen, eben sehr österreichischen Humor nah. Literarischer Mainstream hat bei dieser Schriftstellerin keine Chance.

Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen. Roman; Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016; 190 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €